Die Penetration von Paid Content – Ein Ausblick

Viel Tinte wurde in den letzten Wochen über die Pläne eines Rupert Murdoch verloren und manch Schreiberling mag sie als Altherrenfantasien behandeln, doch eigentlich wirft das Gemunkle wegweisende Fragen auf, die man eben nicht auf die Raffgier eines Medienmoguls reduzieren darf. Murdochs Wunsch nach Exklusivität seiner Inhalte und die damit verbundene Kampfansage an Google, welches diesen Content bislang listete, birgt mehr als lediglich Theaterdonner. Und die Spekulationen, wonach das freie Streaming auf MySpace bald einem kostenpflichtigen Modell weichen könne, stellen nicht einfach den Abgesang auf eine aus der Mode gekommene Community dar. Die Grundsätzlichkeit des angedachten Paradigmenwechsels könnte ein ernsthaftes Signal für Veränderungen bedeuten, das Medium Internet aus seiner Pubertät führen. Mit all den damit verbundenen Chancen und Risken.

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Quelle: Wikimedia Common CC-Sharealike 3.0 (User: Svilen.milev)

Die Freiheit des Webs ist im Denken der Nutzer fest verankert. Dazu gehören ohne Hürden verfügbare Informationen ebenso wie Social Communities, für die eine valide E-Mail-Adresse als Eintrittskarte ausreicht. Eine Kultur für das Bezahlen von Inhalten existiert nur vereinzelt, lediglich der Erwerb von Werken in Form von Downloads wird akzeptiert. Deshalb frohlockt Apple über iTunes, während Google trotz der enormen Popularität von YouTube sehr wohl weiß, warum man das Portal werbefinanziert und nicht um ein Abo-Modell für Streaming erweitert. Lediglich im Spielesektor, der von den hier ausgeführten Überlegungen ausgeklammert sein soll, können Teilnahmegebühren Unternehmen tatsächlich hohe Gewinne bescheren. Die Masse der Internet-Nutzer will vorerst bestenfalls für den Kauf und den dadurch resultierenden Möglichkeiten eines Transfers auf andere Datenträger (iPod) die Kreditkarte zücken. Der reine Konsum von Content funktioniert meist nur in Nischen, wie der Erotik-Branche. Wie also soll die Umpolung von Otto Normalverbraucher gelingen? Weshalb sollten Menschen freiwillig von einer Gratis-Mentalität Abschied nehmen?

Die simple und durchaus erheiternde Antwort auf diese Crux, die besonders die Online-Ableger von Zeitschriften und Zeitungen betrifft: Aus Qualitätsgründen. Doch gerade im Nachrichtensegment wurde in den letzten Jahren alles in eine Klickstrecke gebannt, was nicht bei 3 auf den Bäumen war. Dadurch vermehrte sich zwar die Anzahl der Page-Views gleich Karnickeln, was wiederum die werbende Industrie beeindrucken sollte, jedoch nicht unbedingt journalistische Höchstleistungen zeitigte. Und eben die schmuddelige Aufmachung, die nicht nur dem Boulevard vorbehalten bleibt, erschwert nun den Übergang zu einem Bezahlmodus.

Murdoch irrt nicht, wenn er meint, dass Google durch das bloße Listen von Nachrichten im eigenen News-Portal kräftig am Werbekuchen nascht. Doch die Rote Karte für Google, indem man diese Auflistung unterbindet, mag zwar Exklusivität bescheren – aber auch weniger Traffic. Denn man sollte nicht müde werden, das Mantra zu wiederholen, wonach alles mit Google steht und fällt. Solange das angeblich so freie Netz von Google dominiert scheint, Informationen gefiltert werden und der Durchschnittsnutzer gutgläubig bis gedankenlos einem Quasi-Monopolisten seine Surf-Erfahrung anvertraut, solange wird es zu keinen gravierenden Änderungen im Dschungel kostenlosen Konsums kommen – sofern Google dies nicht will.

Paid Content weckt bei vielen Zeitgenossen garstige Assoziationen: Leere Brieftaschen oder überhöhte Kreditkartenrechnungen. Doch er beinhaltete auch Verlockungen, denen auch Hardcore-Verfechter eines Nulltarif-Webs früher oder wahrscheinlich später erliegen dürften. Denken wir an eine damit verbundene Lossagung von werbeverseuchten Internet-Seiten. Wer heutzutage ohne Werbe-Blocker durch das Netz wandelt, wird von Bannern heimgesucht, die allesamt das markanteste Merkmal von Marketing aufweisen – Penetranz. Im Zeitalter des Kapitalismus gilt die simple Maxime: Wer zahlt, schafft an. Oder in diesem Falle: Schafft ab! Die Macht des Konsumenten steigt, wenn er den Finanzier verkörpert und nicht länger lästiges Übel ist, dass es braucht, um mehr oder minder lukrative Werbeeinnahmen zu generieren. Ein weiterer Aspekt gebührenfinanzierter Inhalte läge in einem verstärkten Wettbewerb der Anbieter, der auch die Aufbereitung von Inhalten revolutionieren dürfte. Paid Content könnte tatsächlich zu verstärkter Investition in die Qualität von Inhalten führen – sofern dies der Kunde wünscht.

Doch bewegen wir uns nun einmal von den Möglichkeiten einer Transition des Prints in eine Online-Welt der Bezahlung weg. Welches Schicksal wird MySpace ereilen? Gerade hier hat die Pionierarbeit zahlloser Filesharing-Klagen bereits in manch Hirnen ein Bewusstsein dafür geschaffen, dass Musik etwas kosten darf. Und wenngleich die Uneinigkeit der Branchen-Player derzeit noch neue Konzepte erlahmen lässt, so sind diese doch schon längst als Schrift an der Wand. Die Flatrate zu unbegrenztem Streaming definiert die Zukunft. Einige wenige Anbieter werden solche Abonnements offerieren und damit die gegenwärtige Kaufpraxis ablösen. Mit der zunehmenden Etablierung mobilen Internets wird der Transfer von Musik von Computer auf Mp3-Player überflüssig, gerät der Stream zur bequemen Variante. Bisherige Etablierungsabsichten solcher Dienste scheiterten noch an mangelnder Benutzerfreundlichkeit und einem eingeschränkten Sortiment.

Es darf bezweifelt werden, ob MySpace sich als eines dieser Portale zu behaupten vermag. Dazu benötigt Murdoch das handfeste wirtschaftliche Interesse sowie ein uneingeschränktes Vertrauen der Labels. Ob es lediglich ausreicht, imeem und Konsorten aufzukaufen, darf zumindest hinterfragt werden. Mit solch Panikübernahmen verleibt sich der werte Medienzar nach iLike zwar einen weiteren arrivierten Service ein, aber dies garantiert noch keinen Erfolg. Sobald Sony, Warner und Co. an einem gemeinsamen Strang ziehen und ihr eigenes Ding drechseln, werden all die Musikdienste Murdochs auf eine harte Probe gestellt werden. Eher schon kehrt MySpace zu einer Grundkompetenz zurück, der des Social Networks zurück, dass als Gesamtpaket Entertainment und Online-Kommunikation bündelt. Das verstärkte Hauptaugenmerk auf Musik, wie es vor allem aufstrebende Musiker und Band legen, wird zurechtgestutzt werden – vor allem wenn ein etwaiges Abo-Modell mit Pauken und Trompeten bei der Zielgruppe durchfällt. Newcomer könnten sich dadurch zum Weiterziehen veranlasst sehen, auf alternativen Plattformen ihr Potential in die Auslage stellen. Die Tage von MySpace in seiner derzeitigen Form sind gezählt, ob Murdoch das Steuer herumreißen vermag, hängt von den Allianzen ab, welche er zu schmieden noch imstande ist.

Resümieren wir kurz. Paid Content wird in einzelnen Bereichen – vor allem audio-visueller Natur – das Internet erfolgreich penetrieren, viel dominanter als derzeit. Streaming erlangt verstärkte Bedeutung als Einnahmequelle für Unternehmen, wenn selbige Benutzerfreundlichkeit und einen Mehrwert gegenüber werbefinanzierten Modellen präsentieren. Manch Sparten hingegen, die derzeit lauthals Bezahlinhalte als Lösung proklamieren, werden bald erkennen müssen, dass ein Pakt mit ihrem Teufel, Google, die vernünftigere Variante darstellt. Besonders wenn die eigene Unzulänglichkeit Paid Content zu einem Strohhalm werden lässt, an welchem man sich aus purer Ratlosigkeit klammert.

Link:

Deutschlandradio: Breitband-Beitrag über Paid Content

SomeVapourTrails

Ein Gedanke zu „Die Penetration von Paid Content – Ein Ausblick

  1. Kluger Artikel! Ein paar Anmerkungen eher affirmativer Natur meinerseits:

    „Die Macht des Konsumenten steigt“ // Absolut – solange es bei Paid-Myspace Alternativen gibt, die entweder Gleichwertiges umsonst (für myspace in der Form maximal bei last.fm vorhanden, dem aber die „1-click-to-play“-Funktion in meinen Augen abgeht) oder Gleichwertiges/Besseres günstiger gibt (Spotify könnte das sein, habe es leider noch nicht testen können, kein Account damals bekommen, inzwischen ja dicht für De-Ch-At). Myspace hat (noch) den Vorteil, dass eigentlich jede Band dort vertreten ist und man sofort reinhören kann. Man sollte jedoch auch die Facebook-Fansites nicht unterschätzen, die erstens mit google verbandelt sind und zweitens eine solche Funktion recht leicht adäquat implementieren könnten.

    „Paid Content könnte tatsächlich zu verstärkter Investition in die Qualität von Inhalten führen – sofern dies der Kunde wünscht.“ – wenn man nur an das Streaming denkt… Ich habe ja die Befürchtung, dass vielen die Qualität des Streams ab einer gewissen Hürde egal ist (192kbps?). Mir ist es das nicht, daher sammle ich auch ausschließlich Vinyl. Aber ich bin ein Relikt, „Vinylrevival“ hin oder her.

    Allerdings will ich ja auch nicht diese bzw. diese Diskussion wieder hochbeschwören. 😉

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