Unterhaltung ohne Selbstverleugnung – Dizzee Rascal

Will ich einen Rap hören, bei dem wir weder Gehirnwindungen bluten noch nachhaltige Geschmacksschäden erwachsen, dann bleibt Dizzee Rascal eine sichere Bank für mich. Obwohl es in seinen Texten durchaus Anklänge an die gängigen Genre-Stereotypen gibt, sich jegliche Street Credibility schlicht und ergreifend stets ein wenig über Sex und Gewalt definiert, bleibt trotz der üblichen Prahlerei und anderen Mätzchen einfach mehr hängen, existiert eine Essenz in Vortrag, Lyrics und vor allem Musik. Wenngleich nahezu nichts auf seinem neuen Werk Tongue N‘ Cheek an den grimmigen Grime-Sound des Debüts erinnert und auch keine Beklemmung im Stile der Single Sirens auszumachen ist, so enttäuscht es dennoch nicht.

Dizzee Bild 02 2009 - CMS Source

Seit der Ernennung zum Wunderkind britischen Sprechgesangs im Jahre 2003, etablierte sich Dizzee Rascal als zuverlässige Konstante. Daran ändert auch die jüngst vollzogene Hinwendung zu mainstreamtauglichen Sounds wenig. Die Penetrierung breiterer Hörerschichten funktioniert auf der vor wenigen Wochen erschienen Scheibe bereits mit dem Opener Bonkers. Mit einem Rhythmus, der zum Bestampfen jeglichen Tanzbodens einlädt, und Textzeilen wie „And all I care about is sex and violence/ A heavy bass line is my kind of silence„, die eine wohl dosierte Portion Aggressivität durch die Boxen schubsen, flutschte er an die Spitze der UK-Charts. Der zusammen mit Armand van Helden geschriebene Track zeigt die Stärken der Platte auf. Dizzee Rascal will unterhaltende, eingängige Musik fabrizieren und dabei nie eine berechenbare Oberflächlichkeit hofieren. Und abgesehen von 2 Stücken, bei denen dieses Vorhaben kläglich scheitert, überzeugt mich das Konzept über weite Strecken. Holiday und Dance Wiv Me, beides Kollaborationen mit Calvin Harris, sind von einem unfreiwilligen Trash-Faktor beseelt. Besonders Holiday gemahnt an die schlimmsten Sünden, die Eurodance zu verbrechen vermag. Freilich verbleiben 9 Titel, die im bestmöglichen Sinne Unterhaltungsmusik bedeuten,  denen man sich wohlig hingeben mag. Der Flow des Raps ist so lässig wie flüssig. Bei Can’t Tek No More mündet dies in einen Reggae-Refrain, der so entspannt flirrt, dass sich die Tüte fast wie von selbst dreht. Besonders gut wirkt Dirtee Cash, mit hartem Beat und allerlei Firlefanz, und Money, Money, dass die typische Angeberei des Raps auf die Spitze treibt und zum hypnotischen Highlight mutiert. Hier besinnt sich der werte Herr seiner Wurzeln und vergisst auf eine etwaige Tauglichkeit für die Hit-Radios aller Länder. Rohe Wuchtigkeit – und dies ist die finale Erkenntnis von Tongue N‘ Cheek – steht Dizzee Rascal bestens zu Gesicht.

Dizzee Rascal Album Cover 2009 - CMS Source

Die Neuorientierung im Schaffen sollte keinesfalls als leichtgewichtiges Album abgetan werden, dazu sind besonders die zusammen mit Mentor Cage geschaffenen Tracks zu gut. Und solange der Einzug in die Gefilde der Single-Charts mit kreativer Leichtigkeit gelingt, spricht dies für Dizzee Rascal und sein talentiertes Näschen. Nichtsdestotrotz gebe ich die Hoffnung nicht auf, dass einer der talentiersten Rapper der Gegenwart bereits mit der nächsten Veröffentlichung an die Relevanz von Boy In Da Corner anzuknüpfen vermag.

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SomeVapourTrails

Ein Gedanke zu „Unterhaltung ohne Selbstverleugnung – Dizzee Rascal

  1. Also ich finde gerade Holiday gehört wegen diesem trashigen Eurodance-Zeugs zu mit einem der besten Songs der Platte.

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