Existentielle Betrachtungen im Selbstversuch – Eels

Die Partyhütchen können getrost hinterm Tresen des Hobbykellers verbleiben und auch für kecke Tänzchen unter Discobeleuchtung eignet sich das Werk Mark Oliver Everetts nicht. Auch auf dem aktuellen Album End Times formuliert Mr. E unter dem Deckmäntelchen Eels existentielle Betrachtungen, die – von gefälligen wie bewährten Melodien umrahmt – essentielle Gefühlswallungen buchstabieren. Was das Songwriting über den Durchschnitt hebt, liegt in der Art der Schilderung begründet. Everetts Texte ringen nie um Betroffenheit, ergehen sich nie in Pathos, sondern schildern Ängste und Sehnsüchte eines Menschen, in welchen man auch ohne besondere empathische Fähigkeiten leicht zu schlüpfen vermag. Ging es bei Hombre Lobo: 12 Songs of Desire noch um ein kunstfigürliches Verlangen in all seinen Daseinsformen, adressiert das neue Eels-Werk nun das vermeintliche Ende von Leidenschaften, demonstriert die Auswirkungen am lebenden Objekt.

Jeglicher Schlussakkord einer Beziehung ist Auftakt für die quälende Suche nach den Gründen. Trauer, Selbstzerfleischung, Wut, Weltflucht vermengen sich zu einem Dickicht an Emotionen, in welchem man sich blindlings verheddert. Und genau hier schlägt End Times eine Presche rein, ordnet die widersprüchlichen, schmerzhaften Sentimente auf 14 Liedern, bewältigt den Schmerz in all den Facetten, gibt dem Kummer breiten Raum und kommt zu einer tröstlichen Conclusio.

Beginnt die Platte noch mit der schönstmöglichen Vorstellung, dem Schwelgen in Reminiszenzen von Glück, wendet sich Everett schnell der Hilflosigkeit in der Situation des Verlassenwerdens zu. Trauerbewältigung scheint noch nicht möglich – zu schmerzhaft ist der Verlust. Der Protagonist zieht sich trotzig in sein Schneckenhaus zurück, überträgt die Bitterkeit auf die gesamte Welt, hadert mit dem Schicksal und den Menschen. Zunehmend versteigt er sich in die heilsame Wut, in die Entzauberung der einst Angebeteten, lässt dem Zorn freien Lauf und legt damit den Grundstein für die Aufarbeitung des Scheiterns der Beziehung, für einen neuen Anfang. Am Ende setzt sich somit die schmerzhafte Vernunft durch, dass jedes Ende von Gefühlen selbige allmählich zu einer Erinnerungen verblassen lässt. Dass ein Aufrappeln nach dem Fall Merkmal der menschlichen Natur scheint.

Die Geschichte von End Times ereignet sich täglich ungezählte Male – und wird doch selten so kompakt und ungeschönt,  konzentriert und unverblümt geschildert. Und eben diese Fertigkeit zeichnet Mr. E aus. Vielleicht liegt die Unmittelbarkeit der Wirkung auch darin, dass Herr Everett jene Erfahrungen selbst durchlebte, als er das Album in den eigenen vier Wänden aufnahm, so zumindest dokumentiert es der Pressetext. Besonders eindrucksvoll gelingt der Seelenstriptease bei den Liedern In My Younger Days, End Times, Little Bird sowie On My Feet. Hier verschmelzen die Erfahrungshorizonte von Erzähler und Hörer, führen uns die Eels eigene Erlebnisse nochmals vor das geistige Auge.

Die mächtige Kraft der Vorgängerplatte wird mit der intimen, nie plakativen Erzählweise von End Times nicht erreicht. Doch das schmälert keinesfalls den Wert eines in seiner Gesamtheit sehr gelungenen Werks. Wie schon auf Hombre Lobo werden menschliche Regungen erkenntnisreich seziert, diesmal allerdings – wie es scheint – im Selbstversuch.

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SomeVapourTrails

1 thought on “Existentielle Betrachtungen im Selbstversuch – Eels

  1. schöne rezension – i love this record 🙂

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