100 Songs – Teil 7 (Viðrar Vel Til Loftárása)

Vor einigen Wochen schon erfolgte die Ankündigung, dass das zehnjährige Jubiläum von Ágætis Byrjun, dem atemberaubenden Durchbruch der isländischen Band Sigur Rós, eine entsprechende Würdigung auf diesem Blog erfährt. Diese will ich nun exemplarisch an dem episch-breiten, melancholisch-traurigen Lied Viðrar Vel Til Loftárása festpinnen. Über 10 Minuten dauert die fesselnde, träumerische Schwermut an, in deren Verlauf filigranes Falsett in einen überbordenden Streicherwulst mündet, der ehrlichen Pathos beschwörend herbeifidelt, um danach in einem chaotischen Ende einer panischen Auflösung anheimzufallen.

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Das gesamte Album pulsiert dank feinst abgestimmter, komplexer und detailverspielter Strukturen, die in vielen Schichten aufgetragen eben keinen zentnerschweren, unverdaulichen Brocken ergeben, vielmehr eine gehaltvolle Fluffigkeit schwebend-sphärischer Entrückungen gewährleisten. Bereits der (vom Intro abgesehen) erste Track Svefn-g-englar schlafwandelt in eine Dimension, welche Beklemmung an Loslösung koppelt, Schönheit an Unbehagen. Und diese Diskrepanzen werfen ihre Schatten ins Hörerlebnis, auch wenn man der isländischen Sprache ohnmächtig gegenüber steht. Man lasse sich nicht von der im ersten Wimpernschlag offenbar werdenden Lieblichkeit täuschen, die Formation tänzelt stets elfengleich am Abgrund, kleidet Furcht in eine mitunter resignative Stimmung, webt verzweifelten Gesang in ein Klangbett, das so flauschig wirkt und doch mehr Spitzen bietet, als sich dies jedweder Fakir wünscht. Auf Ágætis Byrjun bietet Ný Batterí den unmittelbarsten Blick auf etwas, was mehr Traumata als Traum scheint.

Wenden wir das Ohr nun wieder Viðrar Vel Til Loftárása zu, dessen Titel wohl Gutes Wetter für Luftangriffe bedeutet und Verlust und Einsamkeit thematisiert, ehe ein Quäntchen Trost in den finalen Worten „Aber das Schönste, was Gott erschaffen hat, ist ein neuer Tag“ liegt. Sacht baut das Piano ein andächtiges Sentiment auf, ehe sich Violinen dazugesellen und das wiederkehrende Motiv für Jón Þór Birgissons Gesang auffächern. Wie von der Abstellkammer des Aufnahmestudios her quillt seine Stimme von fern in die melodischen Wogen, flutet eine Welle desperater Erinnerung ins Geschehen, dessen Wirkung in den Sog des fast 3 Minuten ausladenden, von dröhnenden Gitarren und dichten Streichern gehexten Instrumentalteils rübergleitet, an dessem Schluss letztere fluchtartig auseinanderstieben.

Die hohe Kunst des Liedes vervollständigt Sigur Rós mit dem dazugehörigen Musikvideo, dessen Geschichte und Bilder die Ausnahmestellung von Viðrar Vel Til Loftárása weiter einzementieren und es wie Balsam auf die Seele des Musikliebhabers gleiten lässt.

SomeVapourTrails

Ein Gedanke zu „100 Songs – Teil 7 (Viðrar Vel Til Loftárása)

  1. Ganz großes Kino! Ich weiß noch genau, wie es war, als ich zum ersten Mal () gehört habe… Erst dieser tolle Gesang und dann das furiose Finale. Fast so toll wie King Crimson oder Genesis. Ágætis Byrjun steht auf jeden Fall auf meiner Liste, wenn ich die nächste Online Bestellung aufgebe 😉

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