Der Wahrheit und die Airplay-Charts

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Ein Blog, das ich hier und da schon empfohlen haben, nennt sich Der Wahrheit in die Musikbusiness, dahinter steckt ein anonymer Musiker, der nach eigenen Angaben, mit seiner Band „eine CD im Laden, einen Song im Radio, Auftritte im TV, Gigs vor bis zu 10.000 Leuten, einen Major-Label Deal“ hatte und resümiert: „es war (oft genug) die Hölle. Ich bin in diesen zwei Jahren 10 Jahre gealtert. Dieses Blog soll aufzeigen, wie es wirklich ist. Die guten sowie die schlechten Seiten der Industrie“

Sein neuster Beitrag “Du zuerst!” beschäftigt sich mit dem Teufelskreis, der vielen Bands/Musikern den Eintritt in die Charts (fast) unmöglich macht und dieses „fast“, ist ein Einwurf von mir und wird im Laufe des Beitrages erläutert werden, hier das Dilemma aus Sicht von Der Wahrheit:

[…] Fernsehsender wollen den Song erst senden, wenn er im Radio läuft. Radiosender wollen ihn erst senden, wenn andere Radiosender ihn spielen. Das irrsinnigste, was ich bisher von einem Radiosender gehört habe, war: “Wir spielen diesen Künstler erst, wenn er in den Airplay-Charts ist.” Liebe Radiosender, Ihr macht die Airplay-Charts, indem Ihr seine Songs spielt! Das ist keine Frage der Henne und des Eis.[…]

(vollständiger Text auf Der Wahrheit…)

Das System arbeitet also gegen Newcomer, Radiosender schielen beim Zusammensetzten der eigenen Playlists nicht nur auf die Airplay-Charts, sonder auch die Verkaufscharts. Ohne im Radio gesendet zu werden, schafft es jedoch niemand genug Hörer/Käufer zu finden, die eine sichtbare  Platzierung in den Charts sichern. Ein Teufelskreis, jedoch keiner, der nicht zu durch brechen ist.

Was also können Bands/Musiker tun, um sich „Gehör zu verschaffen“, die viel umkämpften Airplay-Charts zu „entern“?

Eine kleine Zeitreise gibt Antwort. Wir schreiben das Jahr 2008, DifferentStars spukt durch das Netz und diverse Musikcommunitys um mehr über Social Media Marketing zu erfahren, Wayne Jackson hofft irgendwann endlich sein erstes Soloalbum The Long Goodbye veröffentlicht zu bekommen und verbringt viel Zeit mit MySpace, Fuzz.com (R.I.P) und Co. Die beiden begegnen sich und ein reger Austausch beginnt.

Nach vielen Irrungen und Wirrungen mit Four Music/Columbia/SonyBmg wird schließlich Glorious, die erste Single von Wayne Jackson veröffentlicht, im August 2008 folgt die Veröffentlichung von The Long Goodbye. Die offizielle Promotion geht so ziemlich spurlos an allem und jedem vorbei.

DifferentStars denkt sich die ein und andere Marketing-Strategie aus, unter anderem diese:

Fans/Freunde dazu motivieren, E-Mails an Radiosender zu schicken (Auflistungen Kontaktadressen hier und hier) und um das Spielen von Glorious/Shine On zu bitten und noch wichtiger, Fans/Freunde darum zu bitten bei Radio-Charts für die Songs abzustimmen. Erster Mini-Erfolg: die BB Radiocharts, DifferentStars stimmt selber ab und gewinnt zur Strafe ne The Dome CD, der Song landet auf Platz 10.

Was genau hat dies nun mit den Airplay-Charts zu tun. Die BB Radio-Charts noch wenig. Aber: Es gibt einflussreichere Sender, an erster Stelle steht: SWR3

Also ein neuer Aufruf an die Fans: Bitte sendet eine E-Mail mit dem Betreff „Charts-Neuvorschlag“ an:  charts@swr3.de

Es funktioniert, Shine On landet im Herbst 2008 als Neuvorschlag bei den SWR3-Hörercharts, der Voting-Aufruf via MySpace und Co zeigt Wirkung: Shine On wird Nr. 1, der Song landet mit dieser Hilfe  auch in den Airplay-Charts.

2009/2010 Die gleiche Kampagne noch mal für Hallelujah (Album: Undercover Psycho). Der Song wird Nr. 1 und bleibt ne Weile an prominenter Stelle vertreten. Nach Waynes eigenen Aussagen, ist dies ausschlaggebend für die Airplay-Charts. Darüber hinaus, verschafft ihm die Plazierung in den Hörercharts einen Auftritt bei der SWR3 Fahrstuhl-Musik und SWR3 Latenight (6.02.10).

Für alle, die sich in den vergangenen Wochen gefragt haben, was ich den mit Social Media Marketing insbesondere in Bezug auf Wayne Jackson meine, dies ist ein Punkt von vielen und dies ist eine Kampagne, die kein Geld, dafür aber Zeit kostet. Nicht alle Bands werden mit solchen Aktionen Erfolg haben. Grundvoraussetzungen sind natürlich:

a) Dass der Song radiotauglich ist, sprich feinster Post-Rock wird hier keine Chance haben, oder nur dann, wenn man Sigur Rós heißt 😉

b) Die Single sollte bei einem regulären Label erschienen sein. Irgendwie Selbstveröffentlichtes wird von den Sendern gescheut wie das Weihwasser vom Teufel.

Viele Bands und Labels haben die Zeichen der Zeit erkannt und Streetteams für ihre Künstler ins Leben gerufen, die an den richtigen Stellen für wichtige Aufmerksamkeit sorgen.

Warum dies auch bei Musikern mit überschaubarem Fankreis Wirkung zeigt, lässt sich dadurch erklären, dass sie meisten Internet-Konsumenten nur passiv agieren. Nur eine geringe Anzahl der User tragen aktiv zum Geschehen bei. Zielgerichtet um Support zu bitten, kleine Aufgaben an Fans zu verteilen, heißt Energien zu bündeln und Menschen, die bereit sind etwas zu tun (nur nicht wissen was) die Möglichkeit der Teilnahme zu geben. (Ich kenne eine Person, die viel Zeit aber keinen Plan hatte, was sie für Wayne tun könnte, mich (als ehemalige MySpace-Topfreundin von Wayne Jackson) anschrieb und um Tipps bat, erst schickte ich sie zu Last.fm, wo sie seitdem jedem, der nicht bei 3 auf den Bäumen ist die Musik des Briten empfiehlt, die übrigen Stunden verbringt sie damit sich neue E-Mail-Adressen anzulegen, um nochmals bei SWR3 abstimmen zu können).

Abgesehen davon… ist es auch eine Wahrheit in der Musikindustrie, dass ehemals nützliche Freunde sehr schnell zu Gunsten noch nützlicherer gekillt werden… Inzwischen erzählt der Brite überall, er hatte alles einem wichtigen Freund bei SWR3 zu verdanken. Darüber hinaus, wurde mir zugetragen, dass er gestern bei Blue Moon auf Radio Fritz gemeinsam mit dem Moderator Stephan Michme das neue Genre Britrock erfunden hat. Hm… ich will ja nichts sagen, tagge ich doch schon seit Jahren auf Last.fm zusammen mit 2.450 anderen Nutzern den ein oder anderen Act mit diesem Genre-Tag und Google Deutschland kennt ganze 446.000 Erwähnungen, aber auch dies ist natürlich nur meine subjektive Wahrnehmen der Wahrheit 😀 Genug gelästert, …. sollte ja ein konstruktiver Marketing-Beitrag werden.

DifferentStars

7 Gedanken zu „Der Wahrheit und die Airplay-Charts

  1. Haha… sollte ich, „Mein wirres Leben im Internet“. Bestes Kapitel: Wie ich die Fake-Fan-Accounts von Four Music auf Last.fm in den Wahnsinn trieb und die besten Ausreden von Musikern, warum sie ihre Mp3s nicht richtig taggen können…

  2. dritter Versuch…
    ich bleibe ganz sachlich: dein „Zuträger“ in Sachen Radio Fritz hat wohl nicht so recht zugehört. Sie selber haben gesagt, dass es den Begriff Brit-Rock bestimmt schon gibt. Da du Wayne ja kennst (kanntest), wirst du auch wissen, dass es bei solchen Radiosendungen nicht so ganz ernst zu geht…

    Jana

  3. Na… aller guten Dinge sind 3 😀

    Allein, dass die das Genre Britrock/Brit-Rock noch nicht kennen, zeigt schon, dass sie nicht unterm „Blue Moon“ leben, sondern vollkommen dahinter.

  4. @Jana unqualifizierte Beschimpfungen landen eben in der Tonnne

    … wobei ich vergass zu erwähnen, dass ich die Erfinderin des Genres HighHeelgaze/ High-Heel-Gaze/ highheel-gaze (und alle anderen Schreibweisen) bin . Noch nicht ganz sicher, wofür genau es steht, ist aber ebenso wie Sockgaze (leider nicht von mir erfunden) eine Weiterentwicklung von Shoegaze.

  5. EDIT: Beitrag um den letzten Abschnitt gekürzt

    Ok, fang ich mal so an: was willst du dem geneigten Leser nun mit dieser Zeitreise eigentlich sagen? Dass Social Media Marketing verwerflich ist? Oder nur wenn es ein Wayne Jackson betreibt? (Ich dachte sein Name sollte für immer von deinem Blog gebannt werden?!) Jeder Musiker wäre dumm, wenn er nicht alle Möglichkeiten zur Promotion nutzen würde und so passiert es nun mal, dass es auch “Musiker mit überschaubarem Fankreis” in diverse Charts schaffen. (Eine Lady Gaga wird auch kaum einen Aufruf starten, für sie bei SWR3 zu voten.)
    Du selber hast doch die “Lawine” (mit) losgetreten, wie du schreibst. […]

  6. Hallo Jana,

    Marketing ist nicht böse, sondern notwendig. Auch die beste Band schafft ohne Werbung u. Promtion nicht den Durchbruch. Der obige Beitrag ist eine Antwort (wie auch deutlich vermerkt) auf einen Artikel von Der Wahrheit, der sich mit den Schwierigkeiten von Newcomern beschäftigt, denen es fast unmöglich ist, die Airplay-Charts zu entern. Um einen Weg aufzuzeigen, es doch zu schaffen und zwar ohne den Einsatz von großen Summen, habe ich exemplarisch Wayne als Beispiel herangezogen, eben weil ich diese Lawine mit losgetreten habe. Nicht ich bin die Böse hier, weil ich mir selber Credit für meine Arbeit geben, sondern die, die sich mit den Federn anderer Leute schmücken.

    Zum Thema Streetteams: Auch sehr, oder gerade sehr erfolgreiche Bands/Solokünstler haben Streetteams. Auf die Schnelle fallen mir da Mando Diao ein. Placebo und ähnliche Größen rufen immer wieder ihre Fans dazu auf, für sie bei diversen Gelegenheiten zu voten. Von Nichts kommt eben nichts und auch wer schon oben ist, muss sich kümmern.

    DifferentStars

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