Sinnebeträufelndes Mirakel – The Low Anthem

Wenn losgelöstes Falsett die Zeilen „And who could heed the words of Charlie Darwin/ The lords of war just profit from decay/ And trade their children’s promise for the jingle/ The way we trade our hard earned time for pay“ intoniert, dabei Poesie und Wahrhaftigkeit verschmelzen, dann schwinden alle Bedenken, dass The Low Anthem nur ein weiteres, in hiesigen Indie-Gefilden gut vermarktetes Strohfeuer ist, dessen Flamme musikalischen Zwergen Riesenschatten verleiht. Und wer so wie meine Wenigkeit die Ehre hatte, eben jene Band auf einer kleinen Bühne beim Spiel zu beschielen, wird die Relevanz und Faszination der Ausnahmekönner nur bestätigen.

The Low Anthem

Fast nach dem Prinzip von Reise nach Jerusalem schnappen sich Ben Knox Miller, Jeff Prystowsky und Jocie Adams recht ungewöhnliche Instrumente und kreieren eine Aura andächtiger Versunkenheit. Wenn Frau Adams die Crotales streicht, schwebt eine Trance durch den Raum. Doch was in meiner Beschreibung experimentiell anmutet, sind nicht etwa Kapricen, die über irgendwelche Mängel hinwegtäuschen sollen. Vom Talent her wäre es für The Low Anthem bestenfalls eine Fingerübung, ihr Œuvre auf Gitarre, Bass und Schlagzeug zu limitieren. Zu eindringlich sind die Lyrics, zu clever die Harmonien, zu authentisch die Performance, als dass Schnickschnack eine Notwendigkeit darstellen würde. Vielmehr liefert die Formation ein Kaleidoskop sinnebeträufelnder Eindrücke ab, zimmert sich eine eigene Kategorie des Schaffens zurecht, der man weder mit Schubladen wie Americana oder Folk-Rock habhaft wird. Mal faucht Sänger Miller feuerspeienden Blues in schnoddrig-dreckiger Manier ins Mikro, dann wieder fistelt er stimmig oder krächzt Dylanesque. Strömen die Songs gar mit dem Selbstbewusstsein überbordend vorhandenen, superben Songwritings ins Konzertgetümmel, zeugen die verbalen Überleitungen eines sehr bescheidenen Millers, dass die Band um ihr extraordinäres Potentials nicht weiß.

ohmygodcharliedarwin

Was sonst inflationär gebraucht, drückt The Low Anthem in einer Handvoll Worte aus. Sehnsucht wird in Don’t Tremble mit „If your heart is unemployed/ Do not rush but do not stall/ For I am waiting“ skizziert. Gefühle derartig prägnant zu artikulieren, das ist Kunst. Aus all der gut gemeinten, gut erdachten und gut gebrüllten Mittelmäßigkeit ragt diese Band himmelhoch heraus, da sie alles besser kann. Wie eben an diesem Abend im Juni, als in einem Berliner Club wundersame Stimmung die Runde machte. Ob nun Adams unbeholfen wirkend die Klarinette bestupste oder Prystowsky inbrünstig den Kontrabass zupfte und Millers wandlungsfähiger, immer hochgradig intensiver Gesang toste, die spärliche Zuhörerschaft vermochte ihre Begeisterung zu zeigen. Man muss auch die so selbstverständlich vorgebrachten Fähigkeiten der Multiinstrumentalisten bestaunen. Welcher sonstige Act teilt Schlagzeug-Pflichten auf, beacktert mit 6 Händen mehr Gerätschaften als so manch Orchester? Und bei all der Umtriebigkeit residiert der Ausdruck an höchster Stelle, klotzen exquisite Melodien und formidable Texte dick und fett.

Mit der gerade in Deutschland erschienen Platte Oh My God, Charlie Darwin hat nun jeder audiophile Gourmet die Möglichkeit, ein famoses Stück Musik zu erwerben. Und die im September anstehende Tour erlaubt auch eine Live-Betrachtung, welche die Augen rauskullern lässt. Musik bleibt ein Mirakel – das belegen The Low Anthem.

Tour-Termine:

15. 09. 2009 München, Atomic Cafe
17. 09. 2009 Zürich, El Lokal
18. 09. 2009 Frankfurt, Brotfabrik
19. 09. 2009 Köln, Gebäude 9
20. 09. 2009 Berlin, Lido
21. 09. 2009 Hamburg, Knust

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