Mädchenherzensangelegenheiten – erving

Manch Album lagert in unseren Regalen und reift mehr oder minder beachtet vor sich hin. Was meine werte Co-Bloggerin oftmals nach dem ersten Hördurchlauf noch mit wohlwollendem Enthusiasmus bedenkt, erfreut sich dann im Laufe der Zeit der Habhaftwerdung durch Spinnweben. Und dies sagt weniger über die Qualität dieser CDs aus, vielmehr treibt die Fülle an Wunderwerken manch Kleinod in einen hinteren Winkel. Wenn sich die Nebel lichten, ein spontaner Anfall von Ordnungswut die Musiksammlung heimsucht, findet meine Blog-Chefin immer auch Scheiben, die eine Erwähnung auf unserer kleinen, feinen Seite verdienen. Selbstredend werden diese Relikte dann mir zum Anhören verordnet. Und so darf ich heute über ein Album sprechen, dass sich die eine oder andere Penetration der Gehörgänge von Musikliebhabern sehr verdient hat. Die Rede ist von Lonely Girl At Heart von der amerikanisch-deutschen Band erving.

Welcher audiophile Enthusiast kennt dies nicht: Man hört eine CD, erfreut sich an dem Sound und kratzt sich dennoch ohne Unterlass am Kopf, weil irgendeine entscheidende Winzigkeit das Gesamtbild irritiert. Und plötzlich erkennt man das Problem! So zumindest geht es mir mit Lonely Girl At Heart. Die Stimme der Sängerin Carrie Erving hat ein feines Timbre und ist bei aller Lieblichkeit kräftig genug, um auch in kräftiger Instrumentierung nicht unterzugehen. Das Songwriting überzeugt auf der textlichen Ebene, ein Lied wie Airport mit den Worten „You said you’d be my airport, you don’t know how good that sounds. Well baby, I hope you meant it cause I’m flying low to the ground.“ erweckt ein starkes Bild. Oder wenn sich flattery auf imagery reimt, dann genügt mir dies, um den Standpunkt zu entwickeln, dass hier nicht einfach belangloses Rumgesülze stattfindet. Auch musikalisch vermögen mich Songs wie Traveler’s Lullaby als Midtempo-Ballade oder das dichte Little Bird einzunehmen. Was mich jedoch nicht gänzlich zu fesseln vermag, ist die Mischung aus gestandenen Country-Klängen, wie sie den titelgebenden Track Lonely Girl At Heart kräftig ummalen, und stark in Richtung Electro-Pop tendierende Stücke wie Don’t Put Your Crazy On Me. Dies klingt dann doch wie Kraut und Rüben, scheint mir zu kunterbunt durchmixt. Das Problem tritt bei Prozac Paradise besonders deutlich zu Tage, einem Song, der ohne elektronische Sperenzchen besser funktionieren würde. Ob Carrie Erving oder eines der beiden weiteren Bandmitgliedern, Uwe Effertz und Tom Krimi, diese Note zu verantworten haben, entzieht sich meiner Kenntnis. Denn wenngleich irgendwo zwischen Folk und Americana angesiedelte Musik durchaus moderne Twists vertragen kann und damit aus der Masse hervorzustechen vermag, so wurde bei manchen Tracks ein wenig zu viel gewollt. Dies ging auf Kosten der Kohärenz.

Doch will ich mit dieser Einschätzung niemandem die Platte madig machen. Denn die positiven Aspekte überwiegen. Was sich als Herzensangelegenheiten eines einsamen Mädchens tarnt, ist angenehm tiefgründig, emotionsbeladen und nie eine hysterische Nabelschau. erving haben ganz leise Momente, die eine stimmige Atmosphäre kreieren – besonders wenn die Gitarren dominieren. Da vermag die Amerikanerin Erving mit ihren deutschen Kollegen klanglich die Prärie zu durchreiten, dazu noch ein Quäntchen Glockenspiel und die Chose gerät perfekt. Dem in Berlin ansässige Trio sollte man trotz kleiner Schwächen auf alle Fälle eine Chance geben, denn über Charme verfügt Lonely Girl At Heart allemal. Wer einen derart betörenden Track wie The Rains ersinnt, hat jede Menge Aufmerksamkeit anstelle von Spinnwebenumkränzung verdient.

Lonely Girl At Heart ist im November 2009 beim Label popup-records erschienen.

Tour-Daten:

11.02.10 Kiel – Prinz Willy
12.02.10 Rostock – Cafe Momo
13.02.10 Chemnitz – Exil
24.02.10 Berlin – Schokoladen

Link:

MySpace-Profil mit Hörproben

SomeVapourTrails

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.