Nahezu al dente – Ich und mein Tiger

Denk ich an Gitarren-Pop der akustischen Sorte mit deutschen Texten versehen, dann schweben vor meinem geistigen Auge die Schemen von Pädagogik-Studenten herum, die Weltverbesserung noch als bierernstes Ideal erachten und Musik als Mittel der Belehrung verinnerlicht haben. Aus diesem Vorurteil heraus zwirbelten sich meine Augenbrauen, als mir vor einigen Wochen die CD einer Bremer Band samt Presseinfo ins Haus flatterte. Wer sich im Brustton der Überzeugung zur Sprache Goethes und Klampfensound bekennt, dem schwappt meine Skepsis entgegen. Doch Ich und mein Tiger gehören zu den rühmlichen Ausnahmen. Das Ende Oktober erschienene Erstlingswerk Und all die anderen Leben erfüllt über weite Strecken sämtliche Anforderungen eines durchdachten, nie zu bedeutungsschweren, handwerklich sehr soliden Albums.

Und obgleich ich das Album nach mehreren Hördurchläufen voller Wohlwollen betrachte, will ich doch zunächst die Schwachstellen ein wenig beleuchten. Die Herren Sebastian Herde (Gesang, Gitarre), Niklas Keil (Gitarre, Gesang) und Richard Welschhoff (Kontrabass) singen und spielen über alltägliche Fremdheit, Verlorenheit und Hoffnungen – und dies vom Scheitel bis zur Sohle durch und durch authentisch. Aber neben wirklich tollen Vergleichen wie „Deine Augen leuchten bunt, als wenn in deinem Kopf Silvester wär“ – was für ein Bild! – und knackigen Zeilen („Du hast die Liebenden gesehn, wie sie sich umdrehen und voneinander gehen„), sind manche Passagen dann doch einen Deut zu übertrieben, wird mit „Stell dir vor es ist Krieg und du der einzige Soldat“ oder „Auf Knien holt dich nur der Tod“ ein wenig viel textlicher Pathos eingestreut. Mitunter verstecken sich die Instrumente, hinken dem präsenten Gesang zu sehr hinterher, sind lediglich auf Begleitgeklimper reduziert, entwickeln nur selten eigene Wirkung. Das insgesamt positive Erscheinungsbild soll dadurch jedoch nicht in Zweifel gezogen werden.

So will ich das Lied Cassiopeia nicht unter den Tisch fallen lassen, wo die von der Band gewählte Herangehensweise Wirkung zeitigt, der Refrain im Ohr haften bleibt und die Poesie, zu der Ich und mein Tiger befähigt sind, wunderbar funktioniert. Auch die einfühlsame Ballade Steine überzeugt mich völlig, könnte mit peppigerer Instrumentierung sogar Mainstream-Gemüter einnehmen. Frühling bedient sich zwar altbekannter Akkorde, gelingt jedoch dank der beschwingten Unbeschwertheit sehr gut.

Insgesamt kann ich der Formation guten Gewissens ein positives Zeugnis ausstellen, wenngleich ich fast darauf wetten möchte, dass eine breitere Instrumentierung vor allem Lieder wie Fahrstuhlmusik noch mitreißender gestalten würde. So oft begegnet man Bands, die man in den Arm nehmen will, um die bittere Wahrheit trostspendend mitzuteilen, dass ihre Musik zu dilettantisch, beliebig oder schlichtweg mittelmäßig ist. Dies trifft auf Ich und mein Tiger keinesfalls zu. Den Herren bescheinige ich die besten Anlagen, so empfinde ich zum Beispiel die Stimme von Sebastian Herde als markant und warm. Ich für meinen Teil werde von nun an kräftig die Daumen halten, denn die jetzige Umsetzung der Lieder wird für den großen Durchbruch wohl leider noch nicht reichen, wenngleich die Qualitäten von Und all die anderen Leben unübersehbar sind. Noch fehlt der allerletzte Biss, ist die Musik noch nicht völlig al dente, aber viel bekömmlicher als das meiste, was man sonst so vorgesetzt bekommt.

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SomeVapourTrails

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