Annäherung an eine Kultfigur – One Fast Move Or I’m Gone: Music From Kerouac’s Big Sur

Die Meriten der Beat Generation liegen zweifelsohne im Impetus für das Aufsplittern konservativer Strukturen im Nachkriegsamerika. Doch wie jede enthusiastisch zelebrierte Revolution fraß sie auch die eigenen Kinder. Jack Kerouac zerbrach auf der Suche nach Glück, der bewusstseinserweiternde Rausch verzehrte ihn, bescherte Verbitterung und frühen Tod. Eines jener Dokumente, dass Aufschluss über den fortgeschrittenen Akt einer Zerstörtheit gibt, finden wir in dem Buch Big Sur. Benannt nach einem gebirgigen Küstenstreifen Kaliforniens erzählt es autobiographisch vom Versuch von Kerouacs Alter Ego Jack Duluoz, in der Abgeschiedenheit eine Selbstfindung und Abkehr vom Alkohol zu erfahren. Dies Scheitern und das Erliegen der Verlockungen San Franciscos bilden nun die Ausgangsbasis einer musikalischen Annäherung an Jack Kerouac, welcher sich Jay Farrar (von Son Volt) und Benjamin Gibbard (Death Cab for Cutie) verpflichtet haben.

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Foto von Autumn de Wilde (Quelle: Shore Fire Media)

Nun mag es den in Kerouacs Werk eingeweihten Lesern kein Geheimnis sein, dass der Autor den Jazz ob seiner Spontanität zum Soundtrack der Beat Generation erhob. Und dennoch stellt der von Farrar federführend komponierte, im Genre des Americana gehaltene Soundtrack zum Dokumentarfilm One Fast Move or I’m Gone: Kerouac’s Big Sur keine Fehlleistung dar. Der countryeske Ton eignet sich einerseits famos für die Schilderung des ruralen Schauplatzes und unterstreicht ferner die Dimension eines menschlichen Schicksals. Americana scheint dafür prädestiniert, kleine Dramen mit viel Einfühlungsvermögen zu erzählen. Die Kollaborateure beziehen ihre Texte direkt aus dem Roman, fügen keine Deutungsversuche hinzu, verbrämen nichts, was bereits aussagekräftig genug.

Die amerikanische Legende Kerouac mit dem Kultroman On The Road (dt. Titel: Unterwegs) besitzt auch 40 Jahre nach dem Tod immense Strahlkraft. Die Inspiration für ein Leben ohne Konventionen manifestierte sich schließlich in Massenbewegungen wie den Hippies, prägte die Gesellschaft nachhaltig. Der Mensch und Autor Kerouac freilich bleibt dabei unberücksichtigt, seine Selbstzerstörung fehlt meist in den Erinnerungen an eine Epoche des Wandels. Und genau hier haken Farrar und Gibbard ein, kratzen am Mythos eines ekstatisch feiernden Lebemannes, der lediglich Sex, Buddhismus und Drogen im Kopf hatte. All diese Informationen sollte man im Hinterkopf behalten, wenn man One Fast Move Or I’m Gone: Music From Kerouac’s Big Sur lauscht. Selten noch war das Wissen um den Kontext für das Verständnis eines Albums so essentiell. Denn erst diese Einordnung erlaubt das Begreifen, hebt die unspektakulär gehaltene Platte in lichte Höhen.

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One Fast Move Or I'm Gone: Music From Kerouac's Big Sur

Während Farrars hinlänglich bekannter, getragener Gesang den Lieder eine faszinierende Bedeutungsschwere schenkt und beispielsweise auf dem Track Big Sur glänzt, entwickelt Gibbard mit leichtfüßigen Tönen einen Kontrapunkt, spiegelt die Energie des Schriftstellers wider – wie man beim Song One Fast Move Or I’m Gone zu begreifen vermag. Unter den sehr diskreten, nachdenklichen und nie sensationsheischenden Lieder lauern weitere Offenbarungen, zum Beispiel Sea Engines und das vom Frontman von Death Cab for Cutie so sehnsüchtig-hoffnungsfroh intonierte Williamine. Jay Farrar besiegelt mit San Francisco den bluesigen Abgesang und treibt die beeindruckend treffende, atmosphärisch nachwirkende Schilderung auf die Spitze.

Als glühender Anhänger Kerouacs und veritabler Bewunderer Farrars gewinnt mein Fazit zwangsläufig eine enorm positive Färbung. Die wundervoll grüblerische Versunkenheit der Musik mischt sich mit den eindringlichen Texten zu einer unverzichtbaren Kostbarkeit, welche in dieser gelungen Manier längst überfällig war und das Interesse an der filmischen Umsetzung noch mehr steigert. One Fast Move Or I’m Gone: Music From Kerouac’s Big Sur darf darum auch als hochgradig empfehlenswert tituliert werden.

Link:

Offizielle Webseite zum Film

SomeVapourTrails

Ein Gedanke zu „Annäherung an eine Kultfigur – One Fast Move Or I’m Gone: Music From Kerouac’s Big Sur

  1. Meine Güte, das ging ja vollkommen an mir vorbei! Songs von zeitloser Schönheit und derart anrührend, dass ich nach dem ersten Hören erst wieder zu mir kommen muss…

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