Panschende Blutsauger – Vampire Weekend

Während manch Veröffentlichungen in den Redaktionsstuben der Fachpresse rumgereicht werden wie sonst nur das Koks auf Veranstaltungen der werbetreibenden Industrie, fristen viele Alben ein Dasein stiefmütterlichster Behandlung. Den aus heimeligen Wohnzimmern bloggenden Männern mit Mittzwanziger-Backenbart und hipper Brille und den Vertreterinnen des weiblichen Geschlechts, die gerne Groupies wären, aber aus Eitelkeit heraus doch lieber die intelligente Powertussi geben, fällt auch nie ein Zacken aus der Krone, die neuste angesagte Indie-Rock-Band hochleben zu lassen. Was cool ist, muss man cool finden, sonst bliebe Mann und Frau so richtig uncool außen vor.

Doch wenn Musik eine Droge ist, dann wäre Vampire Weekend mit Contra über weite Strecken billiger Fusel. Nun wird dieser Tage aber auch die eine und andere Flasche Schampus geköpft, erblicken hervorragende Alben das Licht der Welt, perlen angenehm prickelnd im Abgang. Doch um den Hipness-Faktor nicht zu gefähren, greift die ach so musikergriffene Welt lieber zum Kartonwein. Der Inhalt einer Sektflasche freilich ist derart süffig, dass man im Zustand von Berauschtheit gern ein Loblied anstimmen will. In vino veritas lallt kalauernd der Lateiner und je edler der Tropfen, desto wahrer die Worte. Doch bevor in den kommenden Tagen hier ein Festgelage steigt, soll noch vor kurz vor den Gefahren des Komasaufens gewarnt werden. Gepanschter Wein maximiert die Risken. Aus diesem Grund sollte man um Vampire Weekend einen Bogen machen. So also klingt eine Scheibe, die in den besten Momenten so klingt, wie Paul Simon auf Schweinegrippe. Abgekupferte Afro-Percussion also, dazu noch ein paar Ska-Punk-Sperenzchen (Cousins) und Grabbeltisch-Reggae (Diplomat’s Son), fertig ist ein Album, das nur 2 halbwegs ansprechende Songs (White Sky, I Think Ur A Contra) vorweisen darf. Über allem schwebt die exzellent nervtötende Stimme des Sängers Ezra Koenig.

Ich habe auch ein Contra im Köcher, gegen eine wirklich formidabel durchschnittliche Platte. Und fast würde ich wegen der allerorts zu lesenden Lobpreisungen der coolen „Kenner“ ja mit dem Frustsaufen beginnen, aber man soll sich den Gaumen nicht verderben. Nächste Woche warten die wahren Schätze. Und bis dahin helfen Baldriantropfen.

Dieser Eintrag versteht sich als Teil der Knoblauch-hilft-Kampagne, zu der mich dieser Herr angeregt hat.

SomeVapourTrails

6 Gedanken zu „Panschende Blutsauger – Vampire Weekend

  1. du glaubst gar nicht, wie froh ich darüber bin, endlich etwas rückendeckung eines „mittdreißigers“ zu bekommen 🙂 du triffst den nagel sehr scharf und dennoch dezent auf den kopf – ich war bei meiner einschätzung etwas rabiater… ach ja: und wer denkt, afro-beats seien doch so neu im musik-biz, der/die sollte in der tat mal paul simon oder noch besser peter gabreil anhören. ein hoch auf den guten geschmack!

  2. Jetzt bin ich aber froh, daß dieser Hype bisher weiträumig um meine Gehörgänge gegangen ist. Ich hab grad mal 30 Sekunden des ersten Songs auf MySpace geschafft, da waren meine Schuhe schon einmal um den Erdball und die Zehennägel zweimal gekräuselt. Das ist also der letzte, ganz heiße, Indiescheiß? Na vielen Dank…

  3. ich frag mich ehrlich gesagt wo der sinn liegt, ein album einer band zu rezensieren, deren sänger man von anfang an nicht leiden kann…

  4. Damit stellst du ja die gesamte Fachpresse in Frage. Manch Journalist ist nur für Verrisse bekannt. Also Gegentenor gegen allzu übereifrige Lobhudelei halte ich eine „Contra“-Stimme für angebracht.

    SVT

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