Unmüffeliges Dark Horse – The Blue Angel Lounge

Wenn schon retro, dann kann man auch gleich eine wichtige musikalische Epoche neuinterpretieren. Die Einfaltspinsel wählen die 80-er, clevere Musiker fokussieren sich auf die sechziger Jahre. Und genau diesen Ausgangspunkt wählt die deutsche Band The Blue Angel Lounge, deren selbstbetiteltes Debüt im Januar 2010 nun europaweit veröffentlicht wurde. Tatsächlich wirkt das psychedelische Sound-Gerüst der Formation kompakt und trotz der Referenzen an eine gute alte Zeit alles andere als abgedroschen. Dazu gesellt sich ein kleine Prise Shoegaze – womit wir also doch wieder in den Achtzigern wären. Ohne jedweden Kokolores erreichen die Songs eine geradezu hypnotische Wirkung, machen die Band zu einem veritablen Geheimtipp.

Bereits der Opener Looming Solid Massive Steamer fasst die Stärken von The Blue Angel Lounge wunderbar zusammen. Repetitive Elemente werden durch verzerrte Gitarren zum Höhepunkt getrieben, zum genretypischen Flair trägt die Percussion bei. Man addiere einen sich dem Sound unterordnenden, düster anmutenden Gesang – und bekommt ein Ergebnis, welches sich wirklich sehen lassen kann. Das Schwelgen in LSD-Wolken flutet die gesamte CD, sickert in die Ohren des Hörers, zeitigt Wirkung. Highlights eines Albums ohne Füllmaterial sind das faszinierende Desert Shore, ein wie aus den Schwaden einer Hippie-Kommune flirrendes, traumhaftes Orange In Green, das klagende Into Cold Water oder Die Away As One In Time, das leider viel zu kurz geraten scheint. Denn wenn es einen Makel zu erwähnen gilt, dann wohl diesen: Einige Songs wirken wie Miniaturen, denen die Band zu Unrecht nicht zutraut auf 5 Minuten ihre volle Wirkung zu entfalten. Mit Lsd And The Search For God und Rising End wandeln The Blue Angel Lounge in Richtung Shoegaze, bescheren einmal mehr einen Zustand der Entrückung, runden ein beeindruckendes Gesamtbild ab.

Dass ein Dark Horse, das so absolut zufällig in mein CD-Regal getrabt ist, mich derart zu überzeugen vermag, geschieht nicht oft, eigentlich immer seltener.  Und so wenig ich über die Band auch herausfinden konnte, so sehr bin ich gleichzeitig der Auffassung, dass die Jungs mit reichlich Talent gesegnet sind. Das Songwriting überzeugt durch und durch, so sehr, dass ich mehr davon begehre. Denn obwohl man weiß, woher der Wind weht, riecht die Chose nie müffelig. The Blue Angel Lounge liefern ein hervorragendes Erstlingswerk ab, an dem man sich nicht schnell satt hören kann. Ich bin enthusiasmiert und baue mir im Geiste einen Joint, um den mich jeder Berliner Drogen-Dealer beneiden würde.

Live-Auftritt:

25.03.10 Köln – Tsunami Club

Link:

MySpace-Auftritt mit Hörproben

SomeVapourTrails

4 Gedanken zu „Unmüffeliges Dark Horse – The Blue Angel Lounge

  1. Danke für die sehr fundierte Kritik, trifft ins Schwarze!

    Meine persönlichen Highlights auf diesem überragenden Debut-Album ohne eine falsche Note sind neben „Desert Shore“ das verträumte „Hundred Years In Love“ sowie das eher nihilistische „The God“.

    The Blue Angel Lounge haben im Berliner 8MM-Studio vor Wochenfrist die Aufnahme ihrer 2ten LP abgeschlossen. Unterstützt u.a. von Anton Newcombe (The Brian Jonestown Massacre), der die Jungs sehr schätzt. Dein Wusch nach „mehr Stoff“ von BAL wird sich in der 2ten Jahreshälfte erfüllen, das Warten lohnt! Die Jungs sind sone Art creativer Overkill, sprühen geradezu vor mitreißenden Song-Ideen….

    Vielleicht noch die Ergänzung, dass die Musik von The Blue Angel Lounge auf befremdliche(?) Weise „undeutsch“ klingt. Fans in London, Paris oder Kopenhagen hätten die nie der hiesigen Musiklandschaft zugeordnet. Zumal BAL ihre ersten Songs in den USA (Daydream Generation-Sampler 1/2!) releast hatten.

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