Schall und Wahn und Gaga-Dadaismus – Tocotronic

Freilich könnte ich nun das Fremdwörterlexikon aus meinem Rezensentenköfferchen holen und gleich einem Sanitäter hektisch verarzten, was viele Ampullen Euphemismen benötigt, um nicht im komatösen Dämmer der Belanglosigkeit zu verharren. Doch meine ausgemergelte Begeisterung für Tocotronic verweigert die Erste Hilfe. Irgendwann scheint krankhaft aufgebläht, was in besseren Tagen mehr als nur Wichsvorlage für eine Intelligentsia war. Die wahre Musik spielt nicht nur im Kopf, frönt keinem so nichtssagenden wie gestelzten Pathos, flüchtet sich nicht in einen Dadaismus, der jedem Hörer Interpretationsspielraum andient. Letztlich will ich den Herren von Lowtzow, Müller, Zank und McPhail jedoch aufgrund vergangener Meriten eher Ratlosigkeit denn Beliebigkeit unterstellen.

Das Album Schall und Wahn versumpft im Gaga einer allzu artifiziellen Struktur, die krawallig uninspirierte Musik mit vermeintlich inhaltsprallen Texten kombiniert. Doch die Poesie der Postmoderne, die mit all ihrem Unbehagen frühere Platten in lichte Höhen führte, scheint einer an Marotten reichen, gewollt nebulösen, notorisch bemühten Textlichkeit gewichen, die keinerlei Botschaft erkennen lässt – außer der, dass sich kalkuliert semantisches Harakiri nicht zwangsläufig in hehre Kunst versteigt.

Über die Gründe dieses Offenbarungseides zu mutmaßen, wäre spekulativ und eigentlich sinnlos. Vielmehr gilt es, dies Ärgernis in den richtigen Kontext zu betten. Denn prinzipiell haben sich Tocotronic in der Herangehensweise nicht weit vom bisherigen Schaffen entfernt. Doch wo bis dato vertrackte Botschaften einen Stachel im Fleisch des Hörers hinterließen, perlen nun um Deutungsversuche winselnde Worthülsen einfach ab. Bitte oszillieren Sie ist Quatsch mit Soße, soll Humor antäuschen, wo auf Teufel komm raus kirre Verreimungen Sinn in Sinnlosigkeit vorgaukeln. Keine Meisterwerk mehr versprüht den Trotz einer Destruktivität, die brüsk und ratlos das eigene Schaffen ans Gängelband nimmt. Sinnlosigkeit unters Mäntelchen von L’art pour l’art geschmiegt, Verweigerung und Passivität als Antrieb (Mach es nicht selbst) werden voll unkomischer Ironie zur Farce. Hinter martialischen Wörtern wie Terror oder Folter lauert bestenfalls biedermeierne Resignation. Klang bei Pure Vernunft darf niemals siegen noch robuste Verzweiflung durch, schöngeistert Dirk von Lowtzow auf Die Folter endet nie in gefällig seichtem Pop. Aber musikalische Minderleistung defininiert keinesfalls das Hauptproblem von Schall und Wahn. Vielmehr torkelt die verquaste Ziellosigkeit der Lyrics in das Desaster. Wenn Stürmt das Schloss krudwortig durch die Boxen irrlichtert, erscheint zumindest der Albumtitel als passende Deskription hochgradig gelungen.

So bleibt die bittere Erkenntnis, das ärgerliche Fazit, dass Tocotronic mit diesem Werk einen Tiefpunkt erreicht haben. Alles Wohlwollen dieser Welt kann mich zu keiner anderen Diagnose verleiten. Doch noch besteht für den Patienten die Hoffnung auf Genesung. Tocotronic müssen nur ihre einzigartige, relevante Sprache wiederfinden. Dann darf dies Debakel gerne den Schleier des Vergessens küssen.

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5 Gedanken zu „Schall und Wahn und Gaga-Dadaismus – Tocotronic&8220;

  1. Psst, nicht weitersagen! Ich habe die Band nie gemocht. Das hängt vor allem mit nem Haufen Waldorfschülerinnen aus Berlin und einer Begegnung mit ihnen auf der Klassenfahrt in Holland zusammen. Lange Geschichte. Fazit: Wenn ich Tocotronic höre muss ich daran denken, wie ich ein eindeutiges Angebot missverstanden habe.

  2. und ich bin nach dem „weißen album“ – welches ich immer noch großartig finde, weil lyrisch und musikalisch ganz weit vorne – ausgestiegen 🙂 die letzten beiden platten waren lau und das hier scheint nicht besser zu sein.

  3. Die Schönheit dieser Platte erschließt sich mir nicht. Dass sie starker Tobak ist, ist bei Tocotronic ja eigentlich nicht verwunderlich. Worin liegt denn das Becircungpotential der Scheibe?

    SVT

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