Electropop Babes Part III: Marsheaux – Lumineux Noir

marsheaux

Eines vorab, da sitzt ne zurecht beleidigte Diva mit im Lie-In-The-Sound-Club. Die Grande Dame des Electropops lasse ich schon ne Weile warten – irgendwie hat sie es nicht ganz geschafft, mich mit ihrem Lasso einzufangen. Nur so ein bisschen und nur an manchen Tagen. Mein virtuelles Ich hat durchaus auch launenhaft divaesque Züge, im echten Leben bin ich natürlich total bodenständig und NIE zickig, versteht sich. Im so echt wirklichen Leben muss ich aber auch in der passenden  Laune für Electropop/Synthpop sein und das gelingt nur einer Band immer: Ladytron.

Zur Zeit strömen jedoch immer mehr Electropop-Babes in unsere Bar, wollen gesehen und gehört werden. Eines haben fast alle gemein: Die Gnade der späten Geburt, sie kennen die 80er nur als Retro-Trend und diesem huldigen sie, als ob es kein Vorgestern gäbe. Abgesehen natürlich von Inga Humpe, diese hat die NDW miterfunden und irgendwie auch die 180 Grad-Wendung in den OO,  die die deutschen Lyrics von trudchenhaft zu total hip werden ließ. Als eigentliche Helden werden natürlich die Helden gefeiert, ich meine die, die Wir sind

Das Gute an den Retro-80er-Babes ist: Morgen werden sie sich für ihre modischen Verfehlungen genauso schämen, wie wir heute, und übermorgen werden sie sich wundern, dass alles immer wieder kommt und die 80er einfach nicht sterben wollen. Warum die männlichen Babes hier in Berlin jetzt alle mit Schnurrbart rumlaufen müssen, bleibt ein Rätsel, sieht so Scheiße aus, ach… ich hör jetzt an dieser Stelle mit dem Reflektieren auf und bitte mal schnell Marsheaux auf die Tanzfläche.

Marsheaux+2009_2

Angekündigt wurden sie uns wie folgt:

Luftige Melodien, verspielte Klänge und Beats, keine Berührungsängste mit zuckersüßen Ohrwürmern, gepaart mit Coolness, Energie und einer kleinen Prise dunklem Pathos – wenn es zurzeit eine Band gibt, die wie keine andere den Geist der goldenen Achtziger verkörpert, dann ist es das elektronische Girlie-Duo Marsheaux. Dabei beschränken sich Sophie und Marianthi keinesfalls auf das blinde Kopieren altbewährter Erfolgsformeln vergangener Pop-Epochen, sondern bedienen sich lediglich des gleichen Handwerkszeuges, um daraus ein eigenes, hervorragend mundendes Electropop-Süppchen zu kochen.

Die ersten Klänge tönen dann auch sehr verspielt, die Synthie-Melodien merkwürdig vertraut, die Lyrics angenehm säuselnd vorgetragen. Die beiden Griechinnen bieten schon mit dem Opener Exit den perfekten Ausstieg aus der grauen Alltagswelt. Die Songs sind nett und passen zum derzeitigen Trend des Eskapismus – in Zeiten der Krise boomt die Discomusik, tanzender Hedonismus, der das Heute mit Nebelkanonen beschießt.

Der zweite Song Breakthrough (all the milkyway)…  bietet Textzeilen wie „I wanna see the sky“… diese klingen so naiv, wie sie vorgetragen werden. Die Musik von Marsheaux erhebt nicht den Anspruch intellektuell oder progressiv zu sein. In manchen Momenten – u.a. der Nummer Summer – schippern sie gefährlich nahe am  Europop-Sumpf vorbei. Vor meinem inneren Auge beginnt Sandra zu tanzen… und das will doch nun wirklich niemand 😉

Geklaut Inspirieren lassen haben sie sich jedoch von meist hochwertigeren Vorbildern. Dies ist einerseits Vorteil, wird ihnen aber auch zum Verhängnis. Lumineux Noir ist eine rundum gefällige Platte. Süßliche Synthpop-Songs, die in den 80ern schwelgen, ohne jedoch die Melancholie mitzunehmen, mit der ich die Musik dieses Jahrzehnt immer verbinden werden. Dieser Weltschmerztragik, pathetisch, zu Tränen rührend, die aus einfachen Popnummern große Songs werden ließ.

Nette Musik für nette Stunden und hier liegt die Problematik: Gefällig kommt von Gefallen. Bei Marsheaux wird leider auch schnell das Abfallen gegenüber den Vorbildern, die sie zitieren, deutlich.

Ein bisschen zu sehr Weichspüler mit einem Hauch von Goldfrapp-Duft und auch die eine oder andere Prise Ladytron-Flavour wurde hier beigemischt. Positiv ausgedrückt könnte man natürlich auch sagen: Hier wurde sich nicht damit begnügt, Italo-und 80er-Pop zu produzieren… auch die anspruchvollen Indie-Electro-Acts fanden Eingang 😉

Wirklich weh tun allerdings die New-Wave-Anleihen, die ins Wohlfühllicht gehüllt werden. Als würde jemand Goethes Die Leiden des jungen Werther als Teenie-Komödie verfilmen. Nur wer’s Original nicht kennt, kann hier abschalten und genießen.

Fürs junge Partyvolk wird vieles überraschend kommen, die Älteren fragen sich beständig, woher sie den ein oder anderen Keyboard-Lauf kennen. Depeche Mode, Human League und Kim Wilde dürften hier mit von der Partie sein und so einige andere, längst verdrängte Früh-Teenager-Jugendsünden von mir. Alles jedoch immer mit Weichzeichner überzogen.

Genug der Bekrittelei : Mein Highlight auf dem Album ist Destroy Me – ein sehr feiner Popsong – der das Duo von seiner schönsten Seite zeigt.

Ich muss jetzt erstmal tief Luft holen. Das ist so – ich verreiße ungern Alben. Gute Platten werden mit jedem Hören besser. Hier traf bei mir der gegenteilige Effekt ein. Vielleicht bin ich aber auch einfach nur zu alt für dieses Retro-Disco-Gedöns 😉

Marsheaux - Lumineux Noir Kopie

Album: Lumineux Noir
Label:OutOfLine
VÖ: 25.09.09

Tracklist:

Exit
Breakthrough
Summer
Stand By
Radial Emotion
Loss Of Heaven
Destroy Me
Faith
Ghost
It’s Fine Now
Thousand LEDs
So Far
Sorrow

Single: Summer
VÖ: 28.8.09 (digital)

Links: Myspace, deutsche Homepage

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