Dem Ärgernis von der Schippe gesprungen – Jay Brannan

Eigentlich eine kleine Tragödie. Da greift ein junger, fescher Bursch zur Klampfe, um den Mädels seine emotionale Schokoladeseite zu präsentieren, und überhäuft sich derart maßlos mit Zuckerguss, dass eine jede figurbewusste junge Dame einem Zuckerschock zum Opfer fällt. Heute will ich deshalb Jay Brannan die Leviten lesen. Der in Texas aufgewachsene und mittlerweile in New York lebende Singer-Songwriter veröffentlicht soeben das Album In Living Cover, auf welchem er sich der verhuschten Neuinterpretation von Klassikern verschrieben hat. Meine schier unendliche Güte vermag auch dieser CD positive Seiten abzugewinnen, allerdings soll auch ein Schwerverbrechen nicht unerwähnt bleiben.

InLivingCover

Zunächst sei nochmals klargestellt, dass diese Art von Musik für jegliches Wesen mit Brustbehaarung eigentlich völlig ungeeignet scheint. Echte Männer hören allerlei, von Schostakowitsch bis Mando Diao, aber keine Mädchenmusik, die so süßlich ist, wie es Häagen-Dazs gerne wäre. Jay Brannans Stimme säuselt meist wispernd durch spärliche Instrumentierung, selbst das Piano verweigert jeden lauten Anschlag – nur ja keine weiblichen Zuhörer verschrecken. Doch letztlich schrammt dieser Hauch von Nichts haarscharf an absoluter Bedeutungslosigkeit vorbei. Ein Scheibe, die bis auf zwei Lieder nur Cover-Versionen kennt, ausgerechnet mit einer Eigenkomposition zu eröffnen, darf noch als gefinkelter Schachzug durchgehen. Und tatsächlich zählt Beautifully zu den spärlichen Highlights, könnte in jeder Weiberkram-Serie während einer emotional tief bewegenden Szene der Zurückweisung dahinköcheln. Doch bereits die nachfolgenden Songs wirken uninspiriert. All I Want, im Original von Joni Mitchell, fehlt in Brannans Fassung die Aufbruchungsstimmung. So schön der werte Herr hier auch singt und mit zartem Timbre überzeugt, es bleibt doch alles recht seelenlos. Den kapitalsten Bock schießt Brannan jedoch bei Blowin‘ In The Wind. Diese Ramschkopie eines derart wichtigen Titels verkommt mit seiner Feel-Good-Attitüde zu einer Harmlosigkeit, die selbst in der schlimmsten Diktatur noch im Radio gespielt werden dürfte. In intimer Atmosphäre blüht The Freshmen auf, suggeriert, dass hier durchaus ein Sänger mit Potential zu Werke geht. Und ausgerechnet mit dem Lied Zombie, einem derart mit Dolores O’Riordans wütender Verzweiflung verknüpftem Gassenhauer, wird letztlich doch Gänsehaut erzeugt. Streichergestützt, schlicht weniger reduziert produziert, bettet sich spät aber doch Flair in die sonst meist vorhandene Durchschnittlichkeit. Eine sehr gute, berechtigte Interpretation!

Sollte man nun sofort in den nächsten Plattenladen tigern, um dieses Album der eigenen Sammlung einzuverleiben? Nein. Allerdings kann ich mit gutem Gewissen eine Hörprobe anraten, da Jay Brannan keinesfalls talentfrei daherwankt. Zieht man jedoch den unlängst von mir hochgelobten Timo Breker als Vergleichswert ins Kalkül, dann hat Herr Brannan durchaus das eine oder andere Manko abzuarbeiten.

Tourdaten:

07.09. Köln – Stadtgarten
08.09. Frankfurt – Nachtleben
09.09. München – 59:1
11.09. Berlin – Frannz
12.09. Hamburg – Knust

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Hörproben auf Last.fm

SomeVapourTrails

2 Gedanken zu „Dem Ärgernis von der Schippe gesprungen – Jay Brannan

  1. haha, blöd nur für die jungen damen, dass der herr brannan auch noch eher dem eigenen geschlecht zugeneigt ist

  2. Ja, das macht seine Musik noch unerklärlicher. Nicht mal schwule Jungs fängt man mit so ner Chose ein. Oder orientierte er sich um, weil seine Mucke nur Weight-Watchers-Mitglieder anlockte?

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