Fast alle Tassen im Schrank – Xiu Xiu

Manchmal rankt sich Irritation zur Kunstform hoch, sodass die prosaische Regung des Rezipienten nur in einem ungläubigen Schlackern mit den Ohren besteht, einhergehend mit dem Zweifel, ob der Künstler noch alle Tassen im Schrank hat. Doch Provokation kann phantasielos plakativ meucheln, oder hingegen ungemein auf verstörende Weise liebenswert betören. Und in exakt dieser Manier hantelt sich Xiu Xiu mit Dear God, I Hate Myself ins Herz des Hörers. Mastermind Jamie Stewart bricht Konventionen, trotz avantgardistischen Zugangs sowie vehementer textlicher Überspitzung wird man nicht müde, der Faszination seines sperrigen Werks zu erliegen.

Despair will hold a place in my heart/ a bigger one than you do do do/ and I will always be nicer to the cat / than I am to you you you” stimmt Stewart das Lamento des Titeltracks an, um in dem poppigen Refrain von Dear God, I Hate Myself den überrumpelten Hörer zum Mitträllern zu bringen. Ehe man es sich versieht, bezichtigt man sich des Selbsthasses, johlt vergnügt. Fallstricke also, wohin das Auge auch reicht, und dennoch hängt man an Stewarts Lippen, dessen oft larmoyanter Singsang in seiner Intensität an die Zeiten von The Smiths erinnern. Dass das dazugehörige Video die sich voll Schönheit die Seele aus dem Leib kotzende Angela Seo, ihres Zeichens Bandmitglied, zeigt, darf als konsequente visuelle Umsetzung eines beunruhigend intensiven Liedes erachtet werden. Bereits jetzt ein heißer Kandidat für den Song des Jahres.

Xiu Xiu – Dear God, I Hate Myself from Kill Rock Stars on Vimeo.

Freilich existieren auf dem Album weitere Glanzlichter. Chocolate Makes You Happy schlägt in eine ähnliche Kerbe. „When you thrust two fingers down your throat/ and wash away what’s wrong“ kann wohl nur im musikalischen Universum eines Herrn Stewart Freude indizieren. Fast wünscht man sich, dass inmitten all der Verstörung ein Augenzwinkern die Ironie verrät. Am ehesten wird sie noch in der Lo-Fi-Darbietung deutlich, wenn Keyboards und Drum Machine den Song in die finstersten 80er beamen. House Sparrow mit dem Thema Pädophilie verschärft das Entsetzen, während Gray Death mit der Aufforderung „Beat, beat me to death“ nicht weniger unverdaulich scheint. Und natürlich muss der Hörer schon allein aus einem Selbstschutz heraus hinter all dem Übertreibung und kruden Humor vermuten, besonders wenn letztgenannter Track mit kräftiger Percussion und anspornender Gitarre zu einem winselnden Flehen verkommt. The Fabrizio Palumbo Retaliation gerät zu einer experimentell-kakofonischen Highlight, das mehr Haken schlägt als jedweder Hase und dennoch ungeheuer konsistent bleibt. Mitten in das elektronische Gedudel verirrt sich bei Cumberland Gap ein Banjo in die Szenerie, tanzt Folk wie die Faust vor dem geistigen Auge. Solch ein Stilbruch verschafft Erleichterung, weil man zu spüren vermag, dass Xiu Xiu eben nicht bierernst pathetisch agieren. Gegen Ende der CD erschallt mit This Too Shall Pass Away (For Freddy) eine ungemein schöne Retro-Ballade, die so klingt, wie die 80er hätten klingen sollen.

XIU XIU Dear God, I Hate Myself by killrockstars

Wer Dear God, I Hate Myself aufgrund meiner Worte als gallig einstuft, täuscht sich. Denn wenngleich man den Geisteszustand der Mitglieder von Xiu Xiu durchaus nicht nach der Maßgabe der Normalität beurteilen darf, bleibt unter dem Strich ein weiteres Werk, welches spannend und – so unglaublich es eben klingen mag – herzerwärmend gelingt. Jamie Stewart ist ein derart gewaltiger Songwriter, dass man jede Provokation genüsslich schluckt und nie der Bulimie anheim fällt.

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SomeVapourTrails

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