Füllhörnerne Wundertüte – Blockhead

Waten wir in Klischees. So wie sich jeder Jüngling mit Bart oder wahlweise Koteletten und Klampfe in den Händen gerne als Reinkarnation Bob Dylans sieht, derart glaubt jedermann mit Computer und rudimentären Kenntnissen von Musiksoftware wie Ableton, dass das Zusammenwürfeln von Beats und Samples die hohe Schule der Electronica bedeutet. Doch lassen wir das Humptata in der Dorfdisco, wo DJ Möchtegern mit simpel gestrickter, elektronischer Tanzmusik auf degenerierte Komasäufer trifft.

Der unter dem Alter Ego Blockhead agierende New Yorker Produzent Tony Simon legt mit seinem aktuellen Album The Music Scene einen exzellenten Beweis vor, wie kunstvolle Loops, fassbare Melodien und nachgerade überwältigende Kreativität die Essenz und Faszination von Electronica beteuern. Gerne wird seine Musik als instrumentaler Hip-Hop etikettiert. Ich hingegen fange mit Begriffen wie Downtempo oder Breakbeat mehr an. Egal welche stilistischen Kategorien man erwähnt, sie greifen für diese CD zu kurz. Bereits Blockheads Debüt Music By Cavelight mit dem wundervollen Sunday Seance vermochte mich über weite Strecken zu beglücken. Mit seinem mittlerweile dritten Album gelingt es dem Herren nun endlich, ein durchgängig intensives Werk zu kredenzen, bei dem sämtliche Puzzleteilchen perfekt ineinander greifen und sich zum vollkommenen Ganzen fügen.

Bereits It’s Raining Clouds formuliert die Stoßrichtung. Was als stilvoller Downbeat anfängt, prescht nach der Hälfte in funkigen Drum ’n’ Bass. Und dermaßen abwechslungsreich – und dabei stets entspannt – gestaltet sich die gesamte Platte. All die Samples und Ideen in eine Scheibe zu quetschen, das könnte leicht in die Binsen gehen. Dazu jedoch agiert Blockhead zu souverän. Which One Of You Jerks Drank My Arnold Palmer? zum Beispiel verströmt fröhlich-jazzige Gradezza, hievt den ausladenden Entwurf dann in einer ironischen Brechung auf kindliche Stimmbandübungen zurück. Tricky Turtle wiederum beginnt mit funkigem 70er-Flair und erhält durch ein Vokal-Sample einen markerschütternden Ethno-Touch, ehe ein albernes, computerstimmlich piepsiges Everybody raise your hands up in the air die Reise vom tiefsten Afrika in den Orient führt. Nahezu jeder Track offeriert sich als Wundertüte, so auch Pity Party mit dem tiefsouligen Gesangsteil, Beats zum Niederknien und einer gegen Ende hin anbetungswürdigen, bläsernen Hookline mit Vokal-Loop.  All der Raffinesse hört man das hohe Maß an Tüftelei nicht an, sie tänzelt sich spielerisch in die Gehörwindungen. Attack The Doctor hämmert im zweiten Teil des Liedes mit geharnischtem Hip-Hop-Sound gegen Chorgeträller an, das ist großes Kino. Dass das epische The Daily Routine in Bälde als moderner Genre-Klassiker eingestuft werden darf, daran zweifle ich nicht. Der Kontrast zwischen einem streiterfüllten Stimmengemetzel und den melodischen Phantasien eines Herrn Blockhead machen das Lied zu einem Genuss.

The Music Scene darf guten Gewissens als überragende Platte bezeichnet werden, die den in Kürze anstehenden Veröffentlichungen von Four Tet und Bonobo ein fast nicht zu übertreffendes Exempel einzigartigster Electronica gegeben hat. Blockhead gelingt mit diesem Album der ganz große Wurf, eine füllhörnerne Wundertüte allerhöchster Sampling-Kunst. Gegen Blockheads musikalisches Können sind 99% der elektrisierten Musikschaffenden nur ein lauwarmer Furz in der Landschaft. Die nicht zur Spezies der Dorfdiscokomasäufer gehörigen Zeitgenossen werden mit nur beipflichten können.

Links:

MySpace-Auftritt

Album-Seite von Ninja Tune

Kostenloser Download von Which One Of You Jerks Drank My Arnold Palmer?

SomeVapourTrails

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