Bist du narrisch! – Ein Abend mit der Rampensau Helgi Hrafn Jónsson

Ab heute wollen wir die Leser unseres Blogs mit einem mehrteiligen Special über einen isländischen Singer-Songwriter verwöhnen, der aus mehrerlei Gründen die besten Voraussetzungen mitbringt, sich in deutschen Gefilden dauerhaft zu etablieren. Ein Teil der Strahlkraft von Helgi Hrafn Jónsson wird im in Kürze hier zu findenden Interview deutlich, welches wir im Rahmen seines Berliner Auftritts führen durften. Und auch unser klingender Adventkalender wird dem werten Herren ein Türchen widmen.

Helgi(Berlin)

Gestern gastierte Helgi Jónsson im Saal 101 im Berliner Admiralspalast, bestach mit einer rundum kurzweiligen, musikalisch intensiven und ungewöhnlich charmanten Show. Zahlreiche Besucher strömten in den Admiralspalast, entflohen dem adventlichen Trubel der Friedrichstraße, begehrten die stimmungsvollen Songs eines zukunftsträchtigen Talents zu hören. Doch vorher gab seine Landsmännin Ragga Gröndal eine Kostprobe ihres Talents ab. Was meiner Co-Bloggerin DifferentStars nicht gefallen mochte, rang mir durchaus positive Eindrücke ab. Frau Gröndals Darbietung isländischer Folklore fehlte vielleicht eine gewisse eigenständige Note, die Tatsache jedoch, dass sie blaue Strümpfe zu einem vermutlich für die ländlichen Regionen der Insel nicht untypischen Kleid trug, sorgte jedenfalls für eine nachhaltige Erinnerung.

Kurz nach 22 Uhr enterte Helgi Jónsson mit zwei Begleitmusikern die Bühne, zauderte nicht lange und intonierte inbrünstig ein brandneues Lied namens I am God. Sofort wurde der Raum in den Bann des in hingebungsvoller Trance schwelgenden Sängers gezogen. Da werden ja schwere Geschütze aufgefahren, dachte ich so bei mir. Und wunderte mich ein wenig über das Bühnen-Alter-Ego, welches sich so komplett von der Person zu unterscheiden schien, die ich zuvor im Backstage-Bereich als humorvollen, sehr lebendigen und eloquenten Menschen erlebt hatte. Noch irritierter zuckte meine Augenbraue, als sich der Sänger auf Englisch vorstellte. Herr Jónsson hat seine Studienzeit in Graz und Wien verbracht und beherrscht die deutsche Sprache ausgezeichnet – mit Schwerpunkt auf Idiome der Alpenrepublik. Doch bereits nach dem zweiten Song taute er auf, begann in herrlichstem österreichischem Dialekt zu parlieren, mutierte zu einer an Scherzen reichen, selbstironischen Rampensau, die die hochgradig tiefgründige, ab und an bleischwere, stets beseelte Aura seiner Lieder mit launigen Kommentaren brach und für allgemeine Erheiterung sorgte. Und doch bändigte er das amüsierte Publikum stets, schuf Sekunden der Besinnung, ehe sich abermals Schwaden nachdenklicher Schönheit im Saal fläzten.

Unter kollektivem Prusten erzählte der gesellige Sänger, wie sein Song Ashes Away bereits zu Studienzeiten entstand, nachdem eine am Keyboard mit Aufnahmefunktion nach eigenem Urteil geniale Komposition von seinem WG-Genossen versehentlich mit dem eigenen ungelenken Spiel gelöscht worden war. Auch Helgis Wunsch einmal derart erfolgreich zu sein, dass er es sich leisten könne, zwischen seinen Liedern leichtgeschürzte Schönheiten, wie man sie vom Boxen kennt, per Tafel die Songs ankündigen zu lassen, wurde belächelt. Worauf Herr Jónsson diese Vision dann auf den Aufmarsch isländischer Bauernjungen mit politischen Botschaften downgradete. Und all die spitzbübischen Kommentare waren von dem schönsten aller Dialekte durchtränkt und mit typisch östereichischen Ausdrücken wie Bist du narrisch gespickt.

Und doch war es die wundersam wirkende Musik, allen voran September , welche unterstrich, dass er kein Dampfplauderer oder schlichte Epigone isländischer Lichtgestirne ist. Sein Singsang perlte schimmernd, oft von einem Schlagzeug untermalt, welches nicht nur den Rhythmus vorgab, vielmehr schönste Klangeffekte kreierte. Auch Dry Run oder das mitreißende, als letzter Track vor der obligatorischen Zugabe gespielte Digging Up A Tree überzeugten die ihm bereits vollends verfallenen Besucher.

Nach gut 80 Minuten entließ Helgi Hrafn Jónsson ein durch und durch zufriedenes Publikum, das neben guter Laune besonders die Eindrücke virtuoser, charismatischer Klänge aufgesogen hatte. Für mich persönlich eines der authentischsten Konzerte, welches ich je gesehen habe. Der Sänger will Deutschland auch 2010 mit seiner Anwesenheit beehren. Und dies ist  ein Versprechen, dessen Einhaltung man herbeisehnen sollte.

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