Nicht zu Tode zu sezieren – Jaga Jazzist

Man kann manch Album zu Tode sezieren, in diverse Einflüsse aufsplittern, solange bis man mit vielen Worten die Originalität des Werkes bricht. Bei One-Armed Bandit von Jaga Jazzist verbietet sich solch ein Ansinnen, mehr noch ist es zum Scheitern verurteilt. Bei aller Würdigung der vielfältigen Inspirationen dieser Scheibe, kommt man dennoch nicht umhin, die eigenständige Dichte anzuerkennen, die ein hochgradig unterhaltsames Stück Musik beschert und mit jeder Note die Freude am Spiel verrät. Allgemein lässt sich die norwegische Formation dem Nu Jazz zurechnen, doch der an und für sich schon schwammige Begriff sollte höchstens als Hinweis auf die Experimentierfreude des Ensembles um Lars Horntveth verstanden werden.

Die Stärke des Albums liegt in einem hemmungslos bombastischen und doch niemals überladenen Sound, welcher mal an ein entspanntes Jazz-Konzert in Montreux Anfang der Siebziger erinnert, dann wieder viel von dem Flair in Bläser badender Themes bekannter TV-Serien dieser Zeit atmet, ab und an in einen Minimalismus verfällt, der aus den Glassworks eines Philip Glass stammen könnte, natürlich oft in den Gefilden des Progressive Rock schlendert, immer von einer handfesten Portion Groove vorwärts getrieben wird. Bereits der Titeltrack One-Armed Bandit fasst die Stoßrichtung des Werks zusammen, startet funkig-sirenesk, flirtet zwischendurch mehrmals heftig mit minimalistischen Motiven, um doch wieder und wieder das Hauptthema aufzugreifen und derart zu forcieren, dass man sich in eine Zeit zurückfühlt, als allein schon die Erkennungsmelodie von Die Straßen von San Francisco vor die Glotze lockte. Bananfluer Overalt gestaltet sich relaxter und ist dennoch nicht weniger schlüssig. 220 V / Spektral entwickelt einen an Effekten reichen Space-Sound, den mittendrin herrlich federleicht-jazzige Bläser dominieren, mir dies Montreux-Feeling verabreichen. Allem haftet trotz gerüttelt Maß an elektronischem Glitter ein herrlich altmodisch warmer Klang an. Toccata präsentiert die Minimal Music eines Steve Reich im Gewand eines Walkürenritts à la Wagner, ehe sich die Chose kräftig und unruhig nervös hochschaukelt. Die massive Vehemenz, mit der die Tracks dargeboten werden, und die schiere Anzahl der verwendeten Instrumente lässt vor dem geistigen Auge ein großes Orchester erstehen, nicht bloß ein neunköpfiges Ensemble.

Auch die zweite Hälfte der CD hält das phantastische Niveau, ob nun Prognissekongen mit den zahlreichen Wendungen, die nochmals das gesamte Repertoire der Band auf über 4 Minuten zusammenfassen, oder dem schwelgerischen, flirrenden Sommer-Feeling von Book Of Glass. Bei Music! Dance! Drama! zeigen sich Jaga Jazzist als Meister des Samplings, entwickeln einen so komplexen wie wummernden, von genialster Kakophonie beseelten Rhythmus voller Brüche. Hervorragendst! Der letzte Track Touch Of Evil tümpelt nochmals in einer längst liebgewonnen, von tausenden Ideen durchzogenen Manier durch die Boxen, kämpfen spacige Sphärenklängen mit einem brutalen Gitarrenriff und preschenden Drums, ehe die Beats vorwärts trippeln und in einen discostampfigen Abgesang münden, der die Herren von Röyksopp vor Neid erblassen lässt.

Was soll man zu einem Album sagen, dass unzählige Wurzeln und Zitate aufweist, so viele, dass ich mir wünschte mehr zu erkennen, und dabei ohne Ausnahme immer stimmig und vor allem originär bleibt. Eine Platte, die Jazzfunk mit dem hehren Wesen des Minimalismus durchmengt, eine CD, welche fast schon verschwenderisch mit der Verwendung von Instrumenten umgeht und dabei doch ein harmonisches Gesamtwerk kreiert, bei dem jeder Mosaikstein am richtigen Platz liegt, exakt so zeigt sich One-Armed Bandit. Jaga Jazzist haben ein enorm kurzweiliges, von struktiertem Chaos beseeltes Werk erschaffen, dessen Anspruch nur noch vom Hörvergnügen übertroffen wird. Ohne irgendeinen Zweifel unter den 5 besten Alben des Jahres 2010.

Tourtermine:

26.02.10 Bielefield – Kamp
05.03.10 Zürich (CH) – Moods
07.03.10 Berlin – Volksbühne

Links:

Offizielle Homepage

MySpace-Auftritt

Kostenloser Download von One-Armed Bandit (nach E-Mail-Registrierung)

Kostenloser Download von Toccata (nach E-Mail-Registrierung)

SomeVapourTrails

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.