Loslösung von den Fesseln der irdischen Existenz – Johnny Cash

Heute wäre Johnny Cash 78 Jahre alt geworden. Und ebenfalls heute wird sein Monument um einen weiteren Sockel emporgehoben, erscheint in Deutschland doch der letzte Teil der American-Recordings-Reihe, die sein kongenialer Produzent Rick Rubin nun zu einem denkwürdigen Ende führt. American VI: Ain’t No Grave präsentiert die letzten Aufnahmen einer von Krankheit gezeichneten Legende, die bis zum Tode in absoluter Höchstform agierte. Trotz – oder vielleicht sogar wegen – körperlicher Defizite, die sich in einer brüchigen Stimme offenbaren, wirkt die Botschaft umso eindringlicher, voll Weisheit, letzte Reflexionen eines um das eigene Ende wissenden Menschen. Das verdient Respekt, vor allem weil Cash sich nicht in Schmerzen suhlt, Selbstmitleid quengelig vorträgt und auch keinen Anflug von Panik und Sinnkrise zeigt. Auch gramgebeugt bleibt der alte Mann seinen Überzeugungen treu, bewahrt Haltung – mehr noch: Hoffnung -, während der Leib bröckelt.

Ain’t No Grave zeigt sich als Album, das oft ausgeblendeten Themen wie Tod und Glauben Platz einräumt, öffentlich bekennt, was eine vermeintlich aufgeklärte Gesellschaft bereits in das stille Kämmerlein des Privaten zu verdrängen sucht. Cash zittert sich nicht mit weichen Knien dem Sterben entgegen, all seine Weisheit kennt das Dunkel und das Licht, erzählt in einem Kraftakt davon. Genau aus diesem Umstand heraus gerät das Werk nicht zur finalen Auflösung einer Verlassenschaft, versucht Rick Rubin keine Profitmaximierung durch Aneinanderfügung irgendwelcher Gesangsschnipsel, sondern stellt Ain’t No Grave eine für Fans unschätzbare wie unverzichtbare Botschaft dar, unterstreicht mit jedem Song die Wahrhaftigkeit und Integrität von Johnny Cash.

(c) Universal Music 2010

Bereits der kettenrasselnde Titelsong lässt Auferstehung zur knorrig-bestärkenden Gewissheit aus dem Jenseits werden, jedoch nicht als eitle Wonne, es bleibt ein zähes Ringen um Erlösung. Cash schmachtet nie in Milchmädchenfantasien und exakt aus diesem Punkte unterscheidet er sich von all den Vertretern christlicher Musik, die nur den Himmel voller Geigen oder tiefste Höllenschlunde kennen. Auch Cashs letztes selbstverfasstes Lied I Corinthians 15:55 bekundet mit den Zeilen „Oh death, where is thy sting? Oh grave, where is thy victory?“ Zuversicht ohne Erlösung als selbstverständlichen Automatismus zu verstehen, wie dies die vielen falschen Prediger tun. Und warum ein vom Leben durchgeschüttelter Mensch mit all seinen Krisen dieses Vertrauen aufbauen konnte, wird durch die Coverversion von Satisfied Mind deutlich. Mit der hawaiianisch Ballade Aloha Oe, die wiederum den Abschied nur auf Zeit sieht, endet ein Platte, welche in gelungener Manier Gospel, Country und Folk als Motor zum Transport der essentiellen Aussage, wonach Tod kein Zerbröckeln einer Existenz bedeutet, verwendet. Trostvoll legt Cash sein Credo dar, sucht nicht hektisch nach großen Gesten, besticht umso mehr mit der bescheidenen Eindringlichkeit seiner Stimme. Und darum gerät sein Farewell nie zu pathetisch.

Mit Ain’t No Grave hat sich Johnny Cash erfolgreich von den Fesseln der irdischen Existenz gelöst. Diese Grundstimmung führt das Album zu einem triumphalen Ende, dessen Hoffnung sich auf den Hörer überträgt. Dafür kann man Cash nur dankbar sein.

Tracklist:
1. Ain’t No Grave
2. Redemption Day
3. For the Good Times
4. I Corinthians 15:55
5. Can’t Help But Wonder Where I’m Bound
6. Satisfied Mind
7. I Don’t Hurt Anymore
8. Cool Water
9. Last Night I Had the Strangest Dream
10. Aloha Oe

Link:
Label-Seite

SomeVapourTrails

2 Gedanken zu „Loslösung von den Fesseln der irdischen Existenz – Johnny Cash

  1. Ich bin sowas von gespannt! Leider hat Johnny Cash es an sich, dass er mich emotional zu sehr umhaut. Das war schon bei The Man Comes Around der Fall, ein Stück, dass ich für eines der Besten überhaupt halte. Das gesprochene Intro, der Text, das Arrangement, alles fließt ineinander und garantiert eine Gänsehaut – es wird eine Präsenz spürbar, man könnte meinen, Walter Benjamin habe unrecht mit dem, was er über die Aura schreibt. Das dazugehörige Album hat mich aus der Bahn geworfen wie zuvor Büchners Lenz und zuletzt Hesses Steppenwolf. Deshalb bin ich mit dem neuen Album vorsichtig und werde es mir wohl eher im Sommer anhören, wenn ich abgelenkt genug bin, um diese Naturgewalt zu überstehen.
    Eine sehr tolle Kritik!

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