Crux wie Credo – Pearl Jam

Nur selten werden Rock-Dinosaurier zum Abschuss freigegeben. Das liegt in der kollektiven Verklärung der guten alten Zeit begründet, als Rock noch rockig klang, Groupies willig und Stars noch überirdisch waren.  Heute entfaltet jede wackelig gehaltene Handy-Kamera das Potential, die Götter vom Thron zu schubsen. Und die durch Filesharing entstandene, kostenlose Verfügbarkeit von Musik macht selbige zum Ge- und Verbrauchsgegenstand. An den an bessere Zeiten gemahnenden Denkmälern sägt man nicht, außer wenn sie sich aus einer musikalischen Altherrenfantasie heraus neu erfinden versuchen. Pearl Jam unternehmen diesen – in ihrem Falle – aussichtslosen Versuch erst gar nicht. Was die neue Scheibe Backspacer der eingefleischten Fangemeinde auch bedeuten mag, für mich stellt sie weder absolutes Meisterwerk noch ansatzweise eine Schandtat dar. Die Band muss nicht einmal die Phrase Back to the Roots strapazieren, weil sie sich von selbigen nie wirklich entfernt hat. Das ist gleichermaßen Crux wie Credo.

Backspacer

Eddie Vedder jedenfalls knödelt wie eh und je, das durfte man vorab bei der Single The Fixer konstatieren. Ob Balladen oder flotte, auf kurzweilige 3 Minuten eingedampfte Rock-Nummern – alles klingt konzentriert und kraftvoll. Und die Frische, mit der die Band in der für sie typischen Machart zu Werke schreitet, ist ebenso wohltuend. Die Konstanten im Schaffen sorgen zweifelsohne für Stagnation auf hohem Niveau, wenngleich auch Backspacer wiederum keinen auf ewig wirkenden Ausnahmesong zu bieten hat.

Pearl Jam
Foto: Steve Gullick

Zäumen wir das Pferd von hinten auf. Mit dem eindringlichen, von Todesängsten getragenen The End und seinen nachdenklichen Zeilen „Before I disappear/ Whisper in my ear/ Give me something to echo/ In my unknown future’s ear“ erleben wir ein Highlight in intimen Rahmen gedrechselten Songwritings, das mit stetem Hören an Tiefgründigkeit gewinnt. Force Of Nature hingegen steht für den altbekannte Knackigkeit und Supersonic für eine elangeladene Rock-Hymne, der der zündende Refrain zur Vervollkommnung fehlt. Der bei Vedder oft mitschwingende leidend-entrückte Pathos kriecht bei Unthought Known aus den Löchern und macht es zu einer Ode an U2, die Bono vor Neid erblassen ließe. Just Breathe als zweiter balladesker, so überaus liebevoller Ankerpunkt verrät dann doch auch die Reife einer Band, die dem Furor des Vorgängeralbums eine neue Leichtigkeit entgegen trotzt. Das wird auch auf The Fixer spürbar. Generell hat das dynamische Spiel der Herren Jeff Ament, Stone Gossard, Mike McCready und Matt Cameron Biss, fühlt man ein Band vor sich, die virtuos harmoniert und von Abnützung meilenweit entfernt scheint. Der urtümliche Opener Gonna See My Friend mit preschenden Gitarren wurde von Bassist Ament gar zum ersten echten Grunge-Titel Pearl Jams gekürt. Diese Truppe ist noch hellwach und steht nach wie vor zu ihren Eigenheiten.

Backspacer vertändelt sich weniger als die letzten Platten der Formation. Die Truppe verdankt diese Fokussierung laut Gossard vor allem der Zusammenarbeit mit Brendan O’Brien. Und in der Tat dürfen alle Beteiligten stolz sein, denn trotz kleiner Schwächen sind Pearl Jam auch 2009 eine fixe Konstante der Branche – und ein Genuss für jedweden Hörer.

Links:

Offizielle Homepage
How to Sing Like Eddie Vedder: An Illustrated Guide

SomeVapourTrails

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