Es müssen nicht immer sexuelle Gründe sein – Minze

Für jede neu gegründete Rock-Band mit ordentlich schrammelnden Gitarren und unschuldig-verführerischer, gern auch auf den Putz hauender Frauenstimme, lässt ein Engel im Himmel einen Pups. Und da ich Wolkensitzern ein gerüttelt Maß an den üblichen Verdauungsaktivitäten unterstelle, gibt es folglich viele, wirklich etliche, ungezählte Acts, die aus Jux und Tollerei dem Schema F huldigen. Mein feines Näschen für Menschenkenntnis barometert mir, dass die Motive für solch Band-Gründungen wohl oft sexueller Natur sind. Milchgesichtige Schlagzeuger und Gitarristen ermutigen ein mehr oder minder talentiertes Mädel zunächst vors Mikro, um in der Folge dann auch abseits der Bühne reüssieren zu können. Unter diesem Aspekt mögen gemischtgeschlechtliche Formationen ihren Mitgliedern viel Freuden bescheren, dem Hörer hingegen tun sie damit nicht immer einen Gefallen. Auch Ausnahmen können meiner Theorie nichts anhaben – die österreichische Band Minze jedenfalls kredenzt mit dem Debüt So viel Zukunft keine Zeit ein angenehm flottes, mit Ecken und Kanten ausgestattetes Album, das das Rad nicht neu erfindet, aber auch nicht an selbigem dreht.

Eigentlich stehe ich Bands aus meinem Heimatland sehr skeptisch gegenüber, denn entweder haftet ihnen der Mief einer musikalischen Provinzialität an oder aber das blasiert abgehobene Karma Wiener Zuschnitts. Minze jedoch klingen – und das meine ich als Kompliment – verdammt deutsch. Wir haben es hier mit dynamischem Indie-Rock zu tun, der um Spleens nicht verlegen scheint, zugleich auch eine eingängige Poppigkeit auftischt, welche ein breiteres Publikum anspricht. Das sind nahezu perfekte Voraussetzungen für den Durchbruch. Der sehr warme und erdige Sound steht dem manchmal exzentrischen, dann wieder straighten Gesang Lioba Renchers gegenüber. Das hat Charme! Doch klamüsern wir uns ganz kurz durch ein paar Lieder.

Kein Geld mit seinem Western-Galopp und verspieltem Dada-Text zählt zu den fraglos durchschlagenden Nummern des Albums, hat Potential zum Indie-Hit, was nicht zuletzt auf den zeitgemäßen wie nachvollziehbaren Refrain zurückzuführen ist. Locker, flockig und leicht hysterisch trifft der Track den Nerv der Zeit. Perfekt auch der gleichnamige Track mit schön wütenden Gitarren und zornigem Gesang. Rencher vermag sich in aggressiven Momenten melodisch aufzuplustern, nie einfach nur in ein Grölen abzudriften. Man verzeiht auch seichtere, zu glatt gebügelte Nummern wie Hol mich ab, das als 08/15-Chose beginnt und erst von feiner Bläserinstrumentierung konterkariert und somit gerettet wird. Die eigentlich Schwäche von Minze möge sich auch als clever kalkulierte Stärke erweisen. Balladeske Momente wie Sitz ich hier wirken zwar ein wenig beliebig, könnten aber ebenso ein Liebäugeln mit dem Mainstream sein. Da lob ich mir vielmehr das kecke Feierabendstadtschamane, welches textliche Würze und wiedererkennbare Eigenarten gut kombiniert, oder das Midtempo-Stück Realität mit feisten Gitarren. Wirklich bestens agieren Minze immer dann, wenn dick aufgetragene Instrumentierung den Song umrahmt und dem Gesang zugleich genügend Freiräume zur verschrobenen Entfaltung geboten werden, wie auf Kein Mann vorexerziert.

So viel Zukunft keine Zeit gehört zweifelsohne zu den hoffnungsvollsten Scheiben deutschsprachigen Gitarren-Rocks. Minze entpuppen sich als überdurchschnittliche Formation, deren Gründung wohl mal keine sexuellen Gründe hatte. Dafür danken meine Gehörgänge sehr!

MINZE | Kein Geld from GretschHouse on Vimeo.

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