Friendly Fire oder doch ein Schlag ins Kontor der Copyright-Ignoranten?

Selbst die Crack-Hure in meiner Straße hat es schon von den vom Dach zwitschernden Spatzen vernommen: Google ist böse. Ja, dies Liedchen lallen nicht mehr nur die miesepetrigen Apologeten eines freien Internets. Längst ist Google vielen mehr Osama als Obama. Als der Blog-Hostingservice Blogger.com, dessen Inhaber Google ist, in den letzten Tagen manch auf das Verbreiten mehr oder minder legaler Mp3s spezialisierten Blog einfach so das Licht auspustete, führte dies zu einem temporären Kammerflimmern in der musikaffinen Szene. Doch wie so oft fällt die Wahrheit bei dem ganzen Tohuwabohu zu allererst über Bord. Daher werfe ich nun ein paar Tatsachen als Rettungsring hinterher.

Auf der Jagd nach illegalen Downloads via Torrent, wird man bei Google stets fündig. Treffer reiht sich an Treffer. Dass die Suchmaschine somit als Wegweiser für Copyright-Brecher agiert, bringt Google natürlich immer dann in einen Erklärungsnotstand, wenn die Firma saubermännisch agieren will. Ein paar kleine Blogs, die möglicherweise unberechtigt Mp3s auf Blogger.com hosten, zu löschen, aber gleichzeitig Torrent-Seiten nicht zu filtern, das birgt einen schalen Beigeschmack.

Trotzdem ist Google nicht der Hauptverantwortliche für dies Schlamassel, wenngleich es natürlich doch eine fragliche Praktik scheint, den Inhaber des gelöschten Blogs über die näheren Umstände des Handelns im Dunkeln tappen zu lassen. Im Zweifel gegen den Angeklagten zu entscheiden, ihm keine Chance zur Rechtfertigung einzuräumen, solch Mechanismen kennt man im Normalfall lediglich von totalitären Regimen. Im Kern jedoch liegt das Problem bei Bloggern und Plattenlabels. Solange manch Blogger nicht begreifen möchte, dass man nicht einfach irgendeine Mp3 ohne Genehmigung zum Download anbieten kann, sogar wenn selbige auf einer reputablen Quelle ebenfalls frei verfügbar scheint, wird sich an der Problematik nichts ändern. Auch das beliebte Feilbieten von Mp3s zum Zwecke des Probehörens gerät zur Augenauswischerei. Viele Musik-Blogs halten sich einfach nicht an die Regeln des Copyrights. Punkt. Unter dem Deckmäntelchen der Förderung von Musik lässt sich viel verbergen, was dennoch nicht den Gesetzen entspricht.

Jenes Verhalten ruft natürlich wackere Krieger auf den Plan. Die im Auftrag von Plattenfirmen agierenden Heerscharen von Anwälten trachten danach, die unzähligen Verstöße aufzuspüren. Und da es sich als einfacher erweist, gegen von Google gehostete Blogs vorzugehen, anstatt sich mit irgendwelchen russischen Torrent-Seiten erfolglos rumzuschlagen, wurden ja auch bereits in der Vergangenheit Löschungen beantragt und durchgeführt. Kollateralschäden sind natürlich einkalkuliert. Da Majors längst über Dutzende Sub-Labels verfügen und das Marketing oft an Promotionfirmen übertragen, weiß die eine Hand schon längst nicht mehr, was die andere gerade so macht. Was die musikalische Tochter erlaubt, kann dem Herrn Papa sauer aufstoßen. Hier liegt der Hund begraben. Wenn ein Rechte-Wirrwarr auch den übervorsichtigen, tadellosen Blogger  ab und an in die Bredouille führt, dann sollte sich die Musikindustrie doch fragen, inwieweit sie nicht in die Fettnäpfchen der von ihr selbst vorangetriebenen Online-Promotion tappt. Solange Internet-Dilletanten, die die Bedeutung des Wortes Widget nicht kennen, denjenigen ins Handwerk pfuschen, welche Musik im Web als Chance begreifen und nicht per se auf Filesharing reduzieren, wird das Kuddelmuddel seinen Lauf nehmen.

Symbolbild: Systemimmanenter Beißzwang der Musikindustrie.
Symbolbild: Systemimmanenter Beißzwang der Musikindustrie.

Lösungen? Sie existieren. Sind jedoch wohl zu sehr von gesundem Menschenverstand durchdrungen, als dass sie in unserer ach so komplizierten Welt erfolgversprechend wären. Wenn man einen Track eines Albums als „Lockmittel“ kostenfrei anbietet, könnte eine (temporäre) Lizenz zur unbesorgten Weiterverbreitung Rechtssicherheit schaffen. Eine weitere Möglichkeit läge in einem in der Mp3 verankerten individuellen Wasserzeichen, welches quasi die Erlaubnis zur Verbreitung des Liedes beinhalten würde. Damit könnte Friendly Fire verhindert und die Verbreitung gewisser Songs im Sinne kostenloser Promotion ungehindert forciert werden. Denn letztlich wird man den Copyright-Ignoranten nur dann entgegentreten können, wenn man diejenigen, die Musik fördern wollen, mit ins Boot holt.

Und damit nicht genug. Wenn Labels nicht Verwirrung stiften, springen eben Verwertungsgesellschaften wie die GEMA in die Presche. In deutschen Landen zählt die Erlaubnis einer Plattenfirma zum Hosten einer Mp3 wenig, wenn der Künstler bei der GEMA unter Vertrag steht. Diese will dann nämlich – kostenloser Download hin oder her – dennoch Kohle sehen. Und zwar vom werten Blogger. Viele Fallstricke warten auf Musik goutierende und darüber berichtende Zeitgenossen. Einer Branche, die sich samt und sonders derart chaotisch, panisch und unflexibel benimmt, die Treue zu halten und diese durch Berichte über Musik zu unterstützen, das verlangt Langmut und Charakterstärke.

Links:

Artikel auf Motor.de

Bericht auf Laut.de

Stellungnahme eines Betroffenen

Beitrag auf Paste Magazine

Unverbesserliche Ansicht eines Copyright-Ignoranten

SomeVapourTrails

6 Gedanken zu „Friendly Fire oder doch ein Schlag ins Kontor der Copyright-Ignoranten?

  1. Und genau deshalb verlinke ich nie mp3 files. Die Sache ist mir einfach zu blöd. Übrigens: Peter Gabriel hat die Zeichen der Zeit erkannt und legt seinem neuen Album (zumindest in der Special Edition) einen Code bei, mit dem man über seine Webpage das Album downloaden darf.

  2. peter war eben schon immer visionär und trendsetter. ich verlinke ebenfalls nie direkt zu mp3s und videos oder baue sie ein – ist mir echt zu heikel.

  3. Kann mich mal jemand aufklären, was visonär daran sein soll, einen Download-Code einer gekauften CD beizulegen? Zum einen hat das null Auswirkungen auf illegale Downloads, denn diejenigen die das tun, kaufen eh keine CDs, gelangen also auch nicht in den Besitz des Codes, und alle andern haben ein Laufwerk am PC, um direkt die CD auf den Rechner zu ziehen… Oder hab ich jetzt ein Brett vorm Kopf?

  4. @ Frauke
    Manchmal gibt es als Goodies dann zusätzliche Songs oder Alternativ-Versionen als Bonus. Es kann durchaus ein weiterer Anreiz sein, das Album physisch zu erwerben, wenn man dadurch zum Beispiel mp3-Bonus-Tracks erhält. Eine Verknüpfung von CD und den Möglichkeiten des Internets halte ich für gut. Doch das wäre ja ein Thema für nen eigenen Post.

    @Julian, Michael
    Der durchschnittliche User hat nur eine begrenzte Aufmerksamkeitsdauer. Da ist oft schon der Klick auf das verlinkte MySpace-Profil zuviel. Von daher glaube ich an die Sinnhaftigkeit des Einbindens von Videos, Streams. Und ich meine auch, dass sich Musikfans über Geschenke freuen und ein kostenloser, legaler Download prinzipiell eine guter Köder ist. Und dies will ich an den Leser auch deshalb weitergeben, weil ich der Überzeugung bin, dass der Leser sich dadurch länger mit dem Künstler beschäftigt. Das steigert die Chance, dass dessen Musik den Hörer auch zu fesseln vermag.

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