Die großen Nullen – Spiel mir das Lied vom Kot

Nachdem das Haltbarkeitsdatum des Jahrzehnts überschritten und eine frisch gebackene Dekade pfirsichhäutig erwächst, darf man getrost das Kind mit dem Bade ausschütten. Das Vermächtnis der abgelaufenen Dekade besteht in geringem Umfang aus epochalen kompositorischen Glanztaten, der eigentliche Furor manifestierte sich in iPods, der Unendlichkeit des Webs, dekatenten und vom Filesharing gebeutelten Plattenfirmen sowie einer karnickelhaften Vermehrung von Castingshows.

Nehmen wir die malträtierten Moloche zuerst ins Visier. Wenn sich eine ganze Branche nur noch in smarten Marketingfeldzügen ergeht und die jahrelang gewieft praktizierte Ausbeutung der Konsumenten zu perfektionieren sucht, wenn lediglich diese Fertigkeiten erlernt und überstrapaziert wurden, dann darf es nie und nimmer verwundern, dass eine Sinnkrise – wie es rapide sinkende Absatzzahlen nun einmal sind – ohne kreative Lösungen bewältigt wird. Schockstarre und Beißreflexe haben noch selten Probleme vom Tisch gewedelt. Deshalb charakterisieren die Nuller-Jahre das demenzhafte Dahinsiechen einer Branche, die zuvor wie Unkraut gedieh. Nun kann man dies vom evolutionären Standpunkt durchaus mit Wohlwollen beklatschen. Evolution kennt keine Moral und keine Skrupel. Und doch bleibt die vermaledeite Ursache das Filesharing. Ob als Überzeugungstäter oder aus Gedankenlosigkeit heraus, erbarmungslos nahmen die Tauschenbörsenjünger auch Kollateralschäden in Kauf. Für all die Musiker, die eben nicht Madonna oder U2 heißen, wurde in der vergangenen Dekade die Luft ebenfalls dünn.

Zwar entwickelte die Weite des Internets ungeahnte Möglichkeiten des Vertriebs, der Vermarktung und Etablierung von Musik. Letztlich zündeten Ideen wie Creative Commons nicht wirklich. Und den Bekanntheitsgrad mittels massenhaften MySpace-Freundschaftsanfragen zu steigern, hat auch noch keine Band in die Charts gehievt. Im Endeffekt spiegelt das Web ein Stammtischverhalten wider. Wer am lautesten schreit, glaubt gewonnen zu haben. Ein Irrtum. Weder Fleiß noch Liebe zu Detail und schon gar nicht spammige Penetranz sind der Schlüssel zum Erfolg. SEO zählt weitaus mehr, ebenso wie Viral Marketing. So doof der durchschnittliche Internet-Nutzer auch sein mag, er kann jedoch erkennen, wenn er für dumm verkauft wird. Je subtiler und hinterhältiger die Köder ausgelegt werden, desto eher zeitigt dies Wirkung. Die Selektion im Internet ist nichts für charakterfeste oder gar naive Zeitgenossen.

Und doch ließ sich in den letzten 10 Jahren mit Musik auch massig Geld verdienen. Besonders wenn man auf Schein und in geringer Dosis auf Sein setzte. Dergestalt vermochte Apple Plagen über die Menschen auszuschütten, in Form von iPod, iTunes und iPhone. Zumindest in den Belangen der Hardware wurde Design zur alles überstrahlenden Konstante. Längst ist es egal, was man so hört, vielmehr zählt, ob man es mit einem iPod hört.

Wenden wir unser gedankenschweres Haupt noch dem kunterbunten Treiben diverser Castingshow-Formate zu. Der frisch-fröhliche Aufmarsch musikalisch unbegabter Menschen wurde nur noch durch die hündische Ergebenheit übertroffen, mit welcher die Kandidaten Würde für vermeintlichen Erfolg opfern wollten. Ob Popstars oder DSDS – immer wurde von den Machern Qual mit Disziplin, divaesques Gehabe mit Ausstrahlung, klamaukige Attitüde mit Humor, schriller Gesang mit Emotion und Untalentiertheit mit Entwicklungspotential verwechselt. Dass Stars keinerlei kreativen Anstrich benötigen, schien sich stillschweigend als Grundvoraussetzung zu etablieren. Das eigentliche Opfer des Castingwahns stellten weder die voyeuristische Unterschicht dar, auch nicht die willigen Anwärter auf kurzlebigen Ruhm, vielmehr waren die eigentlich Geschädigten die Musiker, die ihre Kunst nicht als marionettenhaftes Handwerk begreifen. Der Beruf des Musiker scheint mittlerweile beinahe so anrüchig, wie es der des Henkers bereits ist.

Die Jahre der großen Nullen sind in vielerlei Hinsicht eine Farce. All die genannten Beispiel zeigen, dass die Kacke am Dampfen scheint, Musik als Kunstform abgedankt hat. Lieder und Alben und Interpreten sind nun mehrheitlich Ausscheidungsprodukte einer am Zahnfleisch kriechenden Industrie. Die Legionen der Niveaulosen stürzen sich darauf noch wie Fliegen auf einen Hundehaufen in der sommerlichen Mittagssonne. Doch ein Stück Hundescheiße ist halt nicht der Stein der Weisen. Und dennoch gilt, spiel mir das Lied vom Kot…

SomeVapourTrails

9 Gedanken zu „Die großen Nullen – Spiel mir das Lied vom Kot

  1. Wie Recht du damit hast. Gerade im Bezug auf Apple und Castingshows. Wenn ich mal so durchrechne, wieviele Alben ich in meinem Leben auf CD gehört habe (Danke liebe Leihbücherei), also so um die 7000 Stück (eher mehr), dann frage ich mich, ob der iPod das Hörverhalten von Anfang an zerstört. 7000 Alben sind schnell runtergeladen, da braucht man keine 20 Jahre zu (habe mit 6 angefangen, regelmäßig Musik aus der Bibliothek auszuleihen). Wenn man dann diese Alben hat ist man so überwältigt von der Fülle der Musik, dass man es nie schaffen wird, alles zu hören. Aber man kann damit angeben.

    Zu Castingshows fehlen mir die Worte. Ok, ich schaue regelmäßig Topmodel (darüber haben wir just heute in der Uni 2 Stunden gesprochen – Thema Konsumverhalten) aber im Vergleich zum DSDS etc. Schrott ist das ja noch erträglich. Wer als Model keinen Erfolg hat, der verschwindet wieder und schadet der Industrie nicht so immens (vor allem im Ruf) wie ein uncharismatischer Honksänger.

  2. Der iPod ansich ist eine Frechheit an Bedienbarkeit und Funktionalität. Aber er ist nicht daran schuld, dass Leute Unmengen an Musik herunterladen und niemals hören oder gar wertschätzen. Auch bevor mp3-Player alltäglich wurden kannte ich schon Leute, die Musik herunterluden und auf CD brannten und u.a. auf ihrem Discman hörten.

    Das Problem sind viel mehr die Menschen, denen Musik nichts mehr wert ist. Sicherlich wird das durch Castingshows und iPods noch verstärkt, aber wer Musik wirklich wertschätzt, der kauft sie auch. Ganz egal mit welcher Technik er sie später anhört.

    Wobei Castingshows tatsächlich sone Sache sind… Die lehren den Leuten, dass Musik nichts anderes als Marketing ist. Detlef Soost entblödet sich ja auch nicht, vor laufender Kamera ganz offen vom „Produkt“ und „Marktfähigkeit“ und so weiter zu reden. Und die Kandidaten machen es nach. Der kleine Sadist in mir guckt sich ja immer gerne an, wie die Leute sich bei den Castings zu DSDS blamieren und da kommen teilweise Leute rein, die sagen von vornherein „Ich kann zwar nur so mittel singen, aber ich bin ein Gesamtpaket“. Da läufts mir echt kalt den Rücken runter…. Vorallem wenn Gesamtpaket nicht bedeutet „Ich kann zwar nur so mittel singen, dafür spiel ich aber ein Instrument und kann Songs schreiben“ sondern „Ich kann zwar nur so mittel singen, aber dafür hab ich große Brüste.“
    Dadurch setzt sich natürlich auch bei den Leuten der Glauben fest, Musik wäre völlig beliebig von jedem zu machen, ganz egal wer grad „in der Band“ ist, und verliert dadurch ihren Wert.

    Aber andererseits ist es natürlich auch ein bisschen einfach, alles auf die Medien zu schieben. Ist ja nun nicht so, als ob es nicht genug gute Musik von echten Künstlern gäbe. Man muss nur nach ihr suchen. Nur das würde vorraussetzen, sein Gehirn einzuschalten und das kriegen eben viele nicht hin….

  3. Leider ist das Marketing zu wichtig und das Suchen nach guter Musik setzt eben nicht nur Hirn voraus, sondern auch Zeit. Selbst wir mit unserer Liebe zum „wahren Indie“ kommen kaum nach, die vielen Mails u. Newsletter der Labels + Promoter durchzustöbern. Sehr hilfreich war für mich war dann die Suche nach Weihnachtssongs um neue Künstler, die nicht vermarktet werden, zu finden. Die Purse Snatchers hätte ich ohne Mottosuche nie angehört und die waren echt ne Entdeckung für mich (auch ein paar andere, aber die besonders). Wobei ganz ohne Marketing hätte ich auch die Purse Snatchers nicht gefunden, immerhin haben sie’s auf eine der Plattformen geschafft, die Künstler mit Free Downloads promoted. Wie du es auch drehst und wendest, ohne Marketing kein Erfolg. Musik, mag sie noch so gut sein, wird nie von alleine zum Selbstläufer werden. Gerade bei den Christmas Songs musste ich mir 100 schlimme anhören, um einen guten zu finden. So eine Qual tue ich mir auch nur einmal pro Jahr an 😉

    DifferentStars

  4. Ja, aber Marketing ist ja nicht gleich Marketing. Es macht ja schon einen Unterschied, ob ich versuche eine schon bestehende Band zu vermarkten, oder ob ich mir direkt eine Band marktgerecht zusammencaste und denen dann am besten noch marktgerechte Songs schreibe. Ersteres ist ne gute Sache, zweiteres finde ich schlimm.
    Und richtig zum kotzen ist, wie mit dem Begriff Authenzität herumgeschmissen wird. Jeder Casting-Vollhonk der mal 10 Töne auf ne CD mit vorgefertigten Songs gegrunzt hat, ist plötzlich wahnsinnig authentisch, weil ja so viel von ihm selber in seiner Musik steckt.
    Ich hab mal ein Interview mit Patrick Nuo gelesen in dem er sich brüstete, dass er sich die Songs für sein neues Album ja ganz alleine ausgesucht(!) hätte und da deswegen so wahnsinnig viel von ihm selber drinstecken würde. Ich wusste echt nicht, ob ich lachen, weinen oder kotzen sollte….

    Und es gibt ja auch noch genug zwischen wahnsinnig unbekannten Indie-Bands und den Top 10. Und das ist wirklich nicht so schwer zu finden. Läuft doch teilweise sogar im Radio. Im Grunde müsste man nur mal genau hinhören und vielleicht nicht immer nur das Hitradio hören… Aber nein, man guckt lieber ins Fernsehen oder in die Charts und rennt dem nächsten Trend hinterher, ohne auch nur mal darüber nachzudenken, ob das einem selber eigentlich gefällt.
    Meine 13-jährige Schwester hat z.B. so einen unglaublichen Mix an Musikstilen im CD-Regal stehen, das kann der gar nicht alles gefallen. Aber es wurde eben alles mal gehypt. Und das kotzt mich so an. Dieses blinde Hypes hinterher rennen. Vorallem besitzt die auch fast nur Singles, keine Alben. Besteht einfach kein Interesse dran. Wenn man den Hit hat reicht das ja, wen interessiert schon der Künstler und sein restliches Werk….

  5. Ich hatte mit 13 auch nen schlimmen Musikgeschmack, allerdings besser, als der meiner meisten Klassenkameraden, die haben Modern Talking gehört, ich nie! Ha! (ähm die Sünden verrate ich hier jetzt nicht alle, nur zu Wham hab ich mich verschiedentlich bekannt 😉

    Du hast natürlich Recht, viele rennen wie die Schafe der Herde hinterher und was in den Massenmedien nicht vorkommt, wird nicht gekannt oder gemocht. Immerhin hat deine Schwester noch CDs im Regal stehen, lustiger Weise hab ich mir schon als Teenie fast ausschließlich Alben (Vinyl noch) gekauft, waren allerdings auch so einige „Formel Eins„-Compilations dabei. Da biste jetzt aber eindeutig zu jung für, die ersten deutsche Musiksendungen in der auch Videoclips liefen.

    DifferentStars

  6. Mit 13 habe ich Klassik, Die Doofen, Musik aus den Anden und Oliver Onions, Meat Loaf und Andrew Lloyd Webber gehört. Als Teenie habe ich viel aus den 60ern und 70ern gehört, atonale Musik und viel Heavy Metal & Prog.

    Naja, kommt alles mit dem Alter 🙂

  7. Okay, das Beispiel war blöd. Klar haben wir mit 13 alle Mist gehört (ihr sprecht hier mit dem Besitzer des ersten No Angels-Albums und zweier Daniel Küblböck-Singles 😉 ). Aber es sind ja leider nicht nur 13-jährige….
    Ich bin ja gar keiner von den Scheuklappen tragenden „Ich bin viel mehr Indie als wie du und Mainstream ist böse“-Menschen, ganz im Gegenteil, ich hab ne Schwäche für eingängigen Radio-Pop. Aber wenn Menschen wirklich einfach nur blind Trends hinterherrennen und nicht fähig sind mal rechts und links zu gucken oder sich auch nur mal ne eigene Meinung zu bilden und das alles ein bisschen zu reflektieren, dann kotzt mich das echt an. Vorallem, wenn die mir dann noch meinen Bewegungsfreiraum auf guten Konzerten klauen, weil grad ausnahmsweise malwieder eine wirklich gute Band gehypt wird 😉

    Wobei das warscheinlich auch nicht schlimmer ist, als sich völlig Obrigkeitshörig nur die Platten des Monats aus Visions, ME, Spex oder sonstwas zu kaufen….

  8. Ja. Das sehe ich genauso. Besonders toll sind auch Jazzkonzerte. Man geht hin, weil es gerade angesagt ist und hat von nichts ne Ahnung, aber kommentiert alles. Bisher ist mir bei jedem Rebekka Bakken Konzert der Kragen geplatzt. Das Publikum ist versnobbt, dumm und peinlich.

    Am tollsten finde ich Menschen, die noch nie auf einem Konzert waren. Ich kenne da jemanden, der hat zudem nur zwei CDs. Super Richi und ne Maxi CD von einem Fußballlied. Andererseits war der schon sehr oft im Fußballstadion und ich noch nie.

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