Bitte Beipackzettel beachten – Matisyahu

Wenn ein strenggläubiger chassidischer Jude mit Reggae- und Hip-Hop-Mäntelchen auszieht, um der Welt positive Vibes einzuhauchen, dann hege ich die selben Ressentiments, die ich auch christlicher Erbauungsmusik gegenüber pflege. Die vertonten Jubelmeldungen, wonach Gott so überdrübertoll und man selbst durch den Glauben zum guten, superausgeglichen, glücklichen Menschen gewandelt sei, beeindrucken mich nicht. Die Penetranz gutmenschelnder Lebensfreude liegt doch darin, dass sie sich jedweden Maßstabs entzieht, die Botschaft mehr als der Inhalt wiegt. Denn letztlich findet gut gemeint nicht zwangsläufig seine Entsprechung in gut gemacht. Aber wie soll man eine sachliche Kritik an einem Sänger darlegen, der doch nur die Welt verbessern will, und dabei nicht wie ein hartherziger Menschenhasser wirken?

Matisyahu_Album_Cover

Soeben erschien das Album Light des oben angesprochenen jüdischen Sängers Matisyahu. Und mit eben dieser CD habe ich ein Problem: Neben wirklich hervorragenden Songs, die musikalisch interessant und kraftvoll vorgetragen durch die Boxen schrillen, werden auch Kinderchöre bemüht, die von Freiheit brabbeln, und kräftig in den Schmalztopf gefasst. One Day und On Nature wirken als Negativbeispiele in jeglicher Hinsicht. „I’ve been praying for, for the people to say that we dont wanna fight no more, they’ll be no more wars and our children will play.“ mag für viele Menschen eine schöne Utopie ausdrücken, ich freilich nenne solch Zeilen naiv und die Single One Day Kitsch. Doch kann es jener Herr Matisyahu auch anders – besser! Bereits der Opener Smash Lies ist eine abwechslungsreiche Dancehall-Hymne mit hypnotischem Refrain und starkem Hip-Hop-Feeling. Hier scheint der handwerkliche und kreative Anspruch, den man Musik stellen darf und muss, erfüllt. Die Art des Arrangements macht We Will Walk spannend. Was beim ersten Hören noch überfrachtet wuchtbrummt, gewinnt mit jedem Durchlauf an Schlagkraft. Generell winkt die Diagnose mit dem Zaunpfahl, dass gerade die Reggae-Passagen manchmal zu harm- und belanglos daherschwanken und der rockige oder von Hip-Hop geprägte Fokus stichhaltiger und mitreißender wuselt. Motivate funktioniert in seinem Mix verschiedenster Stile, in dem sich plötzlich sogar ein markiges Gitarren-Solo findet, sehr gut und deutet in der krachmachenden Vielfalt das Potential eines fähigen Sängers und Schreibers an. Sobald man ihn endgültig ins Herz klammern möchte, sorgt übler Reggae mit haarstäubendem Gejohle – wie bei I Will Be Light – für blankes Entsetzen. Und wenige Lieder später zieht Darkness Into Light wieder alle Register.

Matisyahu_Pic3

Wer sich an den von mir nun dargereichten Beipackzettel hält und die Tracks mit den Nummern  3, 6 und 8 unbedingt ausspart, wird in Light eine leicht krude, ab und an innovative,  engagierte, aber dennoch schlüssige Platte finden, die in den besten Moment sogar besser gemacht als gemeint tönt. Und nein, auch nach näherer Beschäftigung verspüre ich noch immer kein Verlangen als Gutmensch durch die Straßen zu tollen. Dazu ist die Botschaft Matisyahus in letzter Konsequenz dann freilich doch differenziert genug und in der Lebenswirklichkeit genügend verhaftet, um mehr als religiöse Phrasendrescherei zu bieten. Gut so.

Tour-Termin:

11.10. Berlin – Columbia Club

Link:

Offizielle Webseite

SomeVapourTrails

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