Die verquer-verquasteten Kapricen einer Joanna Newsom

Irgendwie erinnert mich Have One On Me von Joanna Newsom an Szenen aus Tim Burtons Film Mars Attacks!, als ein Country-Lied die Gehirne der außerirdischen Invasoren zum Platzen bringt und somit die Erde vor der Inbesitznahme durch fiese Kreaturen rettet. Auch Newsoms neues Werk besitzt Folterwerkzeugpotential, wenngleich in diesem Fall geschmacksichere Hörer als Opfer auserkoren wurden. Dass das neue Werk gleich 3 CDs füllt, mag auf den ersten Blick als besonderer Akt von Perfidität erscheinen, entpuppt sich jedoch als nebensächlich, da man bereits nach dem ersten Drittel entkräftet die Segel streicht und von einem Gehirninfarkt übermannt wird. Wer masochistische Suizidgedanken noch nicht als Steckenpferd für sich entdecken mochte, kann dies nun – angestachelt durch die überschwänglichen Lobhudeleien der Fachpresse – nachholen.

Doch auch ein auf Naivität gebetteter Zugang führt ins Unglück. Man versucht mit Händen und Füßen die Finesse zu greifen, welche die Musikkritikerschar bereits dem Vorgängeralbum Ys unisono attestierte, verortet mangelndes musikalisches Verständnis in den eigenen Gehörgängen und strebt danach, den Makel durch Anhören von Have One On Me endlich auszumerzen. Ein Fehler.

Amerikas schlimmste Waffe seit Agent Orange tarnt sich noch dazu recht adrett. Eine junge Dame mit Harfe – da fällt es zunächst schwer mit dem Finger auf sie zu deuten und nach dem Scheiterhaufen zu rufen. Zur Rechtfertigung braucht es jedoch keinen Hexenhammer. Newsom kultiviert eine in jeder Faser artifizielle, langatmige, gesanglich verquere, auf Teufel komm raus mit jedwedem Schnickschnack versehene, so gewollt gestelzte Musik, die mit stolzgeschwelltem Bemühen speziell zu klingen hausieren geht. Affektierte Künstlichkeit wird mit Kunst gleichgesetzt und über zwei Stunden lang zelebriert, solange bis auch der letzte Hörer, welcher Musik nicht als verquastete, abstrahiert aufgedonnerte Klangfolgen – gegen die Zwölftonmusik einem Hort an Zugänglichkeit ähnelt – begreift, händeringend um Erlösung fleht.

Wenn Polemik angebracht scheint, dann bei diesem nervtötenden Album, das so offensichtlich postuliert, in höheren Sphären zu schweben, und keine Sekunde lang mit dem Gedanken kokettiert, dem Konsumenten der Platte eine Strickleiter herabzuwerfen, damit dieser die kühlen Höhen zu erklimmen vermag. Und darum wirkt die Chose wie ein eisiger, Überheblichkeit bezeugender Gefühlskosmos,  der sich nach allen Seiten abschottet, den verzweifelt um Anhänglichkeit bemühten Hörer als lästigen Balg abschüttelt, Unnahbarkeit zur Kunst hochstilisiert.

Und wann immer sich etwas mit dem Stempel eines aufgeblähten Anspruchs feilbietet, stürzt sich die Musikjournaille darauf, bedacht den Nimbus der Besonderheit auf das eigene Haupt zu übertragen, ignorant genug den Etikettenschwindel nicht zu bemerken. Dass Pitchfork das Album abfeiert und am gleichen Tag The Meat of Life von Clem Snide der Mittelmäßigkeit bezichtigt, spricht Bände. Auch Spiegel Online irrt gewaltig, wenn hinter dem Stückwerk die Entfaltung reinster Musikalität vermutet wird. Man lasse sich nicht vom Gleichklang derer, welche Have One On Me schöngeistern, aus der Fassung bringen. Ungenießbares bleibt ungenießbar – selbst bei übermäßigem Gebrauch von Euphemismen.

Wer den Trend zu drögen, sich selbst zu clever erachtenden, an Kapriolen reichen Folk-Experimenten nicht mitmachen und die Gehirnwindungen schonen will, dem sei von Joanna Newsoms neuestem Streich dringendst abgeraten.

Link:

Album-Stream auf NPR auf eigene Gefahr

SomeVapourTrails

6 Gedanken zu „Die verquer-verquasteten Kapricen einer Joanna Newsom&8220;

  1. Im Gegensatz zu Joanna Newsom ist Slim Whitmans Musik allerdings schon wieder so trashig, dass sie zumindest Spaß macht und unterhält. Würde mir eher noch eine Greatest Hits von diesem Countrysänger zulegen, als Newsom nochmal eine Chance zu geben!

  2. nach dieser herausragenden rezension werde ich selbst zu diesem wirr-warr-werk nichts verfassen, sondern hierher verlinken 🙂 möge mir die fachwelt erklären, was an frau newsom so toll sein soll!

  3. Immer wieder amüsant, wenn jemand mit soviel ausgesuchten Worten etwas schlecht findet. 😉 Warum nicht einfach ignorieren (wie soviel anderes Unerträgliche auch)? Was ärgert denn so?

  4. Ich war gestern auf einem Konzert von ihr und muß sagen: Schon lange nicht mehr habe ich etwas so Großartiges gehört. Erstklassige Musiker, eine grandiose Stimme, von der Sängerin perfekt eingesetzt. Die Musik ist natürlich etwas gewöhnungbedürftig – jenseits dieser 3-Minuten-Einheitsscheiße, die einem als Musik verkauft wird, sind wir ja kaum noch Qualität gewohnt, die neu ist und Aufmerksamkeit verlangt, aber mit einer Klangwelt, einem Klangkosmos belohnt, der so reichhaltig und überwältigend ist wie sonst kaum etwas in der aktuellen populären Musik. Wer Ohren hat zu hören, der höre.

    Kann schon sein, daß die Musikjournaille eine Journaille ist, aber daß sie sich allein schon dadurch diskreditieren soll, weil sie einen anderen Geschmack hat als Du, ist ein bißchen billig, oder?

  5. Also wenn Joanna Newsom sich abschottet und mich „lästigen Balg“ versucht abzuschütteln, dann muß ich sagen, daß ihr das bei mir nicht gelingt. Ich finde mittlerweile, das ganze Werk hat geradezu Ohrwurm-Qualitäten. Ich krieg die Melodien zumindest nicht mehr aus’m Kopf. Soo kompliziert sind die Stücke ja nun auch wieder nicht …
    Die Stimme mag man oder mag man nicht, so ist es halt.
    Für mich ist das Musik mit Herz und Hirn.
    Und ich hör daneben auch noch Rammstein :-))

  6. phu! und ich hab schon gedacht, dass ich keine vernünftige kritik zu joanna newsom finde. du sprichst mir aus der seele.

    ein hübsches zitat hab ich dennoch gefunden: Joe Boyd lt. „Berliner Zeitung“ auf einer Lesung in Berlin, begleitet vom Musiker Geoff Muldaur:
    „Ich gebe mir Mühe, sie zu mögen, aber jemanden wie Joanna Newsom finde ich einfach nur lächerlich. Oder was sagst du dazu, Geoff?“ – „Ich finde, daß es mit der Welt generell den Bach heruntergeht.“

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