Die Unkultur wird längst zur Kultur hochstilisiert

Man möge mich mit Vernunft geschlagenen Zeitgenossen doch endlich einmal in die verquere Logik der ganzen Filesharing-Befürworter einweihen. Ich bitte ehrlich darum. Einer im britischen Independent zititerten Studie zufolge sind Filesharer wieder einmal die eigentlichen Zugpferde der maroden Musikindustrie, die sämtliche finanziellen Ressourcen in den Dienst der guten Sache stellen und den Karren aus dem Dreck zerren. Von 1000 befragten Teilnehmern bekannten sich 10 Prozent zu illegalen Downloads. Eben diese 10 Prozent gaben an, durchschnittlich 77 Britische Pfund pro Jahr für den legalen Erwerb von Musik auszugeben, während der Rest im Mittel lediglich 43 Pfund investierte. Nun birgt solch ein Resultat gerade jetzt in Großbritannien Sprengstoff, da dort ja das Kappen von Internet-Anschlüssen bei wiederholtem Filesharing kurz vor der Umsetzung steht.

Nun beschert mir dies Ergebnis doch die eine oder andere Stirnfalte. Wenn diejenigen, welche Copyright verletzen, indem sie Musik unerlaubterweise digital verbreiten oder auf Tauschbörsen verfügbare Songs herunterladen, wenn eben jene dies tun, obzwar sie ohnehin planen das eine oder andere Album käuflich zu erwerben, dann stellt sich die Frage nach dem Grund. Geht es rein um einen Soundcheck, um ein Probehören, ehe man dann doch in den Geldbeutel greift? Wenn das ein Motiv darstellt, dann wächst meine Verwunderung nur weiter an. Denn dank Streams, kostenlosen Downloads und dergleichen lässt sich heutzutage doch alles vorab einschätzen, wird die Katze nie im Sack gekauft. Wieso dies Wagnis, vor allem mit dem Wissen um eventuelle Folgen?

Was mir bei vielen dieser Studien mit ähnlichem Tenor fehlt, ist die Anzahl der Lieder/Alben, die die so vermeintlich finanzstarken Teilnehmer illegal runterladen. Bei 77 Pfund gehe ich von 80 Songs oder ungefähr 8 CDs pro Jahr aus. Soll ich nun wirklich der Vermutung verfallen, dass auch die Größenordnung der über P2P erlangten Musik ähnlich wiegt? Und werden solch Downloads, die weniger Gefallen finden, auch brav von der Festplatte verbannt? Das würde mich doch sehr interessieren. Mein Drang dies Phänomen zu begreifen, dieser Wunsch ist durchaus ehrlich gemeint. Man joggt doch auch nicht zum Hehler, erwirbt dort eine Stereoanlage von Sony, testet diese in den eigenen vier Wänden nach qualitativen Kriterien und stürmt dann das Fachgeschäft des Vertrauens, um sich diese dann feierlich und legal zu besorgen.

Vielleicht unterläuft mir auch eine Betriebsblindheit. Möglicherweise ist mein Ansatz falsch, dass die Mehrzahl von Menschen die Einschätzung teilt, dass Musiker nicht von Luft, Liebe und Talent zu leben vermögen und eine faire Entlohnung verdienen. Unter Umständen bin ich auch noch zu sehr in meiner Sozialisation mit physischen Tonträgern verhaftet – zunächst noch Vinyl, später die CD. Die digitale Kopie bleibt für mich damit seltsam materiell, erfährt keine Losgelöstheit von dem Schöpfer des Werks – und wird nie zur Selbstverständlichkeit, die keine Entlohnung kennt. Aus eben diesen Beweggründen halte ich es für bedenklich, die Unkultur des Filesharings zu einer Kultur hochzustilisieren, welche der eigentliche Antrieb für das lahme Vehikel der Musikindustrie sein soll.

Darf man davon ausgehen, dass Filesharern ein gesteigerteres Interesse an Musik innewohnt, als es bei Herrn Müller oder Frau Meier der Fall ist? Und dass sie eben deshalb neben dem täglichen Stehlen auch Geld auf ehrliche Weise ausgeben, derart wie ein Kleptomane in einem Karstadt auch das eine oder andere Kleidungsstück zur Kasse bringt? Sind Kleptomanen deswegen die Motoren des Aufschwungs? Oder doch Verursacher von Schäden?

Filesharern unterstellt manch Lanzenbrecher ein moralisches Unterscheidungsvermögen. Künstler von Major Labels werden geleecht, die Werke aus Indie-Schmieden werden gesaugt und hernach gekauft. Da verlangt man von den P2P-Fetischisten verdammt viel Insider-Wissen. Denn worauf Indie in fetten Lettern prangt, findet sich längst nicht immer Indie drinnen. Und warum sollte Indie unterstützenswerter sein? Dieser Prämisse folgend dürften Filesharer auch nur Tante-Emma-Läden entern und nie und nimmer ALDI ein Besüchlein abstatten – außer für nen gepflegten Ladendiebstahl.

Mich überzeugen die gefühlten hunderten Studien nicht, mit welchen immer der idente Tenor einherschreitet: Filesharer sind nicht böse, nur ein wenig anders und bedürfen der Zuwendung der Musikindustrie. Denn eigentlich haftet ihnen riesiges Potential wie Kaugummi am Schuh. Und die braven Bezahlidioten sind dann wohl nur Hundescheiße, in die zu tappen sich für die Plattenbosse nicht lohnt?

Viele Fragen, ich harre der Antworten.

(mit Dank an Felix für das Gezwitscher)

SomeVapourTrails

Link-Tipp zum Thema: SZ: „Freibier-Mentalität ist kein Maßstab“

7 Gedanken zu „Die Unkultur wird längst zur Kultur hochstilisiert

  1. Das gefährliche an solchen Studien – und der damit einhergehende Denkfehler – ist meines Erachtens das Vertiefen eines Schwarz-Weiß-Bildes. Dies schlägt sich dann auch in deinen Fragen nieder, die niemals allgemeingülig beantwortet werden können, sondern ganz individuelle Entscheidungen hinterfragen, die bei jeden Menschen anders ausfallen. Es gibt nunmal nicht DEN Filesharer, genauso wenig, wie es DEN ‚ehrlichen‘ Käufer gibt. Letzterer ‚klaut‘ zwar vielleicht keine Musik im Netz, aber bescheißt dann das Finanzamt und beschert somit der Staatskasse weniger Geld für Kulturförderung.

    Und die braven Bezahlidioten sind dann wohl nur Hundescheiße, in die zu tappen sich für die Plattenbosse nicht lohnt?

    Das würde wohl niemand so behauptet, allerdings ist der Eindruck, daß Käufer von Musik nur Mittel zum Zweck sind, durchaus latent vorhanden.

    Soll ich nun wirklich der Vermutung verfallen, dass auch die Größenordnung der über P2P erlangten Musik ähnlich wiegt?

    Glaub ich nicht, das wird eher ein Verhältnis 1:10 bis 1:100 sein.

    Geht es rein um einen Soundcheck, um ein Probehören, ehe man dann doch in den Geldbeutel greift?

    Durchaus möglich, kann aber auch die reine Sammelleidenschaft sein. Um sowas rauszubekommen taugt keine der mir bekannten Studien.

    Denn dank Streams, kostenlosen Downloads und dergleichen lässt sich heutzutage doch alles vorab einschätzen, wird die Katze nie im Sack gekauft.

    Und das halt ich wiederum eher für Wunschdenken. Ich hab es oft genug erlebt, daß ich eben im Vorfeld dann doch keine umfassende Möglichkeit hatte, mir komplette Alben anzuhören. Und ich persönlich kauf nunmal – bis auf wenige Ausnahmen – ungern die Katze im Sack. 1-2 Songs reichen da meist nicht. Wobei ich mich zu der aussterbenden Rasse der Albenfetischisten zähle, die nicht nur DEN Hit, sondern das Gesamtwerk hören wollen.

    In einem Punkt geh ich mit der Studie aber durchaus konform: Ich halt es ebenfalls für sehr wahrscheinlich, daß die Menschen, die sich intensiv mit Musik auseinandersetzen (und dazu zähl ich eben auch den gemein(gefährlich)en Filesharer) mehr Geld insgesamt für Musik ausgeben, als der Rest der Bevölkerung. Diesen dann die Netzverbindung zu kappen, hat schon was von Treppenwitz.

  2. Natürlich zielten auch meine Fragestellung auf den imaginären Durchschnitts-Filesharer ab, wie ihn jede Studie an die Wand malt.

    Ein Problem mit vollständigen Albumstreams ist die Bauernschläue der Leute, die das Album dann eben so mitschneiden. Denn ich bin der festen Überzeugung, dass sich ein Gutteil nicht besonders um die Qualität schert, solange der Klang nicht an eine zerkratzte Schellackplatte gemahnt.

    Ich persönlich halte es für problematisch, dass Filesharer nun als die besondere Stütze für die Musikbranche auserkoren werden. Gerade gesteigertes Interesse an Musik sollte auch mit dem Wissen um Verantwortung einhergehen. Vielfalt entsteht aus gesicherten finaziellen Verhältnissen heraus – und das negiert nahezu jeder P2P-Propagandist. Ich halte Strafen für Filesharer für sinnvoll. Leute, die schnelle und teure Autos fahren, sind auch gute Kunde der Autoindustrie – und gehören oft zu denen, welchen man den Führerschein wegen überhöherter Geschwindigkeit entzieht.

    Noch kann mir niemand erklären, warum man ein Alben illegal runterlädt, wenn Filesharer doch so vermeintlich gute Käufer sind.

  3. Ein Problem mit vollständigen Albumstreams ist die Bauernschläue der Leute, die das Album dann eben so mitschneiden.

    Wie hoch dürfte der Prozentsatz sein, die dies tun? Und selbst, wenn der hoch wäre, glaubt wirklich ernsthaft wer daran, diese dadurch zum Kauf zu animieren, indem man ihnen das vorenthält? Ich bin ziemlich sehr davon überzeugt, daß an dem Prinzip „Hören – Gefallen – Kaufen“ nunmal der erste Punkt nicht wegfallen kann. Ungeachtet der Nebenwirkungen, die sich damit auftun. Aber hier denke ich schon, daß eine gewisse Kompensation dadurch erfolgt, daß eben dann das entsprechende Album sich weiter verbreitet und mehr (andere) Menschen angesprochen werden, die sich eventuell für einen Kauf entscheiden.

    Ich persönlich halte es für problematisch, dass Filesharer nun als die besondere Stütze für die Musikbranche auserkoren werden.

    Das wäre und ist in dieser Pauschalität eh großer Blödsinn. Da gibts zuviele Grautöne zwischen extensivem Filesharen und maßvollem Musikkonsum, die solche Studien gar nicht abbilden. Daraus irgendwas zu konstruieren, halt ich für falsch. Genauso falsch übrigens, wie die gegenteiligen Studien der Musikindustrie und Wirtschaftsverbände.

    Ich halte Strafen für Filesharer für sinnvoll.

    Ich ebenfalls, aber nur unter der Voraussetzung, daß ein tatsächlicher Schaden entsteht. Und das dürfte bei den meisten privaten Usern eher weniger der Fall sein. Wenn allerdings Leute unberechtigt damit Geld machen, dann bin ich voll auf deiner Seite.

    Vielfalt entsteht aus gesicherten finaziellen Verhältnissen heraus…

    Dem mag ich durchaus widersprechen. Sicherlich trägt finanzielle Unabhängigkeit dazu bei, sich entfalten zu können. Allerdings ging die ebe im Musikbereich immer auch mit einer Konzentration der Marktmacht einiger weniger Unternehmen einher, die dann – auf Nummer sicher gehend – dem Konsumenten das kleinste Risiko präsentierten. Und die Vielfalt, die wir jetzt erleben, entstand eben erst durch die neuen Möglichkeiten des Internets, in weiten Teilen von wirtschaftlichen Interessen völlig losgelöst. Das mag unlogisch erscheinen, aber für einen Musiker ist es in erster Linie nicht entscheidend, ob und wie er seinen Lebensunterhalt bestreitet, sondern das er Musik machen kann. Da einen pauschalen Zusammenhang zu konstruieren, daß es vielfältige Kunst nur dann gäbe, wenn genug Geld dafür da ist, find ich verfehlt.

    Und zu dem Vergleich mit den Autofahrern sag ich mal nur: Der hinkt nicht mal, weil er keine Beine hat.

  4. Beginnen wir mit dem meinem Autofahrer-Vergleich. Den halte ich für mehr als nur treffend. So wie es kein Grundrecht auf einen Internetzugang geben kann, so wenig darf jemand auf sein Grundrecht auf (Auto-)Mobilität pochen, wenn er sich nicht an Gesetze hält.

    Dein Hauptproblem ist die Verkennung gesellschaftlicher Realitäten. Hinter Geiz-ist-Geil-Attitüden verbirgt sich ein aufgeblähter Egoismus, der keine Solidarität kennt – und dem die Opfer egal sind. Der Konsument will billige und zugleich hochwertige Milch. Dass der Bauer vor die Hunde geht, das ist ihm völlig egal. Der totale Konsum will Qualität auf Niedrigniveau und schert sich einen Dreck um die Verlierer der Maxime. Reich werden die zwischengeschalteten Ausbeuter, die diesen Preisdruck einfordern und sich dabei noch eine Marge sichern. Dieses Szenario ist natürlich auch auf die Musikbranche übertragbar. Gerade in dieser Sparte ist ja der Kostendruck durch das Filesharing eingetreten. Aus diesen Überlegungen heraus bin ich gegen ein Verhätscheln der P2P-Apostel, die etwas konsumieren und nicht zahlen. Der Schaden entsteht, wenn das Werk eines Künstlers konsumiert wird und der Künstler trotz Plattenvertrages von Hartz IV leben muss und sein Talent am Ende vielleicht in Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen ausleben darf. Da geht die Vielfalt, die durch verbesserte Chancengleichheit (Internet, erschwingliche Technik) entstanden ist, verloren. Künstlerische Betätigung gerät dann bestenfalls zum Freizeitvergnügen. Es ist daher dringend nötig, Filesharern die Pistole an die Brust zu setzen.

    Warum ausgerechnet sollen sich kleine wie große Labels von denjenigen terrorisieren lassen, die Kunst zum niedrigsten aller Dumpingpreise angeboten wissen wollen? Und gegen eben diese Überzeugungstäter – ich spreche nicht von einem Liedchen oder zwei im Monat, solch Leecher sind in der Tat vernachlässigbar – sollte aus den dargelegten Motiven heraus, auch vorgegangen werden.

  5. Dein Hauptproblem ist die Verkennung gesellschaftlicher Realitäten.

    Wäre dieser Satz nicht gewesen, dann hätte ich eventuell den Rest sogar als Argument genommen und weiterdiskutiert. Sobald wir aber an den Punkt kommen, mir soziale Gedanken abzusprechen, bin ich raus aus dem Thema.

    Und Informationsfreiheit ist in meinen Augen ein sehr hohes Gut, welches ich keineswegs mit rüpelhaften Autofahrern, die Menschenleben gefährden, auf die selbe Ebene stelle…und tschüss.

  6. Soziale Gedanken spreche ich dir nicht ab, wieso sollte ich auch? Aber ich vermute stark, dass du die Motive aus denen heraus Filesharing entsteht, nicht in vollem Umfang (an-)erkennst. Die Motivation dahinter ist ja eine, die etwas über gesellschaftliche Befindlichkeiten aussagt. Die ganze Urheber-Debatte im Internet ist weit mehr als ein Streit um digitale Hochheit, sie bildet einen Zeitgeist ab, wie ich ja bereits ausgeführt habe.

    Und nun werde auch ich ein wenig wütend, denn man soll mir unter keinen Umständen das Internet als einzige Informationsquelle nennen. Das ist nämlich wirklich kurz gegriffen und es wäre geradezu fatal, wenn sich unser Recht auf Information lediglich über das Internet speisen würde. Gerade die, die dies implizieren, würdigen damit die anderen Kanäle herab und fördern ein Ungleichgewicht.

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