Meister der Zeitlosigkeit – The Magnetic Fields

Stephin Merritt ist ein absoluter Meister cleversten Songwritings, dass sich Trends verweigert, stets tüftelt und experimentiert, stets einen doppelten Boden im Köcher hat. Man sollte sich nie von der Gefälligkeit seiner Lieder täuschen lassen, denn so lieblich wie begnadet arrangiert und mit einem Lo-Fi-Mäntelchen behübscht selbige auch zu bestechen wissen, so lauern bei intensiverer Erhörung der Alben doch jede Menge Spitzen, die unaufdringlich und doch sehr sophisticated die musikalischen Miniaturen so richtig aufpolieren.

Vor 10 Jahren vermochte Merritt als Mastermind von The Magnetic Fields sein Opus Magnum, die 69 Love Songs, abzuliefern. Und eben das Wissen um diesen ganz großen Wurf lastete wie schweres Gepäck auf seinen Schultern und machte die musikalische Reise in der letzten Dekade mitunter beschwerlich. Mit dem soeben erschienenen Album Realism setzt Merritt letztlich nicht vollständig überzeugenden Verzerrungsmätzchen ein Ende und knüpft beherzt an frühere Tage an.

Diese Rückbesinnung ist weniger das Eingeständnis eines Scheiterns, vielmehr weht die Erkenntnis der eigenen Stärken durch die gesamte Platte. Wenn Streicher und Banjo das zauberhafte You Must Be Out of Your Mind mit pittoreskem Charme verbrämen, scharren zugleich auf der textlichen Ebene die Hufe. Zeilen wie „I want you crawling back to me, down on your knees, yeah, like an appendectomy, sans anaesthesia“ konterkarieren die liebreizende Melodie. Hier wird eine Stärke Merritts einmal mehr offenbar, wenn er des Hörers Ohr mit schönen Harmonien umgarnt und dabei in unterkühltem Vortrag lyrische Messer wetzt. Auch Walk A Lonely Road umhüllt der Zauber einer herrlich altmodischen Zeitlosigkeit, ein Lied gleich einer verwaschenen, entrückten Erinnerung, in der sich die weibliche Stimme glasklar und sirenenhaft in die Nostalgie der Musik bettet. Das von einer gestelzt-verspielten Aura umgebene The Dolls‘ Tea Party wirkt wie 150 Jahre altes Gesellschaftstänzchen, ehe die Lyrics abermals den Eindruck brechen. Oder nehmen wir I Don’t Know What To Say als Referenz an den sanften Pop der 60er-Jahre, wo man stets erwartet, dass Dusty Springfield ins Mikro trällert. Nahezu jeder der 13 Songs hat seine Eigenheiten, berückt mit spleeniger, gefinkelter Attitüde.

Mit Realism gemahnen The Magnetic Fields an die Wonnen der 69 Love Songs. Merritts  Liederschmiedekunst gerät noch immer ungewöhnlich wie einnehmend, eine Liga für sich eben, deren Finesse sich in der Wahl der Instrumente, nie überladenen Arrangements, dem Händchen für zeitlos eingängige Melodien und feinster Reimkunst äußert. Ein weiteres Höhepunkt des an musikalischen Höhepunkten bereits reichen Jahres 2010.

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