Öffentlich-rechtliche Drecksarbeit

Man wird der Sorgenfalten nicht müde, wenn man die jüngsten Kampagnen gegen das Prinzip des öffentlich-rechtlichen Rundfunks so verfolgt. Ob nun in Großbritannien, wo die BBC vermutlich die Jugendschiene zurückfahren wird, 2 Radiostationen einstellt und das Online-Angebot drastisch reduziert, oder in Deutschland, wo die großen Verlage gegen eine kleine, kostenlose Tagesschau-App Sturm laufen. Während auf der Insel der wahrscheinliche politische Machtwechsel seine Schatten voraus wirft, die Tories der BBC bereits Einschnitte angekündigt haben und Medienzar Rupert Murdoch eine Schwächung der BBC als Stärkung der eigenen Position versteht, stoßen sich in Deutschland die Verleger vor allem am Zeitpunkt, an welchem die ARD den gerade anlaufenden Versuch Paid Content als Geschäftsmodell zu etablieren unterminiert. Hinter der mitunter scheinheiligen Fassade einer Grundsatzdebatte über das, was öffentlich-rechtlicher Rundfunk leisten wie kosten soll und darf, werden etwaige Folgen gerne einmal unter den Tisch gekehrt. Denken wir doch einmal die möglichen Konsequenzen für die Musikszene durch.

Soll öffentlich-rechtlicher Rundfunk auf diese Technologie zurückgestutzt werden?

Gerade im Online-Sektor und im Radiobereich verrichten öffentlich-rechtliche Anstalten weltweit die Drecksarbeit. Die jungen, alternativen Wellen geben aufstrebenden Musikern eine Chance, nehmen sich musikalischen Trends und aufkeimenden Subkulturen an, während große, private Radiostationen erst dann auf den Zug aufspringen, wenn sie im Mainstream angekommen sind.  Auch die Förderung nationaler Künstler wird zur Aufgabe dieser Sender: CBC Radio 3 leistet in Kanada diesbezüglich hervorragende Arbeit. Und längst geht es dabei nicht mehr um das Radio im eigentlichen Sinne, findet die Verbreitung überwiegend über Streaming im Internet statt, befördert die Webpräsenz der Stationen die musikalische Kunde ins Netz. Wenn also deutsche Verleger den öffentlich-rechtlichen Anstalten Einschränkungen im Online-Bereich auferlegen wollen, nur um für die Nachrichten des eigenen Käseblättchens einen Obulus verlangen zu dürfen, könnte dies zu einem Dammbruch führen. Was zunächst wie eine neuerlicher hilfloser Versuch erscheint, das Internet doch noch als Geldquelle zu erschließen, mag auf lange Sicht Kreise ziehen und mit jeder Menge Populismus angeheizt, die Musikförderung gefährden. Wenn Computer Bild gegen den GEZ-Wahnsinn mobil macht – und dies besonders im Hinblick auf eine Gebührenerhöhung für neuartigen Rundfunkempfangsgeräte -, dann nicht einfach nur damit armen Bürgern zusätzliche finanzielle Belastungen erspart bleiben, vielmehr geht es ums Eingemachte. Heutzutage findet das Leben, der Alltag im Internet statt. Unter diesem Aspekt braucht es auch eine starke Anwesenheit öffentlich-rechtlicher Programme im Web.

Was für einen Sinn machen also staatliche Förderungen von Projekten wie PopCamp, wenn diesen Nachwuchskünstlern nicht auch auch gleichzeitig eine möglichst breite Sendeplattform geboten wird. Sollte BBC 6 Music tatsächlich eingedampft werden und der britische Trend auch in deutsche Gefilde schwappen, dann besteht tatsächlich die Gefahr, dass die Durchdringung der hiesigen Musiklandschaft durch neue Acts nicht länger qualitativen Kriterien folgt. Die Anzeichen mehren sich – Gegenkonzepte sind aus diesem Grunde längst überfällig. Ob die Art der Finanzierung, wie sie in den USA bei NPR erfolgt, auch hierzulande funktionieren würde, vermag ich nicht zu beurteilen.

Doch kommen wir nochmals zur Kernaussage meiner Überlegungen zurück. Aufstrebende Musiker brauchen öffentliche-rechtliche Unterstützung, und der öffentliche-rechtliche Rundfunk braucht unsere. Auch und vor allem in den unendlichen Weiten des Webs. Denn was Private nicht schultern können oder wollen, das würde gänzlich in der Versenkung verschwinden, wenn der Feldzug eines Rupert Murdoch auch nach Deutschland schwappt. Sein Versuch das Netz über Social Communities zu beherrschen scheint nicht besonders von Erfolg gekrönt, mag Porzellan zerschlagen und Musikern bei der Verbreitung ihrer Musik geschadet haben. Die Offensive gegen die BBC hingegen ist eine offene Kriegserklärung an das Konzept einer freien Informations- und Kulturversorgung, die sich selbstverständlich schon längst auf unser Online-Dasein ausgeweitet hat. Die deutsche Debatte zum Thema Paid Content lässt völlig außer Acht, dass es keinen Wettbewerb zwischen privatem und staatlichem Rundfunk oder Online-Angeboten geben kann, dieser immer nur zwischen privaten Verlagen und Medienkonzernen existieren muss. Dass die FDP das nicht begreifen will, verwundert angesichts ihrer Klientel nicht.

Es scheint so einfach die Verantwortung für musikalische Vielfalt allein bei den Musiklabels dingfest zu machen, doch vergisst man dabei leicht, dass es auch Kanäle der Verbreitung braucht. Ohne öffentlich-rechtliche Sender würden wir uns bald nur im Humptata-Schritt wiegen.

Links:

Bericht des Guardian über die Pläne der BBC

SomeVapourTrails

Ein Gedanke zu „Öffentlich-rechtliche Drecksarbeit

  1. ich bin ein absoluter verfechter der öffentlich-rechtlichen sendeanstalten in all ihren facetten und mit all deren programmen, auch wenn ich nicht alles befürworte. wenn diese kulturadern eingedampft werden, sehen manche ganz schön alt aus. man bedenke die verheerenden resultate des privatisierungswahns im allgemeinen und das (meist) unterirdische niveau der meisten privaten sendeanstalten.

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