Psychohygiene statt Gurkenglasaroma – mob

Vor einigen Wochen führte die Charme-Offensive einer österreichischen Band dazu, dass zahlreiche deutschsprachige Musikblogs allerlei Lobesworte in die Tasten klopften. Nicht ohne Grund, möchte ich vorausschicken. Ob dies nun zu warmsemmeligen Plattenverkäufen geführt oder gar ein Abdriften ins Schlaraffenland enormer Bekanntheit ermöglicht hat, darf bezweifelt werden. Das ist eine Schande, denn die Wiener Formation mob zählt zu den wenigen deutschsprachig agierenden Bands, die in Sachen Textlichkeit weder peinlich noch prätentiös agieren. Deutsche Texte müssen nicht immer das Gurkenglasaroma abgestandener Sperrigkeit atmen, die exaltierte Bedeutungsschwere der letzten Scheibe von Element of Crime kann nicht der Weisheit letzter Schluss sein.

Foto: Christian Franke

Die Wurzeln der Band liegen im Austropop, denn obwohl mob nicht dem Dialektgesang huldigen, knüpfen Sie doch an eine Poetik an, welche in den 70ern angenehm unangepasst und authentisch hervorstach. Dass das balladeske Element nie säuselnd vorgetragen wird und auch schwungvollere Nummern oft in der Tradition des Chansons stehen, die Musik also geradezu perfekt um textliche Aussagen kreist, macht den speziellen Sound einer Gruppe aus, der sowohl mit Piano als auch durch Gitarre glänzt, sich nie in den ewig gleich Riffs von Klampfen-Pop verfängt. Dass Sänger Raphael Sas Emotionen wie Irritationen in feinen Nuancen auszudrücken weiß, erhebt das Album Mich kriegt ihr nicht endgültig in den Adelsstand.

Was es war gehört zu den vorzüglichsten Nummern der Scheibe, gerät zu einer kraftstrotzend melancholischen Fantasie, voll melodischer Verträumtheit. Doch haben die Herren Sas (Gitarre/Gesang), Christian Franke (Bass), Manuel Prenner (Schlagzeug), Stefan Franke (Klavier) einige Pfeile im Köcher. In eine ähnliche Kerbe schlägt nämlich auch Was mit uns passiert, ebenfalls ein betörend schönes Lied, dass eine existentialistisch Suche „Heute ist noch zu früh, morgen ist schon zu spät, jetzt stehn wir mittendrin und sehn zu wie die Zeit verrinnt und wissen nicht wohin.“ im Hier münden lässt, das Jetzt propagiert. Das gleichfalls sprachlich gewaltige Nur Worte entkommt allen Klischees, gerät dabei zu einer gedankenschweren Liebesbekundung, die die Welt eben nicht in eitle Wonne taucht. Auch Abschiede werden angemessen zelebriert, wie bei  Du bist gegangen in erinnernden Schmerz gehüllt. Die introspektiven Einblicke sind Erkenntnisse jenseits des Blablas des Offensichtlichen und klingen durchaus mal verzweifelt (Der Augenblick), Liebe wird nicht mit einem abgetakelten Schubidu zelebriert, vielmehr gleich in höhere Sphären gehievt (Sterne). All die Lieder vereinen Emotionen mit Fragen, zeugen von einem auf Psychohygiene ausgelegten Gefühlshaushalt, der Zweifel und Suche nicht wegdrückt, Verlangen mit gehobener Romantik bündelt – wie bei Fast jeden Tag.

<a href="http://mobcamp.bandcamp.com/album/mich-kriegt-ihr-nicht">Mich kriegt ihr nicht by mob</a>

Letztlich werden genau diese Sentimente mob zum Verhängnis. Oberflächliche Hörer werden von dem aufgeräumten Tiefgang wohl abgeschreckt. Beseelte Denker freilich sollten die Wiener Band in Herz und Hirn aufnehmen. Mich kriegt ihr nicht gehört zu der Sorte Alben, die es im deutschsprachigen Raum viel zu selten gibt – und in österreichischen Landen seit Ewigkeiten nicht mehr gab.

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