Spagat zwischen gefälligen Melodien und spitzzüngigem Songwriting – Clem Snide

Die US-Band Clem Snide gibt ein prima Beispiel dafür ab, wie eine Formation, die wohl immer ein wenig zu sehr mit sich selbst beschäftigt scheint, trotz einiger Jahre im Musikgeschäft und ausnehmend gutem, sehr speziellem Songwriting nie den absoluten Durchbruch zu schaffen vermag. Schade, denn die neue Scheibe The Meat of Life erfüllt alle Anforderungen, um als wahres Kleinod den Liebhaber tief- wie eingängiger Musik zu erfreuen. Eine sanfte Melancholie paart sich mit Ironie, zeitlos warme, wunderbar altmodisch umgesetzte, niemals sterile Melodien bestechen.

Eef Barzelays Stimme wirkt keinesfalls überdurchschnittlich markant oder auf Rosen gebettet, und doch entwickelt sie die Nuancen, um den Lieder eine unwiderstehliche Seele zu verleihen. Und so legt sich sein Vortrag perfekt auf den irgendwie vertrauten Retro-Sound mit College-Rock-Attitüde und balladeskem Country-Charme. Barzelay gehört zu den allzu unterschätzten Vertretern der Liedermacherzunft. Allein der Song Walmart Parking Lot, der seinen Protagonisten ziellos durch die Gegend fahren lässt, nachdem ihm die Freundin den Laufpass gegeben hat, und ihm das erhebende, hoffnungsspendende Erleben eines Sonnenaufgang auf dem Parkplatz eines Walmarts – ausgerechnet! – schenkt, bezeugt das virtuose Songwriting. I Got High steigert sich zu einem der feinsten Lieder, die in den letzten Monaten das Licht der Welt erblickten. Denver offeriert die schmalzig-balladeske Beichte eines Seitensprungs mit Kindsfolgen, watet in Selbstanklage und der Bitte „I hope that you never forgive me„, um schließlich die ironische Brechung darin zu erfahren, dass der Akteur nun den Flieger zur jüngeren Geliebten nimmt. Solch smarte Lyrics findet man selten – und wenn dann nur in absoluter Bitterkeit ohne Augenzwinkern vorgetragen. Oder nehmen wir das mit starkem Refrain punktende Stoney oder ein mitreißendes BFF mit den Zeilen „Trust me you don’t want to know how I really feel/ I knew when we made this deal/ That you had a hole in your heart/ And if I crawled inside, maybe things wouldn’t seem so great„, die in der Forderung nach einem Mehr an Liebe gipfeln und mehrere Interpretationen zulassen. Ist dies Lied nun eine ungelenke Liebeserklärung oder vielmehr ein Hilferuf? Die Band vollbringt das Kunststück ein von tollen Stücken durchwirktes Album zu fabrizieren, dass seine gesamten Qualität erst nach und nach offenbart und dennoch bereits beim ersten Hören zu entzücken weiß.

The Meat of Life gehört zu den Werken, die eine größere Resonanz verdienen. Aber vielleicht haben die meisten Hörer einfach Probleme, den Spagat zwischen gefälligen Melodien und spitzzüngigem Songwriting nachzuvollziehen. Man scheint halt soviel mehr im Trend, wenn man galliger Sperrigkeit in Form einer spröden Joanna Newsom huldigt oder aber den Gefühlskonserven glattgebürsteter Mainstream-Ladies à la Beyoncé frönt. Vermutlich wird Clem Snide auch mit dieser Platte der Durchbruch verwehrt bleiben, aber für ignorante Hörer kann die Band wirklich nichts.

Tracklisting:

1. Walmart Parking Lot
2. Denise
3. The Meat of Life
4. I Got High
5. Denver
6. Forgive Me, Love
7. Stoney
8. BFF
9. Please
10. Song For Mary
11. With Nothing To Show of It
12. Anita

The Meat of Life ist soeben bei 429 Records erschienen.

Links:

MySpace-Auftritt

Label-Seite mit Hörproben

Daytrotter-Session (inklusive Walmart Parking Lot)

SomeVapourTrails

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