Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser – BBC Sound of 2010 am Prüfstand

Wenn die ehrwürdige BBC ihre Liste der Newcomer des Jahres 2010 enthüllt, dann sollte man doch die Ohren spitzen. Denn ein solch Trendbarometer wird ja von der Musikelite gespeist und offenbart nicht bloß ein Hirngespinst eines geschmäcklerischen Redakteurs. Viele Meinungen von Branchenkennern wurden eingeholt, ehe die 15 vielversprechenden Senkrechtstarter nun einen Eindruck vermitteln, was die Insel nächstes Jahr vermutlich abfeiern wird. Und da auch ich gespannt wie ein Flitzebogen bin, ob 2010 ein musikalisch befruchtendes Jahr für die Flora und Fauna meiner Gehörgänge wird, habe ich mir die Interpreten kurz angehört.

Doch lassen wir vorab nochmals die Protagonisten des BBC Sound of 2009 Revue passieren. Da waren mittlerweile klingende Namen wie The Big Pink, La Roux, Lady GaGa, Little Boots, Mumford & Sons, White Lies, Passion Pit, The Temper Trap oder Florence + the Machine vertreten. Ob Indie oder vermaledeiter Mainstream, die erwähnten Musiker haben iPods und Radio-Stationen erfolgreich geentert.  Dies Auswahl enthüllt weder Wunschdenken noch Schmöckern im Kaffeesatz. Und eben weil jene Selektion auch 2010 unmittelbare Auswirkungen auf den Speichelfluss des Musikkenners haben wird, kommt man um ein vertiefendes Erschnuppern nicht umhin. Denn selbst unser gegenüber Hypes eher misstrauische Blog, durfte sich manch aufgehenden Sternen nicht verschließen. Meine werte Co-Bloggerin DifferentStars ergötzte sich an Florence + the Machine und White Lies, während ich The Big Pink und Mumford & Sons als formidable Neuentdeckungen in mein Herz sperrte.

Doch zurück zu den frisch gebackenen Heilsbringern:

Daisy Dares You: Von der BBC als Bubblegum-Punk tituliert und von meiner Wenigkeit mit dem Prädikat nett und vergessen geadelt, verspricht die Jungspundin Daisy Coburn Schlagzeilen. Jene eingängige Harmlosigkeit zusammen mit einem zungenschnalzerischen Lolita-Effekt werden Daisy Dares You definitiv auf die Erfolgsspur hieven.

Delphic: Was als New Order auf einem Ambient-Techno-Trip angepriesen und damit zur Delikatesse verschrieben, ist doch nicht viel anders als die übliche Hausmannskost, nämlich Britpop auf Beats getoastet. Althergebrachtes Songwriting mit einem neuen Twist mag in den Charts zünden, mich entflammt dies jedoch nicht. Der Feuerlöscher braucht nicht gezückt werden.

Devlin: Ein britischer, milchgesichtiger Rapper schnellstottert über Verbrechen, Gewalt und Armut. Stoppt die Druckerpressen der NME, das hat die Welt noch nicht gesehen! Oder doch? Diesen Namen wird man sich nicht merken müssen, zu groß scheint die Gefahr, dass eine wirklich schöne Erinnerung aus dem Hirn weichen könnte. Devlin? Kenne ich nicht!

The Drums: Beach Boys treffen auf The Cure, urteilt die BBC. Tatsächlich möchte ich den Herrschaften einen gewissen Charme nicht absprechen, besonders der Track Down By The Water vermochte mich für die Band einzunehmen. Noch rieselt mir die Genialität der Band nicht wie Schuppen von den Ohren, aber von einem veritablen Indie-Tipp darf man schon faseln.

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The Drums: Eine vielversprechende Band!

Everything Everything: Wenn der Sänger so klingt wie Chris Martin mit Stimmbandentzündung, sollte man schon mal Ohropax für den unwahrscheinlichen Fall eines Dauerberieselung aufgrund eines Chart-Erfolges horten. Schräge Eigentümlichkeit bittet nicht zwangsläufig Qualität zu einem Ständchen. Die schreckgespensternde Vorstellung eines Durchbruchs dieser Band wird mich noch nächstens durch irrlichternde Träume verfolgen.

Giggs: Und abermals ein Rapper, dieses Mal jedoch in Zeitlupentempo reimend, gaaaanz laaangsaaam agierend. Sein Track Slow Songs (Nomen est omen!) scheint nicht von schlechten Eltern, was jedoch hauptsächlich The Streets zu verdanken ist. Mike Skinner for President,  bei Giggs reichts wohl nur zum Sachbearbeiter in nem Londoner Arbeitsamt.

Gold Panda: Electronica kann schön sein, findet auch die BBC. Und liefert leider keinen Act, der dies auch restlos belegt. Was nach Four Tet auf japanisch gekelterten Drogen anmutet, schwankt zwischen hochgradig quälend (Quitters Raga) und träumerisch (Triangle Cloud).

Ellie Goulding: Hohe Stimmlagen strapazieren mitunter das Nervenkorsett. Was ätherisch begeistern möchte, eiert oft und gern vielmehr enervierend daher. Dieser musikalische Wechselbalg betröppelt als Mixtur aus Kate Bush und Britney Spears – klingt unheilvoll. Solch weichgespült-schrille Chose ruft blankes Entsetzen hervor.

Hurts: Fuck Electro-Pop, besonders wenn jener so verflucht an ein unseliges Jahrzehnt erinnert, dass seit Jahren einen dummdreisten Retrowahn erlebt. Nehmt den Kerlen die Synthies weg! Mehr noch, schaltet die Mikros ab.

Joy Orbison: Ein DJ lädt zum Abhotten ein. Nun bräuchte es lediglich die passenden Beats. Schade, dass Pete O’Grady aka Joy Orbison diese jedoch nicht auf Lager hat. Allerdings gehe ich nicht so weit, ähnliche Konsequenzen einzufordern, wie es The Smiths in ihrem Song Panic tun.

Marina & the Diamonds: Frau Marina Diamandis habe ich bereits in einem Blogbeitrag kurz positive Erwähnung geschenkt. Hier wird Pop mit viel Energie und dem nötigen Pathos sagenhaft zelebriert. Mowgli’s Road darf als Referenz angeführt werden, warum eine vielversprechende Karriere mit dem Zaunpfahl winkt.

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Ein Album, auf welches sich zu warten lohnt.

Owl City: In den Staaten bereits mit einem Song an die Spitze der Billboard-Charts gestürmt, erwartet die BBC nun ähnliches auch für UK. Doch darf man sich wirklich solch Desaster herbeisehnen? Dieses banale Synthie-Pop-Gestöber mag als weichspülender Soundtrack für Fernsehserien eine Existenzberechtigung fristen, aber Mist bleibt Mist. Eine Empfehlung an alle Damen, die frei nach dem Motto Kitsch as Kitsch can sogar Michael Bublé noch zu viele Ecken und Kanten bescheinigen.

Rox: Ohne Soul-Queen wäre Sound of 2010 unvollständig. Amy Winehouse freilich darf getrost aufatmen. Denn obschon Rox Talent vorzeigt, fehlt der letzte Kick in der Stimme, der höhere Weihen garantiert. Für die Hitparaden wird es reichen, zurecht.

Stornoway: Endlich, folkige Töne mit poppigem Touch. Vielversprechend, aber noch nicht zwingend genug. Immerhin ein Lichtblick. Das sollte man nicht gering schätzen.

Two Door Cinema Club: Ansprechend, aber auch diese Band erfindet das Rad nicht neu. Noch regiert ein Mittelmaß, das freilich von jeglichem Ärgernis meilenweit entfernt vor sich hin scheppert. Gitarren-Pop der eher unspektakulären Sorte.

2010 wird also laut BBC ein sehr durchwachsenes Jahr, in welchem die arrivierten Bands und Musiker den Karren aus dem Dreck ziehen müssen. Daumen drücken, denn auf diese Newcomer ist höchstens vereinzelt Verlass!

Link:

BBC Sound of 2010: The longlist

SomeVapourTrails

4 Gedanken zu „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser – BBC Sound of 2010 am Prüfstand

  1. Alles komplette Mist.Geringere Lebensdauer als bei ein Stubenfliege. Wie immer ist es meistens nur warme Luft, was die Briten als Hype abfeiern. Ausser The Drums. Mit denen könnte es noch was werden.

  2. Na letztes Jahr wahren ein paar sehr gute Acts dabei. Die White Lies hast sogar du abgefeiert, ich sowieso. Florence ist auch toll und die Mumpitz und Söhne begeistern den werten Herrn VapourTrails. Ach ja , das große Pinke da gefällt mir auch immer besser.

    Hör dir doch lieber mal die Karol Schwarz Allstars mit ihrem „Simple Happy Song For Christmas“ an, die sollten was für dich sein.

    DifferentStars

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