Was Musik (nicht) leisten kann

Kunst als Bereicherung des gesellschaftlichen Lebens, mit einem Anspruch der über schiere Unterhaltung hinausgehend eine Quer- und Vordenkerschaft propagiert. All dies wird ins Kalkül gezogen, wenn die Rechte der Urheber unterstrichen werden. Kunst darf sich nie allein auf staatliche Förderungen verlassen und ebensowenig eine Gewichtung nach Verkaufszahlen erfahren. Sie lebt davon Träume, Grundängste und Realitäten poetisch in eine Essenz zu kleiden – und tut dies unter der Prämisse bestens, wenn wir alle mit unseren verschiedensten Lebenserfahrungen, Geschmäckern und Ansichten ihre Vielfalt unterstützen. Erbaulichkeit und Denkanstösse dankbar annehmen und honorieren. Aus eben jener Motivation heraus, habe ich mehrfach auf diesem Blog grundsätzliche Überlegungen zum Thema Urheberrecht angestellt.

Dieses Mal freilich soll der forschende Blick die Frage filetieren, was uns Kunst in Zeiten der Krise eigentlich vermittelt. Im konkreten Fall die Musik. Schenkt sie mehr als kollektive Weltflucht? Oder umkreist sie lediglich die Nabelbeschaulichkeit eines verklärten Individualismus? Fristet sie ihre Daseinsberechtigung als Feel-Good-Soundtrack für unsere gegenwärtige Raserei auf der holprigen Straße des Fortschritts? Meine Antworten entbehren nicht einer gewissen Bitterkeit.

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Foto von Jean-Luc (Creative Commons-Lizenz Attribution ShareAlike 2.0)

Auch im Internet-Zeitalter mit dem prinzipiell freien Zugang zu nahezu jedweder Information und allen Spiel- und Denkarten von Kultur verlässt sich das Gros der Menschen auf die verfestigen Filter, die eifrig aussortieren und uns dann beschnittene Endprodukte präsentieren, welche kaum ideologisch anecken und auf maximalen Profit ausgerichtet sind. Musikkonzerne und Medien servieren ihre Vorstellung von Musik als das Nonplusultra, kredenzen Fast-Food und verkaufen es als Schlemmer-Mahlzeit. Dauerpenetriert nicken wir die Chose ab, geben uns mit den Krümel zufrieden, selbsttäuschen Sattheit vor, obwohl der Magen weiter knurrt. Ein auf stabile Perpetuierung des Erfolgs ausgerichteter Konzern ist ein Koloss, dessen Wohlergehen Zahlen definieren: Umsätze, Börsenkurse. Mitarbeiter, Manager und Anleger sind austauschbar und als Menschen ohne Bedeutung. Das ist doch der Aktien-Kapitalismus, dessen Krise leider noch nicht in den Untergang mündet. Und eben jene auf Mathematik reduzierte Wirtschaft, die nur dann funktioniert, wenn Leichen den Weg pflastern – wie Erich Fromm bereits vor Jahrzehnten bekrittelt hat, eben dieses System definiert auch Kunst. EMI und Warner dominieren die Musikbranche, bestimmen die Charts, polieren Musik glatt. Pure Unterhaltung auf dem niedrigst-erträglichen Level – nur unter diesem Aspekt sind die Bekanntheit und Plattenverkäufe einer Mariah Carey zu erklären. Ab und an bedecken die Macher mit Feigenblättern ihre Scham, dürfen auch engagierte Künstler wie The Flaming Lips ins Rampenlicht. Aber auch hier dominiert das Kalkül.

Wundert sich denn niemand, dass die Krise und ihre Folgen in den letzten 12 Monaten kaum musikalische Resonanz gefunden hat? Dass kein Lied eine friedliche Revolte herbeisingt? So mutet es fast schon als Trauerspiel an, wenn Bob Dylan als Ikone der Gegenworte ein Weihnachtsalbum in Angriff nimmt. Wo zum Teufel bleibt die Relevanz, der stochernde Finger in der Wunde? Handzahm getrimmt wabbert Mainstream und etablierter Indie auf einer Retro-Woge daher. Oder verengt das Sehen auf den erwähnten Individualismus, huldigt biedermeiern dem eigenen Schicksal, dimmt die soziale Komponente auf Mosaiksteinchen persönlicher Erfahrungen.

Es gibt Dinge, die Musik kaum oder gar nicht leisten kann. Sie kann AIDS nicht besiegen, die Klimaveränderung stoppen oder ein Erdbeben verhindern. Aber das Potential die Herzen zu öffnen, Scheuklappen zu entfernen und gesellschaftliche Hoffnung zu entfalten – all dies wäre möglich. Eine diesbezüglich mögliche wirtschaftliche Rendite erscheint keinesfalls sicher. Und eben darum werden Herr Universal und Frau Sony auch weiterhin mit den Reizen großer Töne geizen.

SomeVapourTrails

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