Die Waschzettel-Affäre – Die Zeit und das Augenscheinliche

Wenn ich während des Morgenkaffees die Überschriften der mehr als 70 in meinem Newsreader geführten Fachmagazine, Blogs und Zeitungsrubriken hinsichtlich musikalischer Verlautbarungen abgrase, gehört Die Zeit bei aller prinzipiellen Wertschätzung nicht zu diesem erlauchten Kreis. Daher brauchte es auch eine gewisse Zeit, ehe die Kritik an Musikpromotion und -journalismus nun doch den Weg in meine Kaschemme fand. Und so ganz will sich mir auch nach wiederholter Lektüre zweier Artikel die zwingende Schlüssigkeit der Kritikpunkte nicht darstellen, dazu hagelt es zu zahlreich olle Kamellen.

Die Chose begann vor mehr als einer Woche mit einem Wutanfall Carsten Klooks, dem es wie Schuppen von den Augen wehte, dass Presse-Infos von Plattenlabels und Promotionagenturen einen werbenden Charakter enthalten und in den Waschzettel genannten Mitteilungen Superlative ihr Unwesen treiben. Weiters bekrittelte der werte Schreiber Plattitüden und Worthülsen, die als „Girlanden bizarrer Vergleiche“ jedwede Inhaltlichkeit vermissen lassen. Ein paar Tage später sprang Zeit-Kollege Jan Kühnemund Klook zur Seite und relativierte das Augenscheinliche, indem er die Werbung für ein Produkt als stets lobpreisend und dumpf entlarvte und den Schwarzen Peter Musikredakteuren und Blogger weiterreichte. Anhand zweier Beispiele attestierte er Spex die wörtliche Übernahme von Waschzetteltexten und dem Musikexpress „Korrumpiertheit“. Plattenfirmen gäben Songs frei, die das Magazin dem Heft in CD-Form beilegt, worauf sich der Verlag mit überschwänglich wohlwollenden Besprechungen revanchiere. Dies wiederum veranlasste die Spex zur Klarstellung, dass im monierten Fall der Text lediglich im Zusammenhang mit der Bewerbung einer Spex-Eigenveranstaltung verwendet wurde.

Symbolbild

Soviel zu den sagenhaft sensationellen Enthüllung von Zeit Online. Und auch wenn es sich hier um ein Paradebeispiel für das Konstatieren des allzu Offensichtlichen handelt, sollte der übereifrig initiiert Diskurs auf der Ebene einer Grundsätzlichkeit fortgeführt werden. Denn eigentlich verrät die Qualität der Waschzettel viel darüber, wie Labels und Promotoren ihre Klientel einschätzen. Dies betrifft einerseits die Faulheit von Journalisten und Bloggern, Inhalte mittels Recherche einer Prüfung zu unterziehen. Die Hetzjagd nach Content unterbindet das. Die SEO-Schlampen unter den Blogs zum Beispielen übernehmen den Pressetext wortwörtlich, generieren hohe Klickzahlen ohne einen Funken eigene Meinung oder gar Fachkenntnis zu investieren, verdienen sich mit Werbung etwas dazu. Manch sogenanntes Internet-Musikmagazin wie Musicheadquarter.de bedient sich gerne  dieser Inhalte, übernimmt zwei Drittel des Promotiontextes zur Veröffentlichung des neuen Albums von Get Well Soon als Vorankündigung eines neuen Videos. Immerhin macht erwähntes „Magazin“ kein Hehl aus der verwendeten Quelle. Und da dies den Erstellern der Waschzettel hinlänglich bekannt ist, dienen selbige nicht der schieren Information, vielmehr der Verbreitung von hymnischen Qualitätsbezeugungen. Aus diesem Fundus schöpfen kleine wie größere Fische.

Andererseits richtet sich die sprachliche Verfasstheit von Presse-Infos natürlich auch nach der jeweiligen Leserschaft aus. Wer für die Beschreibung von Musik nur einen begrenzten Wortschaft aufbringt, will auch nur diesen in einer Besprechung erwähnt wissen. Wozu also soll ein Waschzettel für die neue CD der Scorpions eine schreiberische Finesse aufweisen? Je höheren Anspruch die Musik aufweist, desto hochwertiger agieren meist auch die Werbetreibenden. Und dies simple Faktum sagt mehr darüber aus, was oben angeführte Wochenzeitung rezensionstechnisch ins Auge fasst, als es die Autoren von Pressemitteilungen brüskiert.

Wenden wir uns nun noch rasch dem Kern des Problems zu. Wie lässt es sich über Musik parlieren, wie vermag man selbige zu rezensieren? Die objektiven Deskriptionsmöglichkeiten – zum Beispiel Tonlage oder Takt – sind für den Konsumenten reichlich uninteressant, ihn locken die Emotionen und Assoziationen, welche jene Kunst auslöst. In Worte zu fassen, was selbst keine Worte kennt, schreit förmlich nach überbordenden Verwendung rhetorischer Figuren. Dass die Rezensionsmaschinerie manch Adjektiv inflationär handhabt, scheint unbestritten. Und doch heiligt der Zweck die Mittel, wenn mit Phrasen nähergebracht wird, was nach Kritikermeinung Hörer zu bereichern vermag. Ich für meinen Teil sehe in scheppernden Gitarren, ausufernde Soundlandschaften oder düsteren Pianoakkorden keine Desavouierung der Sprache Goethes.

Die echte Crux an den Artikeln in der Zeit ist zweifellos die Frage nach der Redlichkeit von Musikjournalisten, wie ich sie hier bereits thematisiert habe. Doch ausgerechnet in dieser Hinsicht haben die Herren Klook und Kühnemund keinerlei Lösungansätze parat. Wahrscheinlich gibt es keine, außer auf die normative Kraft mündiger Hörer wie Leser zu vertrauen, die früher oder vermutlich später das üble Spiel durchschauen.

SomeVapourTrails

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