Unser Star für Oslo – Ein charmantes Konzept

Auch die zweite Ausgabe der Talentsuche Unser Star für Oslo vermochte an das dezente, sympathische Niveau der vorigen Wochen anzuknüpfen. Nach wie vor mag es Castingshow gestählte Gemüter befremden, dass den Kandidaten kein Kindheitstrauma in Form eines dem Freitod anheimgefallenen Dackels angedichtet wird, aber Stefan Raab will Seriosität – und bekommt sie auch. Die Moderatoren Matthias Opdenhövel und Sabine Heinrich vermeiden jede Flapsigkeit, wirken so brav und von Wohlwollen getragen, dass das Anrüchigste in ihren Moderationen Heinrichs ellenlange Zahnlücke scheint. Und wenn in der dieswöchigen Jury sogar Sarah Connor zur Nettigkeit in Person mutiert, Peter Maffay den liebenswerten, Mut zusprechenden Kauz gibt, dann überkommen den  Zuseher Zweifel, ob besagte Sendung in dieser Form tatsächlich auf Pro7 ausgestrahlt wird. Ein Sender, der immerhin Popstars auf dem Kerbholz hat.

Verdienen die Kandidaten aber wirklich dies samthandschuherne, würdevolle Behandlung, welche sich so sehr vom Rest abzugrenzen sucht? Jennifer Braun machte mit I’m Outta Love von Anastacia den Anfang. Für ihr jugendliches Alter klang die Stimme erstaunlich erwachsen und der Auftritt frisch und sicher, so war ihr Weiterkommen eine sichere Sache. Gleichzeitig offenbart der Song allerdings auch eine Crux der Show. Die Talente wählen oftmals Lieder aus, die ihre Popularität meist der starken Performance der Originalinterpreten verdanken und damit unweigerlich zu wenig schmeichelhaften Vergleichen führen. I’m Outta Love ist kein Wunder musikalischen Schaffens, gerät erst durch Anastacia zum Heuler. Benjamin Hartmann wagte sich an ein Cover von Jack Johnsons Better Together. Ein elendiglicher Song von einem völlig überschätzten Musiker wird auch durch einen langweiligen Vortrag mit akzentbeladenem Englisch nicht besser. Er schied natürlich aus. Maria-Lisa Straßburg bewies Gespür, indem sie Saving My Face von KT Tunstall intonierte. Ein unabgedroschenes Stück mit Biss, besonders wenn man eine raue – oder wie Maffay richtig bemerkte – kantige Stimme vorzuweisen hat. Sie mag für das Projekt Eurovision Song Contest nicht viel taugen, ihre Zukunft liegt in Indie-Gefilden. Natürlich wurde sie in die nächste Runde gevotet. Kommen wir nun zu Behnam Seifi, der laut eigener Aussage im zarten Alter von 4 Jahren mit dem Singen angefangen und früher seine Eltern und Geschwister genervt hat. Mit John Legends Save Room – und dem merklichen Bemühen gefühlvoll zu agieren – quälte er die Zuschauer nicht, vermochte aber keinesfalls zu beeindrucken. Das vorzeitige Ende schien absehbar. Sharyhan Osman strahlte eine schwer in Worte zu fassende Künstlichkeit aus, sang freilich gut, aber riss nicht mit. Vielleicht lag das auch im schlecht gewählten Lied I Have Nothing (Whitney Houston) begründet. Trotzdem sie unter den Gewinnern des Abends war, scheint eine etwaige Karriere am ehesten noch im Musical-Metier verortet. Ein weiteres Missverständnis bei USFO liegt in der Verwendung von Gitarren als Bühnen-Accessoires, damit lässt sich in Oslo höchstens ein Blumentopf gewinnen. Alex Senzig demonstrierte durch Wherever  You Will Go von The Calling, dass ein eingängiger, nicht auf glattgebügelten Pop getrimmter Song auch keine Garantie für ein Weiterkommen darstellt. Gitarre hin, Gitarre her – sie allein kann keine Performance tragen. Auch er strich die Segel. Mit Jana Wall wurde der Tiefpunkt der Veranstaltung erreicht. Sogar eine nachsichtige Jury plagte sich vergebens, eine sehr holprige Darbietung, die vielleicht durchaus der Nervosität geschuldet war, zu beschönigen. Allerdings war auch der Song schlecht gewählt, Pinks Who Knew. Das reichte selbstredend nie und nimmer.

Franziska Weber trällerte mit einer verdammt blonden Perücke bewaffnet Love Foolosophy, im Original aus der Feder Jamiroquais. All die Koketterie mit einem schrägen Image war heillos übertrieben, ruinierte das Bild und führte zu einem eigentlich vom Potential her vermeidbaren Abgang. Dass ausgerechnet der farbige Leon Taylor Grönemeyer anstimmte und man nun eine inbrünstige-soulige Verkitschung von Der Weg erwartete, zeigte einmal mehr die Idiotie von Vorurteilen. Eine gesanglich feine Performance, sehr souverän und einfühlsam. Ein ganz heißer Tipp für Oslo – keine Frage. Mit Christian Durstewitz endete der Kandidatenreigen. Unkonventionelle Attitüde und dazu passendes Aussehen mag auf den ersten Blick erfrischend anmuten und bei Faith sogar George Michael kurz in den Hintergrund drängen. Letztlich ist dies aber nicht massenkompatibel und wird den Herren – auch wenn das Kalkül vorerst erfolgreich – nicht zum Song Contest hieven.

Insgesamt bleibt Unser Star für Oslo auf einem guten Weg, wurden die Richtigen ausgesiebt. Noch freilich bin ich nicht davon überzeugt, dass das absolute Megatalent gefunden wird. Derzeit kaschiert der Charme des Konzepts dies ein wenig. Raab sei Dank!

Link:

Offizieller Webauftritt von Unser Star für Oslo

SomeVapourTrails

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