Unser Star für Oslo – Der feine Unterscheid

Mögen die Verfechter des Prekariatsfernsehens gute Sitten als Langeweile deklarieren, das Fehlen von starken, bisweilen niveaulosen Sprüchen monieren und den Mangel an Tranendrüsen nährenden Exbitionismus nur begrenzt goutieren, letztlich muss sich Fernsehen ja nicht nach den Wünschen der SZ richten. Der letzte Showdown vor dem großen Finale verdichtete bereits gewonnene Erkenntnisse. Unser Star für Oslo versucht seine Protagonisten zu bestärken und nicht auszubeuten. Das ehrt Stefan Raab, besonders weil hier in Form von Lena Meyer-Landrut ein Kaliber entdeckt wurde, wie es DSDS in hundert Staffeln nicht fabrizieren vermag. Das liegt natürlich daran, dass bei USFO nicht das ewig gleiche Chartsgesülze runtergeleiert wird und die Teilnehmer Musik nicht in erster Linie als Glitzer-Glamour-Show verstehen, sondern Gesang als Mittel des eigenen kreativen Ausdrucks empfinden. Das mag nicht immer überzeugend gelingen, aber zumindest die Haltung verdient Anerkennung.

An der Spannungsschraube wurde gestern erfolgreich gedreht, sahen doch die Regularien vor, dass bereits nach dem ersten Reigen der vier verbliebenen Kandidaten per Voting ein Teilnehmer von der Bühne geschickt werden sollte. Kerstin Freking, die in dem Format die nette, leicht farblose Elfe gab, schied zurecht aus. Bei allen guten Ansätzen fehlte es ihr letztlich an Ausstrahlung und Selbstsicherheit. Sie sollte sich eine Band suchen, vielleicht gerieten ihre soliden Auftritte vehementer, wenn nicht alle Augen auf sie gerichtet wären. Die verbliebenen Drei durften ein weiteres Liedchen zum Besten geben, ehe eine zweite Abstimmung die Finalisten kürte. Mit Christian Durstewitz, der die Show zwar als bunter Hund bereicherte, aber mit seiner speziellen Attitüde teils auch vom eigenen musikalischen Können ablenkte, verabschiedete sich jemand, der schlicht und ergreifen nicht mehrheitsfähig wirkt. Der leicht clownesque Anstrich mag Fans gefallen und binden, aber die Masse fängt damit wenig an. So also kamen Jennifer Braun und besagte Lena Meyer-Landrut in die Entscheidung. Braun nimmt man das rockröhrenhafte Element ab und auch die Wahl ihrer Songs spricht ein breites Publikum an. Sie repräsentiert den besseren Mainstream, gleicht mit Intensität auch schlecht ausgesuchte Songs aus. Doch was bei Braun mit Kraft geschieht, erledigt Meyer-Landrut mit einem irritierten Gesichtsausdruck. Ihr Charisma reicht von nervigster Penetranz bis hin zu feinster Exzentrik. Eine hochgradig wiedererkennbare Stimme wird durch einen sehr eigenen Vortrag verstärkt, dazu wählt die Dame viele Lieder, die eben noch keinen langen Bart haben. Diese Cleverness beeindruckt.

Der gestrige Abend zeigte auch, dass es in der Regel eben doch einen feinen Unterschied macht, ob in der Jury irgendwelche selbsternannten Erfolgsproduzenten oder Manager sitzen oder aber ein Jan Delay. Musiker, die sich den Erfolg erarbeitet haben, wetzen nicht gleich das Messer, sprechen lieber Mut zu, weil sie um die Mechanismen des Geschäfts wissen. Das mag man nun als Floskeln interpretieren, ich zumindest ziehe jene allen Gehässigkeiten vor. Ein Adel Tawil oder Jan Delay sind lieber handzahm als mit markigen Sprüchen auf Kosten anderer profilierungssüchtig. Und Barbara Schöneberger empfinde ich ohnehin als wohltuend, solange sie nicht singt. Über ihren letzten Ausflug in die Musikwelt breite ich daher auch den Mantel des Schweigens. Aus dem schmusigen Grundtenor der Show will ich USFO keinen Strick drehen. Ich bevorzuge bemühte Seriosität, der Schund für die Massen darf ruhig die SZ begeistern.

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Offizieller Webauftritt von Unser Star für Oslo

SomeVapourTrails

Ein Gedanke zu „Unser Star für Oslo – Der feine Unterscheid

  1. Inzwischen habe ich mich auch mit dem Konzept angefreundet. Mein Favorit ist jedoch Jennifer Braun. LML kann zwar nich so gut singen (liegt immer ein wenig neben den Tönen), dafür hat sie natürlich eine Ausstrahlung, der man sich wohl schwer entziehen kann – selbst ich fand sie beim TV Total Interview recht sympathisch. Vermutlich wird sie gewinnen und mit etwas Glück auch Deutschland gut platzieren. Ich sehe es momentan so: Wenn ich zwischen LML und Stefanie Heinzmann wählen müsste (denn sie bekommt auf jeden Fall eine Zusammenarbeit mit Stefan Raab spendiert und wird in Dt. ein Album herausbringen) ist mir LML tausenmal lieber weil sie m.E. mehr „eigene“ Identität mitbringt.

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