Handtaschen brennen und tote Katzen atmen – Testsieger

Meine Wenigkeit darf auf die Gnade der späten Geburt verweisen und voll Dankbarkeit behaupten, noch zu sehr Kind gewesen zu sein, um die Hochblüte der Neuen Deutschen Welle bewusst mitzuerlebt zu haben. Und doch fand meine Sozialisation in den Achtzigern statt und allein der Gedanke an den damals dominierenden Keyboard- und Synthie-Sound beschert mir heute noch Kurzatmigkeit und allergische Reaktionen. Unter diesem Aspekt wuchtet sich eine schwere Last auf meine von Gicht geplagten Finger, wenn ich einige Worte  in die Tastatur hämmern soll, die sich auf eine dem Retro-Sound huldigenden Band beziehen. Testsieger nennt sich das Projekt von Derek Mono und Jerry Vulkano, die ein hemmungslos albernes, überkanditeltes, pseudo-bedeutungsschwangeres Revival schlimmsten 80er-Jahre-Gedöns abliefern und mit diesem Spagat ihre Weichteile beinahe nachhaltig schädigen. Fast wäre diese CD dazu angetan, in meine Sammlung bunter Untersetzer für meine vielen, stets gefüllten, immer in verschieden temperiertem Zustand befindlichen Kaffeetassen aufgenommen zu werden, wenn nicht ein – ohne Übertreibung! – erstaunlicher Titel die Erinnerung an jede Vernervung dem Mülleimer des Vergessen übergibt.

Testsieger

Was nun kennzeichnet das Album Laguna Fantasia? Bereits der Track Neue Welt skizziert den folgenden Terror. Flotter, hochgradig tanzbare Synthie-Klänge kräuseln dem Hörer haarsträubende Dauerwellen aufs Haupt. Dazu wuscheln sich „starke Worte, leere Hülsen“ in einer penetrant bierernsten Sprechgesanglichkeit, der man die bereits im Albumtitel angedeutete Nonsens-Attitüde nur schwerlich anmerkt. Hier bleibt das Augenzwinkern in den Gehörgängen stecken. Und in der selben Tonunart geht es munter weiter. Nur ab und an zünden Zeilen wie „Ja hallo Feuerwehr, meine Handtasche brennt!„, erfährt der laut Promotion-Text gepriesene dadaistische Humor seine tatsächliche musikalische Entsprechung – wie bei Normal? der Fall. Bereits Videos und – in geringerem Umfang – Sehen… setzen die dröge Philosophie fort, atmen Musik und Lyrics gleich einer toten Katze. Insgesamt wirkt die Chose wie eine übermütige Fantasie eines pickeligen Strebers mit Bontempi-Keyboard. An So sexy ist vor allem die Kürze des Titels attraktiv, alles andere ist enervierend. Gelungener und in der Tat erheiternd kommt der schön rhythmische Hüftschwinger Ich tanze! rüber. Da zeigt sich Ansprechendes, ehe mit der Balkan-Disco-Nummer Mehr Leben! ein hanebücherner Tiefpunkt erreicht scheint. Und just in dem Moment, wo man die werten Herren am Schlafittchen packen will, brodelt das instrumentale, mit feinen Geräusch-Samples ausgestattet DB Eros aus den Boxen und gibt Hoffnung. Und diese erfüllt sich auch mit der überlebensgroßen Hymne Goodbye Rock. Wie der feucht gewordene Traum meiner schlaflosen Musiknächte trägt dieser Song einen zärtlichen, freilich gnadenlosen Abgesang vor, der die Antithese zu Tocotronics Let There Be Rock zusammenfasst. Das Dahinscheiden der Rock-Musik erfährt ein längst überfälliges Begräbnis erster Klasse. Wunderbar!

Laguna Fantasia

Ich will das Faktum eines über weite Strecken vernachlässigbaren Albums nicht unter den Tisch kehren. Eigentlich liefern Testsieger eine recht unkomische Retro-Frechheit ab, die man ebensowenig ernst nehmen sollte. Letztlich bleibt dennoch zu konstatieren, dass mit Goodbye Rock ein Wunder erschaffen wurde. Mag Laguna Fantasia auch vor Scheiße triefen, in eben diesem Song muss man sich suhlen.

Link:

MySpace-Auftritt mit Hörproben

Kostenloser Download von Je danse! (Französische Fassung von Ich tanze!)

SomeVapourTrails

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