Kein Flirt im Speed-Dating-Verfahren – Marie Dahl

Manchmal findet sind selbst in den unendlichen Weiten des Internets nur ein bescheidenes Häufchen Information. Viele Musiker mögen ihre Profession mit Hingabe und Talent absolvieren und hoffen doch vergebens auf Anerkennung. Wer es ablehnt oder einfach ignoriert, die eigene Haut im Web zu Markte zu tragen, indem er/sie die Ochsentour durch MySpace-Gefilde, eigenen Webauftritt oder Blog sowie Betreuung von YouTube-Profilen und Last.fm-Seiten nicht konsequent absolviert, muss auf einen käuflichen Schutzengel in Form einer Promotion-Firma hoffen.

Und von eben einer solchen Firma bekamen wir vor 2 Monaten eine CD zugesandt, welche sich nahtlos in meine lange Liste von Alben einordnete, die oft wochenlang darauf harren, mir auf Kommando Amüsement zu bescheren. Die Hybris eines Musikverrückten versteigt sich immer auf ein rasches Urteil. Jegliche Scheibe mutiert zur Schlampe, der man im Speed-Dating-Verfahren die Chance auf ein hastiges Umgarnen einräumt, während im Hintergrund bereits die nächsten Kandidatinnen lauern.

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Oben erwähnte CD freilich verdient mehr als nur einen kurzen Flirt. Sie entstammt der dänischen Feder der Singer-Songwriterin Marie Dahl und hört auf den Titel Adelaide and Hell’s Bridegroom. Trotz Recherche vermochte ich nur wenig Informationen über die werte Dame zu sammeln, einzig ein MySpace-Profil erstrahlt im Internet. Und so verlasse ich mich auf den der CD mitgesandten Beipackzettel, der ihr Geburtsjahr mit 1978 beziffert und die Gegend der Niederkunft in Kopenhagen verortet. Mittlerweile lebt Marie Dahl in Berlin und hat soeben ihr Debüt veröffentlicht.

Adelaide

Dies Erstlingswerk ist wahrlich ein starkes Stück. Bestens arrangiert und instrumentiert, nie der mit guten Intentionen verpropften Versuchung erliegend, viel zu viel auf jene eine Platte zu packen. Ich verbeiße mich sogar in die Behauptung, dass allerorts Lobhudeleien ausgeschüttet würden, wenn das Album von einer arrivierten Sängerin wie Natalie Merchant stammen würde. Denn Adelaide and Hell’s Bridegroom besticht mit einem klaren Fokus auf starke Lyrics und clevere Kompositionen. Marie Dahl mag nicht die stimmliche Wärme, Wucht oder Ausdruckskraft der irgendwo zwischen Pop und Folk beheimateten, skandinavischen Koryphäen besitzen,  sich in dieser Hinsicht nicht mit einer Ane Brun messen können. Das Songwriting von Frau Dahl allerdings schillert absolut virtuos.

Der dem Album seinen Titel gebende Eröffnungstrack Adelaide and Hell’s Bridegroom kreiert mit dezentem Piano und Viola wundersam andächtigen Klänge, auf denen ein feiner Text trohnt, mit reduziertem Gesang dargebracht. Solch ein Song hätte auch PJ Harveys Album White Chalk veredelt. Die Ballade Release Me verströmt eine fragile Verzweiflung, während das retro-poppig arrangierte Chart of Sins mich mit Zeilen wie „Some things end and some begin, so the wheel keeps turning, making marks on a chart of sins.“ fesselt. Die Chose ist abwechslungsreich, Breath wird von einem eingängigen Rhythmus getragen, während das hingebungsvolle Stay schön hingebungsvoll, stilvoll schnulzig den Liebsten zum Verweilen auffordert. Wiederum verharre ich auf dem Standpunkt das solch Lied einer dynamischeren Stimme bedürfte, um dann sogar in den Charts reüssieren zu können.

Marie Dahl vermag mich mit ihrem Debüt in einen Zwiespalt zu zwingen. So offenkundig das Songwriting eine große Künstlerin bezeugt, so fehlt zum absoluten Durchbruch wohl die restlos überzeugende gesangliche Komponente. Dies kleine Manko freilich soll mich jedoch keinesfalls davon abhalten, Adelaide and Hell’s Bridegroom als hochwertige, feine Platte den geneigten Lesern – mit der gleichen Begeisterung wie sie von der Promo-Firma zurecht an den Tag gelegt wurde – zu empfehlen. Singen kann schließlich jede DSDS-Göre, das Schreiben exquisiter Lieder hingegen beherrschen nur wenige.

Tour-Daten:

10.12.09 Leipzig – NochBesser Leben
11.12.09 Bremen – Folk Art Now Festival
13.12.09 Kiel – Weltruf
15.12.09 Augsburg – Abraxas
16.12.09 Dillenburg – Erbse
17.12.09 Kassel – Underground
18.12.09 Göttingen – Pools
19.12.09 Bad Münster – Struwwelin
20.12.09 Stuttgart – Cafe Galao
21.12.09 Berlin – Westgermany

Link:

MySpace-Auftritt

SomeVapourTrails

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