Ein Gegenstück zum Remmidemmi unserer Tage – The Album Leaf

Where do we go these days?“ erschallt die Frage im Song There Is A Wind. Und tatsächlich stellt das Album A Chorus of Storytellers den Versuch dar, der Hektik und dem Chaos unserer Zeit mit einer bedächtig formulierten Besinnlichkeit entgegenzuwirken. Sanft hätscheln uns Melodien, wiegen in einen Dämmerzustand der Entspannung, entwickeln über 50 Minuten eine wohlige Wärme voll Geborgenheit. Dass Jimmy LaValle als Mastermind von The Album Leaf zu stimmungsvollen Klängen besonders befähigt scheint, bewiesen bereits die Vorgängeralben. Insofern mag A Chorus of Storytellers überraschungsarm anmuten – und doch überzeugen.

Kritiker tun sich mit The Album Leaf erfahrungsgemäß schwer. Wie soll man Musik verorten, die bei aller Komplexität der Arrangements, die Schicht für Schicht aufgetragen, dem Sound eine ungemeine Tiefe geben, letztlich doch einen meditativen Charakter behält? Der Hörer wird auf sachten Bildern geschaukelt, knüpft Assoziationsketten und gerät ins Schwelgen. Und eben dies Konzept zaubert Grübelfalten in die Stirn der Rezensenten. Wird hier nicht an die niederen Instinkte der Konsumenten appelliert, das totale Wohlfühl-Gedudel ausgerufen? Mitnichten.

Foto: Bil Zelman

Nicht alles, was Harmonien aus dem Schlaraffenland huldigt, gerät kitschverbrämt. Aber vielleicht braucht es zu dieser Erkenntnis ein Gespür für Nuancen. Wenn spektakuläre Gesten fehlen, mag vielen als langweilig, oberflächlich oder belanglos erscheinen, was doch den Kern musikalischer Wirkung trifft. Man muss wahrlich kein Gourmet sein, um die betörende Eigenart von The Album Leaf zu erspüren. Eventuell bedeutet dies den Grund, warum LaValles Songs gerne in Fernsehserien eine untermalende Verwendung finden. Die Musik berührt Hinz und Kunz, trotz aller innewohnenden Finesse.

A Chorus of Storytellers verströmt ein tagträumerisches Sentiment, lässt den Trubel und Lärm des Alltags hinter sich. Ambient-Elemente ungarnen Post-Rock-Komponenten, ein kräftiges Schlagzeug wechselspielt mit leisem Gesang, Piano und Violine kuscheln sich ineinander. Zu den besten Stücken gehört das reich instrumentierte, sich opulent aufbauschende Until the Last, beim Sinn suchenden There Is a Wind bestechen wehmütige Lyrics. Wie eine längst vergangene Kindheitserinnerung, in der Losgelöstheit an den Esprit früher múm-Scheiben anknüpfend – und damit auch den Bezug zu Island unterstreichend – gleitet Tied Knots davon, während We Are und Almost There das unbehagliche Gefühl eines Umherirrens nochmals thematisieren. Hier wird wahrlich kein Eskapismus zelebriert! Die Mischung aus zarter Electronica und dem glasklaren Spiel der Streicher und des Klaviers entfaltet sich besonders bei Within Dreams wundervoll.

Jimmy LaValle vermag einmal mehr seine musikalische Ästhetik an den Mann und die Frau zu bringen und an die selbst gesteckten hohen Standards anzuknüpfen. Das können ihm Kritiker vielleicht als Stagnation auslegen, seine Fans freilich wissen genau diese Verlässlichkeit zu schätzen.

Tour-Daten:

04.03.10 Luzern (CH) – Südpol
05.03.10 Düdingen (CH) – Bad Bonn
06.03.10 Sankt Gallen (CH) – Palace
07.03.10 München – Feierwerk
09.03.10 Wien (A) – Szene
10.03.10 Dresden – Beatpol
11.03.10 Berlin – Lido
12.03.10 Hamburg – Knust
14.03.10 Köln – Gebäude 9
18.03.10 Heidelberg – Karlstorbahnhof

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