Chronist der Verlierer – Zum 60. Geburtstag Bruce Springsteens (Teil 1)

Das musikalische Amerika vergangener Jahrzehnte examinierte unterschiedlichste gesellschaftliche Schichten. Tom Waits schürfte immer schon in der unverklärten Poesie der Gosse, Legionen von schunkelnden Country-Musikern gaben dem ruralen Amerika eine schlichte Fantasie vom Paradies. Gefühlte Millionen von Bands suhlten sich in der Dekadenz eines eitlen Hippie-Daseins. Doch kaum ein Songwriter sezierte das Leben und Scheitern, Glück und Pein kleinstädtischer Gefilde. Dann kam Bruce Springsteen und durchstreifte glamourarme Hinterhöfe, erzählte mit großen Gesten alltägliche Sehnsüchte und Desillusionen. Heute wird The Boss 60 Jahre alt. Anlass genug, Streiflichter auf sein Schaffen zu werfen und nun den ersten Teil zu präsentieren.

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That’s quicksand that ain’t mud…

Das Debüt Greetings from Asbury Park, N.J. markiert bereits die Stoßrichtung Springsteens, die Schilderung von Außenseiterexistenzen, doch offenbart sich vor allem der eigene Gefühlskosmos, wogen Wut und Verzweiflung in den Erlebniswelten. Sein bereits messerscharf Blick wirft noch oft ein Auge in den Spiegel. Ungestüm sprudeln die Songs gleich einer Warnung vor Abgründen hervor, in die er selbst zu fallen fürchtet. Lost In The Flood präsentierte sich als erstes Meisterwerk. Auch das im selben Jahr veröffentlichte The Wild, the Innocent & the E Street Shuffle besticht durch geniale Ansätze.

It’s a town full of losers and I’m pulling out of here to win…

Mit dem Durchbruch Born To Run legt Springsteen seinem erzählerischen Alter Ego den Wunsch nach einem Ausbrechen aus dem Kleinstadtmilieu in den Mund. Ein jugendlicher Optimismus begehrt gegen die Enge auf, tritt die Flucht nach vorn an und will den amerikanischen Traum erleben. The Boss hat seine Berufung als Chronist einer aus konservativen Wirklichkeiten auszubrechen suchenden Unterschicht gefunden. Noch scheinen Träume lediglich wenige Meilen hinter dem von Highway auszumachenden Horizont einer Erfüllung zu harren. So zum Beispiel bei Thunder Road.

With the eyes of one who hates for just being born…

Aus Hoffnungen keimen Illusionen. Und das Wissen mehrt sich, dass was zum Greifen nah, doch unendlich fern bleibt. Die Sehnsüchte schmecken bitter, weil die zunehmende Lebenserfahrung lediglich eine Verfestigung des Status quo lehrt. Dies ist die Quintessenz von Darkness On The Edge Of Town. Noch immer leben Springsteens Anti-Helden am selben Ort, haben den Absprung trotz laufender Motoren nicht geschafft. Die Bezirksgrenze erhebt sich als unsichtbare unüberwindliche Barriere. Der tägliche Gang in die Fabriken ist für die Wünsche ein allmorgendlicher Weg aufs Schafott. Eine kurze Abwechslung inmitten jeglicher Tristesse erhellt das Dasein. Wie in dem Highlight Racing In The Street geschildert.

Is a dream a lie if it don’t come true…

Neben all der fast trotzig dargebrachten Leichtigkeit, die das Album The River mit Songs wie Hungry Heart bietet, malt Springsteen weiter an den exemplarischen Schicksalen von Menschen, die abseits riesiger Metropolen nach Erfüllungen trachten – und versagen. Im monumentalen Titel-Track münden einstige Liebesschwüre in eine Beschwörung schöner Erinnerungen, die für Momente die freudlose Beziehungswirklichkeit ausblendet. Familie und Arbeit stiften Sinn, bilden die Verpflichtung eines Erwachsenen. Der ausgetrocknete Fluss repräsentiert die abgestorbenen Träume.

Shining ‚cross this dark highway where our sins lie unatoned…

Nebraska gerät mit seinem reduzierten Sound zum eindringlichsten Werk des Meisters. Es ist das Portrait der Verlierer, die den Untergang suchen (wie im Titel-Song) oder ihm mit höchstmöglicher Rechtschaffenheit trotzen. Töne wie Tränen suchen nach Schuld und Sühne – und nach Vergebung. Und sogar tot gemeinte Hoffnung gedeiht Wimpernschläge lang. All die Widerspüchlichkeiten der Bilanz stellen die Schlussfolgerungen dar, zu welchen die vielfältigen, mit Springsteen gealterten Figuren gekommen sind. Der Härte des Lebens stellen sie die altbekannten, mehr oder minder adäquaten Mittel entgegen. My Father’s House ragt durch die intime Erzählweise nochmals hervor.

An dieser Stelle will ich in der Rückschau vorerst innehalten und auf den demnächst erscheinende zweiten Teil meiner Eindrücke zu Bruce Springsteens Schaffen verweisen. Heute freilich hoffe ich, dass sich der für mich prägendste Sänger und Songwriter ein Gläschen Sekt gönnt und mit dem Wissen um sein überragendes Œuvre voll Stolz auf sein Werk blickt.

SomeVapourTrails

3 Gedanken zu „Chronist der Verlierer – Zum 60. Geburtstag Bruce Springsteens (Teil 1)

  1. Hi Ronja,
    hab deine URL entfernt… wurde merkwürdig weitergeleitet und landete auf der Login-Seite von WordPress… hoffe mal, das war keine böse Absicht von dir… oder bist du doch nur ein böser Spambot ???

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