Unser Star für Oslo – Zeit für ein Umdenken

Gestern also hatten nun 10 Kandidaten die Möglichkeit, sich mit einer weiteren Performance nachhaltig in der Gunst der Zuseher festzusetzen und ihren Anspruch auf ein Ticket nach Oslo zu unterstreichen. Und wenngleich man durchwegs ordentliche Auftritte zu Gesicht bekam, so verdichtet sich zumindest meine Meinung, dass es in dem Bewerb zwar vielversprechende Talente gibt, aber doch die Frage bleibt, ob diese in so kurzer Zeit heranreifen, um in Oslo mehr als nur eine solide Darbietung abzuliefern. Vielleicht wäre es zum jetzigen Zeitpunkt überlegenswert, ob man die Bürde nicht auf die Schultern zweier Kandidaten abwälzt, somit ein Duo nach Norwegen sendet.

Im Grunde bot der gestrige Abend ein Déjà-vu, fast alle Teilnehmer kehrten ihre Stärken und Schwächen erneut hervor – ohne neue Facetten des Könnens aufzuzeigen. Derart etablierte Lena Meyer-Landrut ihren überkandidelten Vortrag mit dem Song Diamond Dave von The Bird and The Bee. Wenn man ihr genau solch ein exaltiertes Liedchen auf den Leib schneidert, würde sie durchaus erfolgreich sein. Man muss ihr wirklich taktische Finesse attestieren, weil sie eben nicht Lieder irgendwelcher Charts-Stürmer nachträllert und dadurch nicht dem Vergleich mit dem Original zum Opfer fällt. Genau das Problem zeigt sich nämlich bei Katrin Walter. Nach Pink nahm sie sich nun Duffy vor und verblasste gegenüber dieser. Warwick Avenue war einfach nur nett gesungen. Auch Jennifer Braun mit der Interpretation von Like The Way I Do konnte trotz ansprechender Stimme keinen Moment lang die Intensität einer Melissa Etheridge erreichen. Auf Dauer wird sich diese ungeschickte Auswahl rächen. Kommen wir zu Christian Durstewitz, der Daniel Merriweathers Change darreichte. Seine Art des Vortrags wird sich nicht durchsetzen, scheint zuwenig massenkompatibel, obgleich er vom musikalischen Standpunkt einer der reifesten Akteure ist. Doch seine unangepasste Art samt verwuschelten Haaren wirkt genauso gewollt wie überzogen. Im Gegensatz dazu gibt Cyril Krueger den Sunnyboy und lässt wohl die Herzen des weiblichen Geschlechts höher schlagen. Allerdings zeigte seine Performance von Hot Fudge (Robbie Williams), dass ihm noch einiges zum musikalischen Charisma eines Stars fehlt. Apropos Charisma. Selbiges strahlt Leon Taylor aus, gibt sich dabei bescheiden und soft, ohne gleich zu übertreiben und allzu schmusebardig aufzutreten.  Sein Bekenntnis zu deutschsprachigen Songs ist gleichfalls erfrischend, auch wenn man die Wahl von Silbermonds Irgendwas bleibt durchaus mit hochgezogener Augenbraue goutieren musste. In meinen Augen gewann Kerstin Freking zusätzliches Profil. Not Ready To Make Nice von den Dixie Chicks entpuppte sich als clevere Wahl. Sie bot einen rundum gelungenen Auftritt, hatte Power und Zärtlichkeit in der Stimme, balancierte die Komponenten gut aus. Taylor und Freking würden als Duettpartner in Oslo famos funktionieren. Als letzte Kandidatin konnte sich auch Sharyhan Osman für die nächste Runde qualifizieren – mit der Eigenkomposition Feel The Nile. Zu dem Mut darf man sie beglückwünschen, doch Frau Osman gibt sich zu künstlich, um wirklich zu rühren. Ihr Lied war zwar nicht von schlechten Eltern, aber letztlich doch eine zu glatte Ballade. Ich bleibe dabei, sie wird im Musical-Bereich Karriere machen.

Die beiden ausgeschiedenen Teilnehmerinnen, Meri Voskanian und Maria-Lisa Strassburg, waren an diesem Abend auch wirklich schwach. Voskanian präsentierte sich auf der Bühne mit einem Charme, der einfach mehr zu einem Format wie DSDS passt. Und Strassburg war stimmlich angeschlagen und hatte mit Helena von My Chemical Romance die schlicht und ergreifend falsche Nummer gewählt. Ein entscheidender Fehler.

Auch gestern schien die Jury, bestehend aus den Juroren  Stefan Raab, Nena und König Boris (Fettes Brot), wieder um fast schon übertriebene Nettigkeit bemüht. So lobenswert der Vorsatz auch ist, die Kandidaten nicht vorzuführen, sgerät die Anstrengung doch ab und an zu lobhudelnd. Doch besser so als die üblichen Castingshow-Mätzchen des Prekariatsfernsehen. Man darf auch weiterhin guten Gewissens zusehen.

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Offizieller Webauftritt von Unser Star für Oslo

SomeVapourTrails

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