Der Sinn von Greatest Hits

Wer immer sich im Alltag schnell mal eine Tiefkühlpizza gönnt, ab und aus Gründen der Zeitersparnis dem Convenience Food huldigt, läuft dieser Jemand Gefahr seine Geschmacksnerven vor die Hunde gehen zu lassen? Wenn man einen Club-Urlaub ins Auge fasst und damit der unkomplizierten Bequemlichkeit den Vorzug gibt, ist man dann automatisch resistent gegen wahre Entspannung fernab des Drills animierter Fröhlichkeit? Und wie sieht es mit den Käufern von Alben mit ominösen Titeln wie Greatest Hits oder Best of aus? Dürfen sich die Käufer solcher Scheiben, Banausen schimpfen lassen, weil sie nicht selbst die Perlen eines musikalischen Werk handverlesen?

Genau dies wurde von einem der Autoren des zu den bekannteren deutschsprachigen Musikblogs zählenden 78s im Zusammenhang mit dem Erscheinen der Werksschau der Foo Fighters behauptet. Nun lautet die Eigendefinition von 78s zwar Magazin, aber in Zeiten des Internets ist ja alles ein Magazin, was sich selbst zu wichtig nimmt und mit einem ambitionierten Aufwand betrieben wird. Freilich sollte man Großspurigkeiten vermeiden, wenn man die Mechanismen der Musikbranche, Kaufmotive der Konsumenten nicht begreift. Das gilt für den Label-Heini ebenso wie für den kleinen Blogger. Das Zurechtzimmern von Business-Realitäten mag einem Trent Reznor vorbehalten bleiben, dessen Tiraden ja stets die Hand beißen, die ihn einst aufgepäppelt.

GreatestHits
Greatest Hits - wer mag sie missen...

Doch kehren wir zurück zur Ausgangsfrage. Stellen die Sammlungen der (meist) kommerziell erfolgreichsten Stücke eines Acts in Zeiten von Song-Downloads überhaupt noch ein sinnvolles Angebot an den Kunden dar? Negieren die Plattenfirmen damit nicht die Krise des Albumformats? Oder richtet sich solch ein The Best an eine Klientel, die strunzdumm und ignorant genug ist, dass man ihr ohnehin alles unterjubeln kann? Die Antworten auf diese Erwägungen harren keineswegs einer überfälligen Motivforschung. Doch sollen sie an dieser Stelle nochmals in Stein gemeißelt werden, damit Snobs und Kenner nicht selbst in aufwändigen Feldversuchen die Niederungen des Musikkonsums ausloten müssen.

Bequemlichkeit ist der eigentliche Antrieb unserer Zeit. Wir unternehmen enorme Anstrengung, um das wohlige Gefühl von Bequemlichkeit auszukosten. So wie das oben angerissene Convenience Food uns die Sorgfalt erfordernde Zusammenstellung eines Essens abnimmt oder Kauftempel wie Karstadt das Aufsuchen vieler einzelner Fachgeschäfte ersparen, genau auf diese Art wartet der ohne Obsessionen behaftete Durchschnittshörer von Musik auf ein unwiderstehliches Angebot, welches ihm für einen möglichst niedrigen Einsatz maximale Leistung verspricht. Und da haken Greatest Hits ein, versprechen in den Charts gestählte Songs en masse. Das mag nun den inbrünstig jedwede Neuveröffentlichung eines Künstlers erwartenden Fan nicht über Gebühr beeindrucken, den prinzipiell an Musik interessierten Zeitgenossen hingegen schon. Und eben jene greifen dann in Läden wie Saturn zu den Zusammenstellungen und schwemmen Geld in die klammen Taschen der Musikkonzerne.

Die immer wieder diskutierte Problematik sinkender Albenabsätze und der dank iTunes vermehrte Fokus auf digitale Downloads einzelner Songs, vermag auch in wenigen Worten auf den Punkt gebracht werden. In aller erster Linie ist dies eine Krise des Mainstreams. Die Branchenprimusse nötigten die unter ihrer Ägide befindlichen Musiker zu lange, eine Handvoll Hits auf eine Platte zu verfrachten. In den letzten Jahren büßten nun Künstler wie Labels für die Lücken, die offensichtlich klafften, wenn ein im Kern gutes Produkt künstlich aufgebläht, mit offensichtlich weniger gelungen Liedern auf 60 Minuten und mehr in die Länge gezogen wurde. Ein weiterer Aspekt liegt im zunehmend wählerischen Denken der Menschen erklärt. Der Konsumwahn der letzten Jahrzehnte führte zu ungeahnter Vielfalt. In Läden wie Kaufland bekommt man eine Handvoll verschiedener Sorten abgepackten Sauerkrauts. Der Käufer wiegt sorgsam ab und trifft eine Entscheidung. Genau diese Einstellung, der tagtäglich unzählige Male angetrimmte Abwägungsprozess, führte natürlich auch seit der Einführung digital erhältlicher Einzeltitel zu einer Selektion. Es geht nicht mehr allein darum, ob nun das neue Album von U2 oder R.E.M. erworben wird, vielmehr konkurrieren nun auch die einzelnen Lieder einer Platte miteinander, buhlen um die Gunst entscheidungsfreudiger Personen.

Wer bis dato aufmerksam mitgelesen hat, den muss der abschließende Befund nicht irritieren. Natürlich beinhaltet die Zielgruppe für Greatest Hits keine Anhäufung von Banausen. Solch Sammlungen sind Offerte an Leute, deren oberste Priorität eben nicht in einer umfassenden Kollektion liegt. Mit dünkt das legitim, denn es soll ja Zeitgenossen geben, die in mehr als einer Leidenschaft ihre Erfüllung finden und neben den Hits von Joni Mitchell nicht gleich Scooter ins Regal sortiert haben. Soviel Vorstellungsvermögen darf man auch von Magazinen erwarten, die zwar snobistisch über Musik schreiben, aber für das Kleine Einmaleins der Branche noch ein wenige Nachhilfe benötigen.

SomeVapourTrails

10 Gedanken zu „Der Sinn von Greatest Hits

  1. Wir müssten uns eigentlich mal ein paar Drinks genehmigen, schade dass Ihr so weit weg wohnt 🙂 (Wieder einmal) Genau meine Meinung!

    P.S. Bin ich ein Banause, wenn ich die kommende Live-Platte der Killers und das Best of von Snow Patrol kaufe? Muss gestehen, dass ich deren Songs schon cool finde, auch wenn man das ja nur schwerlich zugeben darf, seit diese Bands Erfolg haben 🙂

  2. Habe gerade heute „The Sound Of The Smiths“ gekauft – weil ich nen Überblick haben wollte und es von denen nur Best Of Scheiben gab. Schade eigentlich. Hätte gerne mit nem Album angefangen…

  3. Ich sehe das mal wieder anders, Sportfreunde. Zwar find eich auch, das 78er der grösste Luftpumpenblog seit Erfindung Desselbigen ist, aber Best-of Alben kaufe ich mir grundsätzlich nicht. Ich kann das nicht mal so richtig begründen. Dieses Zusammenstellungen wirken irgendwie ….unrein, unecht, falsch, minderwertig. Das hört sich jetzt blöde an, aber ich möchte mein CD-Regal nicht mit Best-Of Platten „verunreinigen“. Ganz schön arrogant, oder?

  4. Nun arrogant nenne ich das nicht, vielmehr eine nach strengen Regeln gelebte Passion. Das ist durchaus akzeptabel, solange man anders veranlagten Zeitgenossen Best-of-CDs gönnt. Ich sehe durchaus einen Sinn darin. Ich käme nie auf den Gedanken, mir sämtliche Queen-Alben zuzulegen, die Greatest Hits freilich habe ich. Oder nehmen wir Fatboy Slim. Herr Cook enthusiasmiert mich sehr und dennoch würde ich jedermann als erste CD die Compilation Why Try Harder empfehlen. Die Essenz eines Künstler ist vor allem für Einsteiger oft auf solch Zusammenstellung wirklich fassbar. Und meine Leidenschaft für The Smiths hat sich auch erst durch die Compilation Louder Than Bombs entwickelt. Greatest Hits haben viele Vorteile, können höchstens dem Hardcore-Fan oder Puristen wenig bedeuten.

  5. Ich besitze das Placebo Best of. Ganz einfach deswegen, weil ich früher mit denen insgesamt einfach nicht so richtig viel anfangen konnte. Aber einige Songs (fast alle auf dem Best of vertreten) fand ich schon toll und irgendwie hat die Band mich ja doch interessiert. Deswegen hab ichs mir gekauft. Heute kann ich (u.a. sicher auch deswegen) mehr mit der Band anfangen und bin dabei, so langsam nach und nach die Alben zu kaufen.
    Für Einsteiger sind Best ofs also tatsächlich manchmal sehr gut.

    Man sollte diese Best of-Sammlerei nur nicht zum Prinzip erklären und nur selbige besitzen. Das ist tatsächlich schrecklich. Aber einer ansonsten gut sortierten Musiksammlung können auch ein paar Best ofs nichts anhaben 😉

  6. Ich finde es hingegen ziemlich dämlich, wenn man sich Best Of Scheiben von Künstlern kauft, die wenige Alben gemacht haben. Beispiel Michael Jackson oder Janis Joplin. Haben beiden nur 5 (?) Studioalben aufgenommen, von denen jeweils eins relativ unbedeutend ist. Im Ernst. Wenn ich Vater und Sohn sehe, die sich nicht entscheiden können, ob sie von MJ die Best OF für 20€ oder das 5 Alben Packet für 21€ kaufen sollen, werde ich verrückt! Oder Best Of Scheiben von Sophie B Hawkins Majorphase. Die Hits sind auf 3 CDs verteilt, die alle ziemlich gut sind. Auch immer schön: Compilationen von Jethro Tull (am besten mit Thick As A Brick und A Passion Play als 3 Minuten Edit) und Yes (wo natürlich das BEste fehlt (Close To The Edge). Bei den Beatles macht das Konzept dann aber wieder Sinn. Naja. Bei der heute gekauften Smiths SCheibe fehlt irgendwie der Albenkontext!

  7. Als „Einstiegsdroge“, wie Frauke weiter oben schon richtig bemerkt, taugen Best-Of’s tatsächlich was. Wenn man sie dazu noch richtig pimpt, wie z.B. U2 mit ihren beiden Special Edition Greatest Hits, greife ich da auch gerne mal zu, obwohl man die kompletten Alben auch schon im Regal stehen hat. Und seien wir ehrlich: von manchen Künstlern reicht getrost eine dieser Scheiben, weil sich die übrigen Albumtracks oftmals nach einer gewissen Zeit halt doch als Füller entpuppen… Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel!

  8. Obwohl mir ja zum Beispiel Snow Patrol, die Michael weiter oben angesprochen hat, wirklich sehr sympathisch sind und ich Ihnen den Durchbruch gönnte, sind sie für mich ein Musterbeispiel für eine Band, bei welcher es zumindest beim derzeitigen Stand ausreicht, eine Greatest Hits zu besitzen. Gegenbeispiel: Bruce Springsteen. Da könnte kein Album – nicht mal in Form einer Doppel-CD – sein Werk auch nur ansatzweise abbilden und die bisherigen Versuche scheiterten hier auch.

    SVT

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