Unser Star für Oslo – Eine unpeinliche Angelegenheit

Was am gestrigen Abend unter der Ägide Stefan Raabs als Vorauswahlpremiere für den diesjährigen Eurovision Song Contest über die Bildschirme flimmerte, hatte nur wenig mit dem gemein, was in Zeiten wie diesen als Castingshow firmiert. Wenn man nicht müde wird zu betonen, dass ein respektvoller Umgang mit den Kandidaten gepflegt wird, und konstruktive Kritik statt derben Sprüchen durch den Äther rauscht, dann spricht das Bände. Dies will so gar nicht in das gewohnte Bild passen, in welchem unreife Teenager, beseelt vom Traum einer großen Karriere, mit dem Ring durch die Manege gezogen und vorgeführt werden, als lächerliche Marionetten eine würdelose Behandlung erfahren.

Und weil jedwede Schmuddeligkeit vermieden wurde, bot USFO keine schenkelklopferischen Glanzlichter, setzte auf musikalische Highlights und Teilnehmer, die weitgehend unverbraucht und ernsthaft ihr Liedchen trällerten. Die aus Raab, Yvonne Catterfeld und Marius Müller-Westernhagen bestehende Jury bemühte sich um Gutmütigkeit und Fachlichkeit. Man schuf die besten Voraussetzung für eine in deutschem Privatfernsehen fast schon verpönte, niveauvolle Unterhaltung und löste dieses Versprechen auch über weite Strecken ein. Doch letztlich waren es die Kandidaten, die den Ansprüchen nicht immer gerecht wurden.

Wer bei solch Veranstaltungen antritt, begeht fast stets die immer gleichen Kardinalfehler. Ein Cover eines bekannten Songs gelingt nur dann, wenn man es mit neuem Leben füllt, eine Nuance herauskitzelt, die es so zuvor nicht gab. Wählt man freilich den Weg der schieren Imitation muss man sich zwangsläufig am Original messen lassen – eine viel zu schwere Bürde für Newcomer. Warum der erste Starter Benjamin Peters ausgerechnet Bodies von Robbie Williams intonierte, gehört zu den Unverständlichkeiten, die nahezu allen Talentshows innewohnt. Wer entfernt an einen 80er-Popper erinnert, vermag keine Sekunde den herb-maskulinen Stil des Entertainers Williams zu erreichen. Und so schied Peters auch zurecht aus. Johannes Böhm teilte dank verunglückter Songauswahl sein Schicksal. Für Seals Crazy braucht es eine sachte Stimme, die jedoch stets präsent über der Musik schwebt, bei Böhm verkehrte sich dieser Effekt. Wer die Schwergewichtigkeit von At Last in der Interpretation von Etta James kennt, wurde vom viel zu biederen Gesang Daliah Sharafs enttäuscht. Auch sie kam verdient nicht weiter. Kommen wir nun zu schlimmsten Missgeschick. Sich einen Song von Paolo Nutini zu leihen, bedeutet beim derzeit vielversprechendsten europäischen Singer-Songwriter in die Lehre zu gehen. Doch Michael Kraus konnte trotz des Versuchs einer lässigen Ausstrahlung die stimmliche Finesse eines Nutini nie erreichen, quälte sich vor allem in höheren Lagen zu gutturalen Lauten. Anspruch und Wirklichkeit sind leider nicht immer zu verbinden. Auch der Hauch von Whiskey, den Sebastian Schwarzbach in Michael Bublés Home zu schwenken suchte, konnte eine heillos langweilige Performance nicht ausgleichen. Er wurde ebenfalls nicht in die nächste Runde geschickt.

Hatten die Teilnehmer der ersten Runde, die zu reüssieren wussten, die Messlatte freilich so hoch gelegt? Eigentlich nicht. Kerstin Freking sang My Immortal von Evanescence und konnte mehr durch eine feenhafte Erscheint mit Zopfkranz punkten als durch die nette Stimme, der es an Wucht für das Lied fehlte. Cyril Krueger traf die smarteste Entscheidung des Abends, indem er Hotel California von den Eagles darbot. Der selbstsichere Auftritt geriet zum Highlight, weil er die Erdigkeit des Songs widerspiegelte und einen Kontrast zu den meisten Konkurrenten setzte, die immer gleich den Himmel zu erklimmen wünschen. Meri Voskanian wagte sich an die Dance-Nummer Release Me von Agnes und versuchte sich in gewolltem Brechen von Konventionen, als sie barfüßig und quirlig über die Bühne stob. Aber der frische Wind war höchstens ein laues Lüftchen. Katrin Walter hingegen bot einen mangelhaften Auftritt, man hatte stets das Gefühl, dass Sie den direkten Blickkontakt mit der Kamera vermied. An der gesanglichen Nachahmung von Pinks Nobody Knows war hingegen absolut nichts auszusetzen. Wenn man dieser Dame die Scheu nimmt, hätte man für Oslo eine starke Stimme parat. Zuletzt trat noch Everybody’s Darling auf. Lena Meyer-Landrut war das Kücken, das soulige Verspieltheit in Form von Adeles My Same praktizierte. Und obschon sie sich nicht entscheiden wollte, ob sie auf der Bühne Björk oder Duffy geben sollte, zu zappelig herumhampelte, pries die Jury sie in höchsten Tönen. Tatsächlich war hier eine eigene Persönlichkeit erkennbar. Ob selbige jedoch für den Eurovision Song Contest geeignet scheint, darf doch bezweifelt werden.

Wer sich die Show bis zum Ende verfolgte, vermag durchaus ein gutes Zeugnis auszustellen. Raab und Konsorten gelang gediegene Unterhaltung unter Verzicht sämtlicher Mätzchen. Ich habe zwar Zweifel über die Tauglichkeit des Konzept für Oslo, jedoch erscheint dies fast nebensächlich. Wichtiger wäre die Signalwirkung für hiesige Fernsehformate. Nicht die Tränendrüsen rührenden Schicksalschläge der Teilnehmer oder gar das clownesk-hysterische Herumhampeln durch die vermeintlichen Gefilde des Showbiz werden dem Zuschauer als Entscheidungsmerkmal angeboten, es geht rein um die Art und Weise der Darbietung. Keine Bohlen-Sager, vielmehr solide Einschätzungen einer Jury mit Kapazundern wie Raab und Westernhagen. Das sollte Schule machen, Zuschauer zum Sehen und Voten bewegen. Doch kann man das Fernseh-Proletariat wirklich mit Seriosität ködern? Das bleibt abzuwarten.

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Offizieller Webauftritt von Unser Star für Oslo

SomeVapourTrails

Ein Gedanke zu „Unser Star für Oslo – Eine unpeinliche Angelegenheit

  1. Habe mir das auch angesehen. Was mich störte war, dass man es mit der Nettigkeit einfach zusehr übertrieben hatte. Westernhagens Gesicht und Westernhagens Worte waren oft nicht stimmig. Respekt schließt ja Kritik nicht aus. So gefielen mir Fallen, Hotel California, At Last (schlimm!) und My Same gar nicht (bei letzterem habe ich nach einer gefühlten Ewigkeit weggezappt – schon das Auftreten der Sängerin erinnerte mich zu sehr an Steffi Heinzmann), Nobody Knows war stark gesungen aber mangels Eingenständigkeit blutleer. Die Paolo Nutini Interpretation hingegen war vllt. technisch nicht perfekt, aber m.E. angenehm zu hören (erinnerte mich an Max Mutzke).
    Mir kam die Sendung vor als würde man sich ernsthaft bemühen, objektiv zu sein (Allein die Jury Konstellation war gut. Grand Prix Erfahrung, Castingsternchen und Rockopa). Leider war das etwas zu krampfhaft. Mal schauen, was da noch so kommt.

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