Der Künstler-Mindestlohn

Mindestlöhne. Wer in Zeiten der Krise auf selbige insistiert und Arbeitgebern unterstellt, dass eine unverhohlene Ausbeutung der neue Chic ist, wird mit Gefasel vom Aufschwung zugedröhnt. Die Konzepte der FDP und CDU bringen es auf den so simplen wie falschen Nenner: Geht es der Wirtschaft gut, bringt dies Arbeitsplätze. Und jene ernähren Menschen. Und dieser Mumpitz wird mantraartig wiederholt, bis er sich erfolgreich in vielen Köpfen etabliert. Doch sollte der Fokus auf dem Menschen liegen, auf seinem verbrieften Recht auf Würde, auf eine Entlohnung, die ein angemessenes Leben und Selbstentfaltung erlaubt. Und genau diese Selbstentfaltung ist unweigerlich an Produktivität geknüpft. Dadurch wird ein wirtschaftliches System angetrieben. Nie und nimmer durch die kapitalistische Sklaverei dieser Tage, welche den Sozialstaat ausbeutet, indem der Staat den arbeitenden Hungerlöhnern Zuschüsse gewährt und damit die Sklaventreiber auch noch quersubventioniert.

Natürlich muss auch jeder von uns in seiner Eigenschaft als Konsument ein mea culpa ausrufen. Die Billig- und Gratismentalität fördert ein Klima, in welchem Profit nur mehr durch gesunkene Personalkosten erreicht wird. Denn die Preiswirklichkeit für Rohstoffe scheint längst schon am unteren Rand angekommen. Die Effektivität der Ausbeutung von Arbeitnehmern hat vor allem in unsicheren Zeiten noch immer Optimierungspotential. Aber darf man Otto Normalverbraucher wirklich den schwarzen Peter zuschieben? Wer wenig hat, dem bleibt Geiz als Notwendigkeit.

AdamSmith
Adam Smith: "Keine Gesellschaft kann gedeihen und glücklich sein, in der der weitaus größte Teil ihrer Mitglieder arm und elend ist."

Begeben wir uns nun in musikalische Gefilde. Denn in der Debatte um Filesharing, Urheberrecht und Musikindustrie werden meist nur Extrempositionen eingenommen. Die erste sucht nach einem Rettungsanker für die marode Branche, indem sie das alte System der Unterhaltungsindustrie mit neuen Mitteln stabilisieren will. Einen zweiten Zugang bietet die Mär von der schönen, neuen, digitalen, Welt, die ein allgemeingültiges Anrecht auf Kunst und Kultur ausgerechnet dadurch propagiert, dass sie eine kostenlose Weitergabe fordert und in den Tiefen des Netzes auch lebt. Zwischen all den Systemerhaltern und Dieben geraten oft jene ins Hintertreffen, die sich um die Existenzgrundlage von Musikern sorgen. Ein paar Nebelbomben genügen da schon. Madonna sei stinkreich, und auch Coldplay müssen sicher nicht darben. Und flugs werden alle Künstler zu Bestverdienern upgegraded. Diese Milchmädchenfantasie hält sich hartnäckig bei einer Mehrzahl von Konsumenten. Dabei könnte man schwerlich einen größeren Nonsens schwadronieren. Nicht alle Siemens-Angestellen leben in Saus und Braus, auch wenn die Gehälter der führenden Manager wohl recht ansehnlich sind. Dieser Tunnelblick auf etablierte Künstler verneint die Nöte stinknormaler Musikschaffender. Ähnlich verhält es sich mit den riesigen Labels, die so gerne als Feindbild benutzt werden. Wenn Warner und Sony als Branchenführer mal fette, mal dünne Gewinne einfahren, meint dies keinesfalls, dass jeglicher Inhaber einer Plattenfirma im Luxus badet. Wenn Aldi den Eigentümern Reichtum beschert, kann trotzdem der Gemüseladen um die Ecke vor die Hunde gehen.

Im Diskurs über die Zukunft wird das Musikbusiness oft auf die im Rampenlicht befindlichen Akteure reduziert. Die Legionen von Künstlern, die wenig bis nichts verdienen, ignoriert man geflissentlich und deklariert sie zum Abfall einer natürlichen Auslese. Würden wir freilich dies auf alle Berufstätigen umlegen, wäre auch das Schicksal einer Verkäuferin bei Karstadt keine Überlegung wert. Sind wir wirklich so unsolidarisch – oder ist der Künstler in unseren Augen ein Taugenichts, der einem Hobby frönt?

Solange uns Lieder bewegen, Leben befuchten, muss auch der Rubel rollen, dadurch Existenzen sichern und die Vielfalt von Musik weiter fördern. Und aus dieser Überlegung heraus braucht es einen Mindestlohn für Künstler. Ein Grundgehalt, welches faire Lebensgrundlage für kreative Köpfe darstellt. Zwei Prämissen sind für dies Unterfangen notwendig.

Eine Stärkung des Urheberrechts, welches auch wirklich nur die Interessen der Urheber ins Auge fasst und Verwertungsgesellschaften nicht zu einem Moloch aufbläht, der die eigenen Mitglieder aufmapft. Obzwar nichts gegen leistungs- und erfolgsgerechte Verteilung spricht, kann/darf/soll es nicht Usus sein, dass eine Heerschar an ungewollten Steigbügelhaltern die wenigen Stars noch fester in den Sattel hievt. Genau dies ermöglicht die GEMA. Eine gerechte, transparente, solidarische Verteilung von Einnahmen benötigt eine neue Systematik, die einen Sockelbetrag für alle Mitglieder vorsieht und Charts-Stürmer mit zusätzlichen Bonuszahlungen würdigt.

Der Konsument freilich muss ein adaptiertes Denken entwickeln, den Tellerrand nicht zum Horizont erklären. Musik funktioniert auch abseits von Universal und EMI. Man sollte Vielfalt nicht nur fordern, sondern sie auch suchen. So wie Tausende Läden Berlins auf Kunden warten, die ein wenig Geld auszugeben wünschen, existieren auch Unmenge an Labels, welche eine reiche Produktpalette anbieten. Gehen alle Berliner zu Karstadt, Saturn und Lidl? Wohl kaum. Man holt die Schrippen beim Bäcker, die Gurken aus dem Spreewald auf dem Markt. Jener Attitüde sollten wir auch im Musikkonsum huldigen. Dabei nie den Fehler begehen, die Marktführer pauschal zu verteufeln. Nur weil Bio-Artikel in den Regalen von Penny herumlungern, sind sie deshalb noch nicht minderwertig. Dies gilt auch für Musiker, die ihre Musik bei Sony zum Verkauf anbieten.

Alle müssen was tun, lautet der Titel eines Liedes von Funny van Dannen. Und tatsächlich trifft dies im Bereich der Kunst und Kultur zu. Wir alle können etwas ändern. Und solch Anliegen ist keine Chimäre, der man aus Langeweile nachhängt. Wenn Musik (oder Bücher, jede Art von Kunst) so unwichtig wäre, warum zum Teufel hören wir sie dann alle? Weil sie inspiriert? Oder unterhält? Scheißegal, sie scheint Teil unserer Leben. Und damit ist es auch der Produzent selbiger. Da ich auch meinem Friseur wünsche, dass er für seine an mir erbrachte Dienstleistung gerecht entlohnt wird, fordere ich genau dies für den Sänger und Komponisten, dessen Song gleich Honig aus meinen Ohren tropft. Mindestlohn und mehr.

SomeVapourTrails

9 Gedanken zu „Der Künstler-Mindestlohn

  1. Volle Zustimmung meinerseits.

    Aber wie vermittelt man Politik und Gesellschaft dieses Anliegen, und vor allem, wie baut man die notwendige gesellschaftliche Akzeptanz auf?

    Wir können von unserer Musik nicht leben. Im Gegenteil, wir zahlen drauf, und das geht in die Tausende. Wir rackern uns halb kaputt, um überhaupt in die Lage zu kommen, Musik machen zu können.
    Äußert man dies öffentlich, so heißt es sehr bald, es handle sich einfach nur um Bettelei und Nörgelei. Und wir wollen unseren über 20000 Downloadern ja auch nichts Böses unterstellen – wir freuen uns über jeden, der unsere Musik hört. Trotzdem herrscht wohl, wie man an unserem Spendenkonto und unseren CD-Verkäufen sehen kann, irgendwie die Meinung vor, dieses Schaffen sei nicht wirklich entlohnungswürdig.

    Welcher Aufschrei wird also erst durch die Gesellschaft gehen, wenn (ein sehr hypothetisches „Wenn“) der Mindestlohn für Künstler eingeführt wird (welcher ja auch irgendwie eingefordert werden muss, vermutlich über die Steuer)? Dann werden sich doch garantiert diejenigen lautstark zu Wort melden, die der Ansicht sind, dass das doch keine richtige Arbeit ist, und dass sich jene Künstler, die nicht zufällig durch eine Entdeckung von irgendeinem wichtigen Krawatti von Sony gesegnet wurden, halt gefälligst eine anständige Arbeit suchen sollen.

    Wie also klar machen, dass es sich hier sehr wohl um harte Arbeit handelt, die allen zugute kommt?

    Liebe Grüße,
    Stephan
    Botany Bay

  2. Tja, wie Recht du hast. Leider gibt es immer mehr Menschen, die der Meinung sind, dass wir Musiker nur keine Lust haben, etwas „Anständiges“ zu lernen oder hart zu arbeiten. Irgendwo im Netz habe ich mal einen Kommentar gelesen, dass Musiker „Gesocks“ wäre, dass nur mal richtig arbeiten müsse und sonst nur aus faulen Säufern bestehen würde und früher, bei unseren hart arbeitenden Großeltern, hätte es sowas nicht gegeben.
    Wie soll man jemandem klar machen, dass es sehr wohl harte Arbeit ist, einen guten Song zu schreiben? Wie soll man jemandem verdeutlichen, dass Equipment nicht vom Himmel fällt, Talent erst recht nicht. Nicht jeder Musiker ist ein biertrinkender Jugendheimprolet (nichts gegen Punk Musik, aber ich laste ihr einfach mal an, dass sie einen Großteil zum Negativimage der Musik beigetragen hat – Saufen und oftmals mangelndes Talent treffen hier sehr oft zusammen). Wer kann schon nachvollziehen, wie es ist, monatelang keinerlei Inspiration zu haben, mit dem Druck, dass mal wieder was gutes kommen müsste?
    Versuch mal mit nem eigenen Stil Mitmusiker zu finden (vor allem in einer eher kleinen Stadt). Musikstudenten sind mir zu fixiert auf Klassik (und leider oftmals auch zu eingebildet um mit jemandem wie mir zu arbeiten) und Andere haben es einfahc nicht drauf oder fixieren sich auf Standardformeln. Kaum jemand hat den Mut, Musik um der Kunstwillen zu gestalten. Und so muss man sich Musiker mieten oder eben einigermaßen fähig sein, seine Hauptinstrumente selbst zu spielen (wie ich 😉 ).
    Zu erst einmal muss das Image des Künstlers wieder ehrbar werden. Den Menschen muss klar werden, dass sie hart arbeiten und nicht jeden Tag neue Frauen aufreißen oder sich ins Delirium trinken.

  3. Sehr guter Artikel und es trifft den Nagel auf den Kopf.
    Nur wird das wohl leider kaum gelingen. Künstler haben es mittlerweile sogar schwer, in die Künstlersozialkasse aufgenommen zu werden. Was da an „Nachweise“ zur Aufnahme erbracht werden muss, lässt fast schon vermuten, das man keine mehr aufnehmen will.

    Gruß,
    Andreas

  4. Ich bin ja ebenfalls großer Fan der Idee. Aber ich glaube, dass da einfach keine vernünftige Umsetzung möglich ist.

    Und was den Konsumenten angeht: ich glaube die meisten Konsumenten sind mit dem Tellerrand als Horizont ganz zufrieden. Gehört wird was einem das Radio vorkaut und fertig.
    Ist ja prinzipiell auch nichts gegen einzuwenden. Du kannst nicht erwarten, dass die Radiohörer das in irgendeiner Form reflektieren. Die suchen nicht nach neuer Musik, sondern die lassen sich das vorkauen vom Radio. Und die denken schon gar nicht darüber nach, bei welchem Label Musik erscheint oder kommen gar auf die Idee sich die Roster einzelner Labels anzugucken… Ist prinzipiell ja auch nichts gegen einzuwenden. Ich mach das z.B. bei Filmen so. Ich kenne nur die Filme, von denen man promomäßig so zugeballert wird, dass ignorieren unmöglich ist und ich kenne außer Tarantino auch keine Regisseure und schon gar nicht mache ich mir Gedanken darüber, von welchem Regisseur welcher Film ist oder gar wer den finanziert und produziert hat… Interessiert mich einfach nicht. Andern Leuten geht das so mit Musik.
    Kann man scheiße finden, kann man aber auch verstehen….

    Klar ist das für die Künstler scheiße. Aber du kannst nicht erwarten, dass das besonders vielen Leuten bewusst ist und wenn es ihnen bewusst ist, dass sie daran aktiv etwas ändern wollen.

    Und überhaupt, der Konsument ist momentan nichtmal bereit überhaupt etwas für Musik zu zahlen. Zu erwarten, dass er sich, sofern er denn überhaupt kauft, auch noch Gedanken dabei macht ist wohl etwas sehr optimistisch…

  5. Grundsicherung für Künstler? Wo darf ich unterschreiben? Leider wirst du mit der Idee sogar bei Künstlern, Labels und deren Vereinigungen auf taube Ohren stoßen. Allerdings find ich die Debatte auf dieser Ebene mehr als gerechtfertigt. Die positiven Effekte, die damit einhergehen würden, wären für diese Gesellschaft dringend notwendig.

    Und überhaupt, der Konsument ist momentan nichtmal bereit überhaupt etwas für Musik zu zahlen. Zu erwarten, dass er sich, sofern er denn überhaupt kauft, auch noch Gedanken dabei macht ist wohl etwas sehr optimistisch…

    Wenn der Konsument Geiz geil findet, gibt es im Kunstbereich eben 2 Möglichkeiten: Ich laß alles sterben oder ich fördere diesen. Ersteres konnten und können wir seit Jahren in unserem Land beobachten. Letztere wäre wünschenswerter, zumindest aus meiner Sicht.

  6. (Das erste Mal, dass ich hier zitiere, ich hoffe das klappt, sonst sorry 😉 )

    Klar. Aber auch hier die Frage: wie genau willst du das machen? Und dabei noch eine gerechte Geldverteilung an die Künstler gewährleisten?
    Ich bin da ja auch voll für, aber ich weiß einfach nicht wie man das konkret umsetzen könnte.

  7. @Frauke: Das ist und bleibt die Frage. Auf allen Ebenen entwickelt sich zur Zeit unser Land von der sozialen Marktwirtschaft zum Raubtierkapitalismus. Was SomeVapourTrails ausdrücken wollte, ist die Tatsache, dass sich die Konsumenten hier nicht aus der Verantwortung stehlen sollten. Das ist natürlich eine moralische Frage. Die will niemand so wirklich hören, zumindest nicht die Anhänger der „Geiz ist geil“ – Kultur, dass die Armut, die damit erzeugt wird, auf die gesamt Gesellschaft zurück fällt, ist den wenigsten bewusst. Auch nicht, wie viele Arbeitsplätze eben durch den Einbruch der Musikwirtschaft schon verloren gegangen sind. Heute müssen viele Musiker Jobs selbst mit übernehmen, für die früher andere hauptberuflich engagiert waren.

    DifferentStars

    PS: Moral ist gerade im Netz ja auch immer uncool, der Spreeblick hat gerade einen sehr interessanten Beitrag zum Thema Digitale Verantwortung geschrieben.

  8. Aber auch hier die Frage: wie genau willst du das machen?

    Grundsicherung bedeutet bedingslos. Also Geld für Kunstschaffende im Allgemeinen und Speziellen, um ihnen das Dasein zu gewährleisten. Woran dann die Ernsthaftigkeit des Künstlers gemessen werden sollte, wäre durchaus eine Frage für mich, die ich auch so auf Anhieb nicht zu beantworten mag. Und siehe Künstlersozialkasse: Auch da gibt es eben Kriterien, die einzuhalten sind, um in den Genuß einer Mitgliedschaft zu kommen. Auf solch einer Basis seh ich das durchaus machbar.

    Und dabei noch eine gerechte Geldverteilung an die Künstler gewährleisten?

    Ich sprach bewusst von einer Grundsicherung. Weil diese eben erstmal nur das Notwendigste abdeckt, um einem Künstler das Leben fernab von anderen Jobs gewährleisten sollte. Was darüber hinaus an Geldfluß denk- und wünschenswert wäre, steht wiederum auf einer anderen Agenda. Erfolg sollte schon noch entsprechend entlohnt werden, denn auch ich bin keineswegs ein Verfechter kommunistischer Gleichmacherei.

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