Gretchenfrage nach dem Umgang mit ikonischer Last – Martha Wainwright

Es bedarf größenwahnhafter Anwandlungen, sich die ikonische Last einer Édith Piaf auf die eigenen Schultern zu hieven. Die Tragik und Emotionen der Legende zu erhaschen suchen, auf hohem Niveau zu scheitern, gleich einem verbeulten Boxer erhobenen Hauptes aus dem Ring zu wanken, all dies wohnt solch einem Unterfangen inne. Mit welcher Methodik freilich darf man Piaf begegnen, ohne sich nicht bis auf die Knochen zu blamieren und als komplett närrische Schnepfe von der Bühne geholt zu werden?

Martha_Wainwrights_Piaf_record

Martha Wainwright grübelte sich zusammen mit dem Produzenten Hal Willner zu einem ansprechenden Ergebnis, entging den üblichen Fallstricken. Die Chansons der Piaf wurden nie auf Biegen und Brechen in eine Gussform moderner Pop-Arrangements gekippt, sondern mit viel Verve überwiegend im Charme der unangestaubten Vergangenheit belassen. Auch eine Überführung der Liedtexte in die englische Sprache hätte dem Projekt wohl einen Dolchstoß verpasst, ebenso ein allzu scheuklappiger Blick auf die größten Erfolge der Diva.

Die sorgsamen Vermeidungen sprechen für Bedacht, weniger für etwaigen Größenwahn. Der Umstand einer Sozialisierung im frankophonen Québec spielt Wainwright obendrein in die Karten, muss kein quiekiger Akzent schöngeredet werden. Der vermeintlichste Trumpf liegt zweifelsohne in der Unangepasstheit der Sängerin, deren Attitüden jedwede glatt geschmirgelte Oberflächkeit bezwingen. Wer bereits auf dem Debüt den eigenen, nicht eben unbekannten Vater als Bloody Mother Fucking Asshole meuchelt, solch einer Person kauft man die Rage ab, welche es braucht, um in die überdimensionalen Fußstapfen Piafs zu treten – ohne darin vollends zu versinken.

Sans Fusils, Ni Souliers, A Paris – Martha Wainwright’s Piaf Record tönt keinesfalls nach der billigen Imitation, wie man sie in einem Varieté vermuten könnte. Martha Wainwright überzeugt durch Klasse, Stil und verführungsvoll omnipräsentem Stimmvolumen. Adieu Mon Coeur schwelgt im Abschied, C’est Toujours La Même Histoire versprüht eine kraftvolle Eleganz. Die erwartungsvolle Aura der Live-Aufnahmen im New Yorker Dixon Place Theater, wie man sie zum Beispiel bei Le Chant D’Amour verspürt, produziert zusätzliche Wahrhaftigkeit, verdeutlicht, dass die Sängerin ohne doppelten Boden arbeitet. Und die Wucht von L’Accordéoniste zeitigt tatsächlich ein extraordinäres Ergebnis, Wainwright mutiert mit Haut und Haar zur französischen Chanteuse mit dynamischen Singsang und der verruchten Ausdruckskraft, die solch Liedern zur Entfaltung gereicht.

Und dennoch überschattet eine Gretchenfrage das Fazit. Braucht es eine respektbeladene Verharrung nahe dem Original? Hätte ein wenig mehr Hasardieren unter Vermeidung oben geschilderter Fettnäpfchen den Aufnahmen erst die eigentliche Daseinsberechtigung eingehaucht? Ist die überwiegend klassische Instrumentierung der Weisheit letzter Schluss? Hält man sich eine Zielgruppe vor Augen, die im Normalfall Piaf bloß dem Namen nach kennt, so scheint das Album zur Tradierung und Verbreitung zweckgemäß. Rund um die Welt könnte diese Interpretation junge, aufgeschlossene Hörer für die Magie des Chansons einnehmen. Wainwright jedenfalls besteht die Bewährungsprobe, etabliert sich als hervorstechende Interpretin, deren gesangliche Vehemenz zu dem bereits auf den bisherigen Alben hervorstechenden Songwriting endgültig aufgeschlossen hat.

Link:

Offizieller Webauftritt

SomeVapourTrails

Ein Gedanke zu „Gretchenfrage nach dem Umgang mit ikonischer Last – Martha Wainwright

  1. Schön geschrieben, meine Kritik zum Album folgt dann Morgen. Hatte erst ein großes Problem, Piaf von ihren Songs zu trennen, aber inzwischen finde ich das Album sehr stark. Schöne neue Arrangements.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.