Nichts für Korinthenkacker – Mumford & Sons

Warmduscher, die Folk mit harmlos verschwurbelter Poppigkeit à la Fleet Foxes präferieren, werden mit der neuen Hemdsärmeligkeit wenig anzufangen wissen – und das ist gut so. Korinthenkacker, die stets mehr Haare als Fettaugen in jeglicher Suppe erspähen, mögen den karoträchtigen Flanell-Rhythmen eine schlichte Direktheit ohne Verquerungen unterstellen, gar mangelnde Raffinesse monieren – gut so. Musik freilich postuliert sich nicht in überschwänglichen Arrangements und komplexer Komposition, in aller erster Linie definiert sie sich über das Verhältnis der eingesetzten Mittel zur Wirkung. Und selten noch vermochte dies stimmiger tranportiert werden, als es die Band Mumford & Sons tut.

SighNoMore

Was dem Album Sigh No More den Status eines Meisterstück verleiht, ist das simpel gestrickte und doch so virtuos umgesetzt Konzept, dass eine kräftige und mitunter knarzige, ab und an choral unterstützte Stimme mit authentischer Inbrust zu Gitarre oder wahlweise gezupftem Banjo mit predigenden Texten Diesseits und Jenseits durchforstet, ehe die Chose in ein urtümliches Tanzbodengestampfe kulminiert, welches mit Bluegrass-Versatzstücken herumgrölt. All die Herrlichkeit tönt nie altbacken oder bierselig, sondern kippt in holzfällernen Elan. Hier wird an- und zugepackt! Bereits der titelbefördernde Track gerät zu einem Stinkefinger gegenüber den vielen quacksalbernden Folk-Bands des Erdenrunds und gestaltet Hören zur wuchtigen Offenbarung.  Sigh No More erweckt die guten Geister und bildet den Aufgalopp für eine Platte, die mit weiteren Highlights nicht geizt. Bereits The Cave wuselt ebenso energetisch, wächst beim Refrain mit Gitarre, Banjo und Kontrabass zu wuchtbrummender Intensität, die sich tief ins Ohr wühlt. Und das kollektives Schunkeln erlaubende Winter Winds näht eine Melodie, die kein schnelles Vergessen kennt, in das Herz des Lauschers. Die Enthusiasmierung verstärkt das vom Banjo dirigierte, mächtig angetriebene Roll Away Your Stone.

Über fast allen Liedern schwebt das Damoklesschwert religiöser Motive, die sich in Zeilen wie „Awake my soul/ You were made to meet your maker“ oder „Lead me to the truth and I will follow you with my whole life“ äußern, mitunter drastisch  „Oh the shame that sent me off from the God that I once loved/ Was the same that sent me into your arms/ Oh and pestilence is won when you are lost and I am gone/ And no hope, no hope will overcome“ anschwellen. Die Reinheit des Herzens wird gesucht und um Hoffnung gerungen, biblische Schwere und eine Mörderballade zieren die Lyrics ebenso wie erlösende Verheißungen, die mit „And there will come a time, you’ll see, with no more tears/ And love will not break your heart, but dismiss your fears.“ locken. Bleischweren Texte, deren Substanz sogenannte aufgeklärte Zeitgenossen verschrecken mag, sind in die im besten Sinne rabiate Musik getarnt. Muss man dies heute so handhaben, um christliche Elemente in Musik zu kleiden – ohne dafür gleich als eifernd-missionarischer, intoleranter  Konservativling gebrandmarkt zu werden? Mastermind Marcus Mumford jedenfalls beacktert starken textlichen Tobak in einer Manier, die man in den Gefilden Europas selten – zu selten – findet.


Mumford & Sons / Little Lion Man video

Mumford and Sons | MySpace-Musikvideos

Weitere Glanzlichter eines konsequent gelungenen Albums sind das herrlich schwungvolle Little Lion Man oder das balladeske After The Storm mit seinem hoffnungsschreienden Ende, mit dem die Herren Marcus Mumford, Country Winston, Ben Lovett und Ted Dwane eine absolut unorthodoxe Scheibe krönen. Die Tiefe des Werks und der hemdsärmelige Vortrag mögen natürlich nicht für jedermann fassbar sein. Ein schönes Nichts mit viel Pomp mag insbesondere vielen Rezensenten besser zu Gesicht stehen. Das darf die vielen negativen Beurteilungen von Sigh No More erklären, aber nicht entschuldigen. Dem werten, mit Geschmack gesegneten Besucher dieses Blogs freilich seien Mumford & Sons unbedingt ans Herz gezurrt. Mit klarem, simplem Plan wird ein Ergebnis erzielt, dessen Wirkung unermesslichen Segen garantiert.

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SomeVapourTrails

2 Gedanken zu „Nichts für Korinthenkacker – Mumford & Sons

  1. Ich habe nachgelesen. In den Kommentaren unseres Blogs. Da heißt es: „Zunächst mal möchte ich meinen Hut ziehen. Die Überschriften dieses Blog machen mich immer neugierig und gerne auch mal ob der Kreativität, die dahinter steckt, neidisch…“

    Nun darf ich hier an dieser Stelle das Kompliment zurückgeben, angesichts des Titels „Nichts für Korinthenkacker“, was den Nagel auf den Kopf trifft. Der nachfolgende Text steht dem in nichts nach – sehr lesenswert, dieser Artikel über Mumford & Sons und der Scheibe „Sigh No More“!

    Fast so wie mein Artikel über diese Band. Textauszug: „Das klingt so, als hätte man O´Death, die Pogues und Tom Waits in einer Musikerwerkstatt frisiert und pumpe sie dann noch mit einem Gemisch aus Superbenzin und Speed voll.“

    Nun könnte man das Ding auch so drehen:

    Das liest sich so, als hätte man SomeVapourTrails, DifferentStars und Horst (so heiße ich) in einer Schreiberwerkstatt frisiert und pumpe sie dann noch mit einem Gemisch aus Superbenzin und Speed voll!

  2. Warmduscher, die Folk mit harmlos verschwurbelter Poppigkeit à la Fleet Foxes präferieren, werden mit der neuen Hemdsärmeligkeit wenig anzufangen wissen

    Ich fühle mich da mal gar nicht angesprochen – nein im Ernst, ich finde beides toll. Guter Tipp, den ich mir beizeiten mal genauer anhören werde.

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