Der alte Mann und das Mehr – Ain’t No Grave von Johnny Cash erwartend

Unsere Existenz berechtigt uns zu mehr, als nur ein winziger Bestandsteil im steten Zyklus von Geburt und Tod zu sein. Trotz unserer eigenen Endlichkeit können wir Spuren hinterlassen, die auch dann noch existieren, wenn wir in Gräbern vermodern, bis selbige letztlich aufgelassen werden. Aber auch ein tausend Gräber tiefes Vergessen wischt die Spuren nicht weg, es tilgt höchstens die Erinnerung an den Verursacher. Doch manch ein Mensch bleibt für immer prägend im kollektiven Gedächtnis.

Wenn im Februar das Album Ain’t No Grave von Johnny Cash erscheint, als sechster Teil die American Recordings beschließt, spricht der Altmeister posthum zu uns, erhält sein Vermächtnis neue Kerben, die sich in unsere Seelen furchen. Cashs Begabung lag darin, dass er die volle Bandbreite dessen, was Musik als elementare Bereicherung unseres Lebens verkörpert, in uns zu wecken vermochte. Seine Kunst war nie schiere Unterhaltung, abgehobene Kreation, Weltflucht, ästhetische Verirrung. In all den eingängigen Melodien und Refrains spiegelte sich das Spektrum menschlicher Emotionen wider. Ob Liebe, Sinnsuche und Religiosität, Außenseitertum oder das Ringen mit der dunklen Seite – Cash vermochte ein Lied darüber zu singen.

Das in den letzten Jahren seines Lebens mit Rick Rubin produzierte Testament lehrt uns viel über die Würde des Menschen kraft existentieller Erkenntnis. Über Bedauern und Bitterkeit legt sich der sanfte Trost der Weisheit. Aus den Schatten und Fehlleistungen der eigenen Existenz tritt Vergebung und Seelenfrieden hervor. Cashs Werk regt uns im bis heute im Fühlen wie im Denken, erweitert den Horizont der Hörer ohne jegliche belehrende Predigt.

Ich für meinen Teil durfte Johnny Cash in den 90ern zweimal live erleben. Sein stimmlicher Ausdruck – verbunden mit überwältigender Bühnenpräsenz – gehören für mich auf ewig zu den wertvollsten Momenten, die mir Musik je bescheren wird. Und so erwarte ich die Veröffentlichung von Ain’t No Grave voll Freude, voll Zuversicht, dass auch dies Album mir Impetus und Offenbarung ist. Dieser alte Mann vermochte bis zum Ende mit seinen Liedern und Interpretationen ein Mehr an Gefühlen und Gedanken  zu bewirken, jedweden Anhänger zu bereichern. Und so müssen auch keine Blumen an sein Grab getragen werden, er ruht unvergessen in den Spuren in unseren Herzen.

American VI: Ain’t No Grave erscheint am 26. Februar 2010.

SomeVapourTrails

5 Gedanken zu „Der alte Mann und das Mehr – Ain’t No Grave von Johnny Cash erwartend

  1. Das kann ich nur unterschreiben. Ich habe ihn 7x live auf der Bühne gesehen, zuletzt 1997 in Düsseldorf und Hamburg und muss sagen, dass jedes Konzert ein Erlebnis war. Seine Bühnenpräsenz war unübertroffen und war bei den letzten Konzerten in den neunzigern noch intensiver.
    Ich freue mich schon auf das neue Album und bin sicher, dass es den vorangegangenen in nichts nachstehen wird.

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