Warum eine Musik-Flatrate anrüchig scheint…

Ja, ich habe es schon längst verstanden. Die Major-Label Universal, Sony, EMI und Warner sind doch nur auf größtmöglichen Profit aus – und weil dieser nicht mit Schostakowitsch zu erzielen scheint, hieven sie halt Ramsch in die Charts. Die Vormachtstellung der großen Vier verhindert jedwedes Aufkeimen alternativer, niveauvoller Labels und Konzepte. Überhaupt fressen diese bösen Primusse sogar Kinder! Tja, und dass die real existierenden kleinen Plattenfirmen den Markt nicht aufzumischen wissen, das darf wahlweise der unglücklichen Verquickung von Idealismus mit mangelndem Geschäftssinn oder einer kruden Künstlerwahl angelastet werden. Wie man das von gewissen Kreisen artikulierte gesunde Volksempfinden auch dreht und wendet, dem Konsumenten und vermeintlichen Musikliebhaber fällt immer die Rolle des Unschuldsengels zu. Sich die Hände in Unschuld zu waschen, während man genug Dreck am Stecken hat, das mag zwar eine konsequente Verdrehung der Tatsachen darstellen, aber eben keinen Lösungsansatz bieten.

Dieser Tage wird wieder vermehrt über eine Musik-Flatrate bzw. eine generelles kulturelles Rundum-Sorglos-Paket für digitale Gefilde debattiert. Ihre Proponenten wollen mit dieser von staatlicher Seite oktroyierten Lösung vorherrschende Zustände legalisieren. Gerade jüngere Semester, die mit der Tauschkultur sozialisiert worden sind, sollen auf diese Weise mit ins Boot geholt werden, so die ein wenig heuchlerische Begründung. Warum solch eine Abgabe auf Breitbandanschlüsse, die ohnehin von den Eltern bezahlt werden würde, Teenagern ein Bewusstsein für den Wert von Musik vermitteln soll, entzieht sich meinem Vorstellungsvermögen. Eher schon könnte dieses Konzept eine andere, bedenkliche Tendenz noch weiter verstärken. Musik verkommt immer mehr zu einem Trend, der ein paar Wochen anhält und dann dem Vergessen anheim fällt. Unsere schnelllebige Zeit verringert die Wirkungsdauer eines Werks drastisch. Ein im Dezember die Charts stürmender Hit scheint im März schon wieder völlig vergessen, kommt aus der Mode, wird von neuen Hits verdrängt. Dieses Muster führt natürlich dazu, dass Musik sich schnell verflüchtigt, keinen bleibenden Eindruck hinterlässt – und somit auch nicht gekauft werden muss. Wer erinnert sich denn noch an den letztjährigen DSDS-Gewinner, dessen Single letzten Sommer wohl oft im Radio oder auf VIVA zu hören und zu sehen war? Warum sollte die Generation Filesharing für etwas bezahlen, was sie letztlich immer nur kurze Zeit zu fesseln vermag und das es bis dato kostenlos gab. Und wenn aus Teenagern Erwachsene werden, wird jene Mentalität nur in seltenen Fällen eine Änderung erfahren.

Und liegt dies nun wirklich ausschließlich darin begründet, dass uns die vermeintlich bösen, großen Labels nur mit musikalischem Schrott bombardieren? Natürlich nicht. Denn es gibt Alternativen, die selbstredend via Torrent oder Rapidshare erhältlich sind. Doch die Masse der Konsumenten kann sich mit Indie eben nur bedingt anfreunden – egal ob gekauft oder gesaugt.

Wenn also die wortgewandten Verteidiger des Tauschunwesens den schwarzen Peter der Musikindustrie zuschieben, werden die Opfer zu Tätern umgedeutet. Nicht überhöhte Preise oder törichte Kopierschutz-Mätzchen haben die Umsätze ins Bodenlose fallen lassen, es war die vor über 10 Jahren begonnene Sozialisierung von Jugendlichen, die künstlerische Schöpfungen letztlich als Wegwerf-Produkt ansieht. Die Methodik des unreglementierten Tausches, der eben nicht mit dem Recht auf Privatkopie zu rechtfertigen ist, hat zu einer höchst beliebigen Austauschbarkeit von Liedern geführt, die bei Platzmangel auch von der Festplatte gelöscht werden oder ungehört in den Untiefen der Verzeichnisse verschimmeln.

Eine staatlich Zwangsabgabe, wie es die Musik-Flatrate letztlich sein könnte, würde vor allem Unschuldige treffen. Diejenigen, die nichts zahlen wollen, würden ihr mit allen erdenkbaren Mitteln ausweichen. Die Konsumenten wiederum, die mit ihrem Geld die marode Branche bislang über Wasser halten, würden sich wohl vielfach auf diesen Betrag zurückziehen und damit vielleicht oft weniger ausgeben, als sie es momentan tun. Bleibt die Masse derer, welchen Musik wenig bedeutet, die nichts kaufen, geschweige denn runterladen. Sollte man eben sie für eine Misere schröpfen, die sie nie und nimmer verursacht haben? So sehr mir Musik auch am Herzen liegt, aber das hielte ich für anrüchig.

Warum auch der von mir geschätzte Tim Renner hier irrt, werde ich demnächst noch beleuchten.

Link:

Pro und Contra Musik-Flatrate

SomeVapourTrails

10 Gedanken zu „Warum eine Musik-Flatrate anrüchig scheint…

  1. Das grundsätzliche Problem ist nach meiner bescheidenen Meinung, das sich bei den Konsumenten (im übrigen zu Recht) die Meinung etabliert hat, MP3`s sind nichts wert. Für Nullen und Einsen Geld auszugeben, widerstrebt. Mit ein Grund für mich, weiter CD`s und Vinyl zu kaufen. Ein haptisch UND musikalische Vergnügen.

    PS: „Proponenten“ hatte ich nicht auf Tasche, musste ich nachschlagen. Wer es mit Fremdwörtern nicht so hat, ist hier immer richtig. 🙂

  2. Laut Wikipedia scheint Proponent in Österreich verbreiteter zu sein. Ob die von mir gehäuft verwendeten Fremdwörter die Liebe des Österreichers zu blümeranter Ausdrucksweise widerspiegelt oder nur persönliches Stilmittel ist, um mit meiner lateinischen Bildung zu protzen, vermag ich nicht abschließend zu beurteilen.

    Zur Mp3-Thematik sollte ich mal einen ganz langen Beitrag schreiben, das sehe ich schon ein wenig anders.

  3. Ich tippe auf „blümerant“, die Östereicher sind wohl ein wenig „umständlich“ 🙂
    Ps: ich habe da wohl auch schon einiges geschrieben.Vielleicht sollten wir mal in eine virtuelle Podiumsdiskussion über das Thema „Zukunft der Musikindustrie“ treten und das mal ausfighten.

  4. ich sehe wie peter genau dieses „nullen und einsen-problem“. kaufe auch weiterhin cds und vinyl. gehört einfach zum gesamtkonzept der kunstform „album“. singles sind definitiv nichts mehr wert…

  5. Hi Leute,

    ich verfolge die Diskussionen auch im Moment. Ich nutze schon seit fast einem halben Jahr eine Musik-Flatrate. Die kostet je nachdem rund 8,95 EUR im Monat und man kann beliebig viele Songs downloaden, im MP3 Format wohlgemerkt, ohne DRM Schutz. Für Flatrates sind Leute schon gerne bereit etwas zu zahlen, denn die illegale Schiene ist ja nicht ungefährlich.

    Einen guten Überblick gibts hier: xxxxx

    Liebe Grüße,
    Marie

  6. Liebe Marie, das ist ja wohl `ne Frechheit. Und dein Link ist kein guter Überblick, sondern Katzendreck. Durch meinen Spamfilter wärest Du nicht gekommen mit dem Link. Du machst hier Werbung in eigener Sache für den grössten Beschiss unter der Sonne. Abzocke und Betrug mit irreführender Werbung. Man zahlt und kriegt nichts. Noch nicht einmal ein warmen Händedruck.

  7. Warum ist da so ein komisches Monster und nicht mein edles Anlitz? Hast Du etwa schon wieder an den Avatar-Einstellungen rumgespielt?

  8. Proponent ist ja noch halbwegs selbsterklärend. Mich hats bei oktroyiert geschmissen 😉

    Ansonsten kann ich dem Artikel nur zustimmen. Diese Flatrate Geschichte ist so ziemlich das Dämlichste was ich in letzter Zeit gehört habe.
    Und ich befürchte auch, dass Musik dadurch noch mehr zum Wegwerf-Produkt verkommen würde. Und ich will mich selber da nichtmal ausnehmen. Klar würde auch ich deutlich mehr Musik besitzen, wenns quasi kostenlos wäre. Und ob das so gesund wäre, was die Wertschätzung des einzelnen Songs/Albums angeht, keine Ahnung…

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