Im Gespräch mit Mein Mio

Rechtzeitig zum Start der Mini-Tour der in Berlin beheimateten Band Mein Mio wollen wir das aus Anlass der Veröffentlichung des Debüts Irgendwo in dieser großen Stadt in den letzten Wochen ausgerufene Special mit einem Interview krönen, welches an einem sonnigen August-Wochenende in einem lauschigen Café im Graefekiez mit Sänger Sebastian Block und Gitarrist Simon Goldfain entstand.

meinmio_sofa_1
Foto: Philipp Nowak

Lie In The Sound: Erste Frage. Was ist euer Lieblingssong des Album?
Sebastian: Ich fang an. Es gibt immer.
LITS: Ist auch mein persönlicher Favorit. Und deiner?
Simon: Frag mich nochmal.
LITS: Wie entsteht so ein Song überhaupt? Sebastian, du hast die Idee, schreibst die Lyrics und dann macht ihr euch zusammen Gedanken über die Musik?
Sebastian: Die schreib ich auch schon an der Gitarre.
LITS: Du bist also wirklich derjenige, der alles schreibt und mit der Band dann die Arrangements entwickelt?
Sebastian: Also, wir versuchen das jetzt ein bisschen anders zu machen. Die meisten Songs waren ja schon fertig, als die Band gegründet wurde.
LITS: Ich empfinde Texte von Mein Mio als sehr poetisch und eben nicht pseudointellektuell. Das ist ja eine Falle, in die viele Musiker hierzulande tappen. Hast du eigentlich immer auf Deutsch getextet, bist du nie auf die Idee gekommen, etwas auf Englisch zu probieren?
Sebastian: Klar. Es reicht aber bei mir nicht über ein Schulenglisch hinaus. Wenn ich ein bisschen mehr Pep im Song haben wollte, hab ich gleich in ein Wörterbuch geguckt und mir dort ein ganz kompliziertes Wort rausgesucht, damit es irgendwie so klingt, als wenn ich was von Englisch verstehe. Das fand ich Quatsch. Wenn man damit anfängt, kann man gleich aufhören.
LITS: Im Frühjahr ist eine Scheibe von Cargo City rausgekommen. Da ging es mir zumindest so: Super Melodien, aber Songtitel wie Flowershops in Hospitals klingen für mich ein wenig gestelzt. Da würde ich zum Beispiel raten,  es mit deutschen Texten zu versuchen.
Simon: Hast du gemerkt, dass es süddeutschen Bands oft viel schwieriger fällt, auf Deutsch zu singen als norddeutschen Bands? Ich weiß nicht, woran das liegt.
LITS: Den Sportfreunden Stiller ja nicht…
Simon: Aber das ist Fußballmusik!
LITS: An ihren Lyrics kann man doch nichts aussetzen. Sind eingängig, oder?
Sebastian: Ich find die auch nicht schlecht. Die haben so eine Naivität, das mag ich auch selber.
LITS: Welche deutsche Band, die auch auf Deutsch singt, findet ihr denn toll? Welche Vorbilder habt ihr?
Sebastian: In Deutschland gibt es nicht so viele Vorbilder.
LITS: Also hast du nicht in deiner Jugend bereits Grönemeyer bis zum Abwinken gehört.
Sebastian: Nie. Eigentlich überhaupt keine deutschsprachigen Sänger.
Simon: Also ich kann die Frage gar nicht beantworten. Meine Vorbilder haben alle Russisch gesungen. Es gibt bestimmte deutsche Bands, die ich respektiere und bewundere. Auch Grönemeyer, obwohl ich nicht der ultimative Fan seiner Musik bin. Jedes Mal, wenn ich irgendwo im Auto sitze und seine Musik läuft, dann halte ich schon inne und höre zu. Wir sind Helden bewundere ich total. Ich hab die mal kurz kennengelernt. Das sind sehr entspannte Menschen. Ich hab mich tierisch blöd angestellt und sie total angehimmelt. Aber die waren total locker und haben mir nicht das Gefühl gegeben, ich hätte mich blöd benommen. Das war mir richtig peinlich und das nächste Mal hab ich mich dann entschuldigt.
LITS: Und du hast niemanden, der dich derart beeinflusst hat, dass du gleich die Gitarre gezückt hast.
Sebastian: Die Beatles waren das einfach. Da war ich 15 und hab ziemlich viel Sechziger-Jahre-Musik gehört.
LITS: Ich hänge ja der These an, dass sich Geschmack relativ früh ausprägt. Was war eure erste CD, die ihr euch jemals gekauft habt?
Sebastian: Mein Geschmack hat sich erst relativ spät ausgeprägt. Ich glaub meine erste CD war Dance Mission. (lacht)
Simon: Meine erste Kassette, nachdem ich in Deutschland ankam, war 4 Non Blondes. Aber das hat mich nicht geprägt.
LITS: Wie schätzt ihr die nähere Zukunft von Mein Mio ein? Wartet ihr die Verkaufszahlen ab, das Echo auf der Tour? Habt ihr schon neue Songs fürs Nachfolgealbum? Oder steht und fällt das Projekt mit den Reaktionen auf das Debüt?
Sebastian: Die Ideen sind da. Es gibt große Lust, was Neues zu machen. Dennoch muss man abwarten, wie das alles funktioniert. Wie das nächste Jahr aussehen wird, das ist entscheidend. Ich weiß nicht, ob es scheitern wird, wenn der Erfolg ausbleibt, aber ich denke, dass wir es dann zurückschrauben werden. Wir müssen ja irgendwann auch Geld verdienen.
Simon: Wir sind relative Spätzünder, weil wir alle im Durchschnitt 30 sind und eben unser Debütalbum veröffentlichen. Wären wir 10 Jahre jünger, wäre es einfach. Zum Beispiel größere Unterstützung der Eltern. Der finanzielle Druck ist auf jeden Fall da. Wir hoffen, dass die Platte sich verkauft.
LITS: Welchen finanziellen Rückhalt bekommt ihr seitens des Labels (Sound Guerilla/DA Music)?
Sebastian: Außer der Promotion wird nichts bezahlt. Auch nicht die Produktionskosten. Wird sich vielleicht ändern, wenn sie nochmal was mit uns machen, sehen das wir funktionieren.
Simon: Für das Label war es auch ein Experiment. Der Deal ist relativ hart. Andererseits haben wir keine finanziellen Risiken, wir tragen die Promokosten und Presskosten nicht. Auch die Einnahmen von Konzerten bleiben bei uns.
LITS: Was war denn das kleinste Konzert, das ihr gespielt habt?
Sebastian: Im Lindenpark haben wir in einem Raum für 1000 Leute vor 35 Gästen gespielt, da waren wir Support für Radiopilot.
Simon: Ist ein riesiger Club mit einer riesigen Bühne und da steht ein Häufchen vor dir. Das ist um einiges trauriger als in nem kleinen Club zu spielen. Du kannst in einem kleinen Raum auf jeden Falle eine Interaktion entwickeln, das Publikum eher irgendwie einbeziehen.
LITS: Wird eine zweite Single-Auskoppelung kommen?
Simon: Die Promo-Agentur meint, es wäre nicht schlecht, eine zweite Single im Oktober hinterher zu schmeißen. Aber wir wissen noch gar nichts, das entscheidet das Label.
LITS: Ihr habt ja immerhin geschafft, dass eure erste Single gleich physisch erscheint und nicht bloß als digitaler Download auf iTunes. Das ist ja nicht selbstverständlich.
Simon: Ich hab mich auch gewundert. Es lag daran, dass die Plattenfirma auch ein Presswerk hat, deshalb war es kein so großer Aufwand.
LITS: Habt ihr auch ein Musikvideo geplant?
Simon: Wir persönlich haben noch kein Budget für ein Video. Mal kucken, wie das Album anläuft.
Sebastian: Ich hätt schon Lust auf sowas. Aber die wollen eben die Single abwarten. Wär gut fürs Internet, etwas Visuelles zu haben. Nicht bloß immer ganz klein auf irgendwelchen winzigen Live-Mitschnitten.
LITS: Wie wichtig ist für Mein Mio der Umstand, dass ihr alle eure eigenen Solo-Projekte durchzieht. Schafft das die nötige Distanz zur Wahrung der Bandharmonie? Oder tut ihr das, weil ihr an kreativer Überproduktion leidet? Ich hab heute kurz in Sebastians Solo-Album reingehört, das klingt schon abgespeckter.
Sebastian: Mich packt immer irgendwas, dann muss ich was Neues ausprobieren, passt halt nicht immer unbedingt zur Band. Es ist aber nicht so, dass ich totale Überproduktion habe.
LITS: Du siehst dich also schon eher als Bandtyp, der keine großen Solopfade anstrebt?
Sebastian: Das wird es für mich immer so nebenbei geben, außerhalb der Band ganz unkompliziert zu arbeiten.
Simon: Ich leide auch nicht an kreativer Überproduktion. Wenn ich was mache, dann sehr selten und sporadisch. Du hast schon recht, manchmal brauch ich das, um Distanz zu haben. Eine Band ist ne Band, das ist wie Familie. Du wohnst mit diesen Menschen in einem Haus, doch manchmal musst du rausgehen, um zu merken, wer du eigentlich bist. Dann kehrst du zurück und bist ein wertvolleres Mitglied der Familie geworden.
LITS: Wen seht ihr eigentlich als eure Zielgruppe?
Sebastian: Wir haben kein Produkt gemacht, das auf eine bestimmte Zielgruppe ausgerichtet ist.
Simon: Wir haben uns darüber keine Gedanken gemacht, aber es kristallisiert sich doch heraus. Unser Fanclub ist so um die 20, aber Jugendsender wollen uns dennoch nicht haben. Wir sind zu alt. Es sind die gesitteten Erwachsenen-Stationen, die positives Feedback bekommen.
LITS: Ich habe Euch auch schon live im Konzert erlebt. Wenn ich mir jetzt das Album anhöre, wirkt es für mich ein wenig schaumgebremst. Es hat nicht diese Energie und Dynamik. Hat das mit dem Schielen auf eine gewisse kommerzielle Glätte zu tun? Oder hängt dies damit zusammen, dass es bei euch live einfach rockiger zur Sache geht?
Sebastian: An den kommerziellen Faktor haben wir eigentlich gar nicht gedacht. Der Sound liegt zum großen Teil am Produzent, mit dem wir das Album aufgenommen haben.
LITS: Manche Bands sind live eine Katastrophe und manche sind live wesentlich besser als im Studio. Würdet ihr die Produktion nochmals so machen?
Sebastian: Von mir aus nicht. Ich fände es durchaus eine Variante, das Ganze live einzuspielen.
LITS: Das Album ist ja sicher eine Referenz an Berlin. Wieviel Inspiration hat euch die Stadt gegeben?
Sebastian: Es sind nicht alle Songs hier in Berlin entstanden.
LITS: Aber Großstadtmärchen sind ja doch das zentrale Thema…
Sebastian: Das hat sich schon herauskristallisiert. Ich schreib über mich und meine Gefühle und da spielt die Stadt eine große Rolle.
LITS: Könnten diese Songs auch in Hamburg entstehen?
Sebastian: Ich hab noch nie in Hamburg gelebt. Deswegen kann ich das überhaupt nicht sagen.
LITS: Du sagst die Lieder sind nicht nur in Berlin entstanden. Wo sind sie denn sonst noch entstanden?
Sebastian: Ich hab vorher in Potsdam 3 Jahre gelebt. Viele sind auch unterwegs entstanden. Vorsicht an den Türen ist direkt in der Bahn entstanden.
LITS: Das Lied ist ja vom Text her mit Abstand das schrägste. Wie kommt man auf so einen Refrain?
Sebastian: Ich hab in der Bahn gesessen, bin damals von meiner ehemaligen Freundin losgefahren, waren 3 Stunden Zugfahrt und hatte die ganze Zeit diesen Spruch vor mir.
LITS: Kommen wir nun zum Thema Internet. Was bringt euch MySpace, wie steht ihr dazu?
Sebastian: MySpace ist ne super Plattform, um Kontakte aufzunehmen zu anderen Bands und Musikern. Ich weiß nur nicht, wie stabil das alles ist, die ganze Fangemeinde, die man hat. Manchmal hat man das Gefühl, es sind ganz viele da, und manchmal, dass keiner da ist. Ich weiß nicht genau, ob nicht auch Informationen untergehen wegen der vielen Werbung, mit der man zugeschüttet wird. Ich hab schon darüber nachgedacht, ob man nicht zurückgeht auf eine ganz normale Homepage und das andere als Fanseite laufen lässt. Also nichts, was man selber macht.
LITS: Ist MySpace vielleicht nur zeitintensiv? Oder sieht man am Ende des Tages, dass Leute dem Link auf Amazon folgen und das Album auch kaufen?
Simon: Es hängt sehr von der Musikrichtung, die man macht, ab. Bei etwas ernster Musik wie Jazz bringt es sehr wenig. Ich hab das Gefühl, dass es bei Pop gut funktioniert. Oder auch bei trashigen Sachen und bei visuellen Konzepten wie sie Bonaparte haben.
LITS: Bei MySpace verschwimmt ja oft die Grenze zwischen Fans und Freunden…
Sebastian: Ich find es eigenartig, dass manche Leute das Konzept von MySpace nicht durchschauen. Dass man als Band einfach Freunde added, um sich zu promoten. Es kommen oft ältere Leute auf die Konzerte, die dann sagen „Ach, wie seid ihr gerade auf uns gekommen? Find ich ja schön.“ Wo man dann ganz toll sehen muss, dass man nicht Falsches sagt. Es gibt Leute, die sagen: „Du, ich bin Janine von MySpace„. Ich weiß halt nicht mehr, wer Janine von MySpace ist. Bei 5000 Freunden…
Simon: Ich hab die Erfahrung gemacht, dass es sich nicht in Verkaufszahlen spiegelt, wieviel Freunde man auf MySpace hat. Tausende Freunde adden bringt nichts, das ist einfach Pauschalität, man muss schon seinen Hörer suchen.
LITS: Verkauft ihr eure Scheibe eher bei Live-Konzerten oder glaubt ihr daran, dass ihr im Internet dann doch auch CDs an den Mann/an die Frau bringt?
Sebastian: Beides funktioniert. Für uns wichtig ist, dass die Leute auf Konzerte gehen und die CDs kaufen, weil wir nur dann wirklich was daran verdienen.
LITS: Gibt es Fans, die auf jedes Konzert gehen?
Sebastian: Ja, die haben wir. Die machen den Support für uns, verteilen Flyer, nehmen uns gern ne Menge Arbeit ab.
LITS: Stichwort Filesharing. Habt ihr schon mal geschaut, ob eure Songs getauscht werden?
Simon: Unsere Songs nicht. Mal abwarten. Aber ich hab nen Freund in Russland. Er hat in einem Torrent-Aggregator seine Sachen gefunden und die Torrent-Leute dann angeschrieben und gebeten, die Sachen runter zu nehmen. Die meinten „Geben Sie uns die Nachweise, dass sie tatsächlich der Urheber und Rechtsinhaber sind„. Wo aber hast du ein Dokument her, dass du deine eigenen Songs geschrieben hast? Jedenfalls wurde das auf der Torrent-Seite gepostet, und da waren dann Kommentare wie „Ich hab grad seinen Blog durchgelesen, ich glaub ich werd es doch nicht runterladen, ich werd mir die Teile kaufen„. Er meint, es ist sehr wichtig, den Leuten klarzumachen, was sie damit anrichten. Dass es jemanden gibt, der sich dadurch beraubt fühlt.
LITS: Wir danken für das Gespräch.

SomeVapourTrails

Ein Gedanke zu „Im Gespräch mit Mein Mio

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.