Expedition in die Extravaganza – Mardi Gras.bb

Habe ich in der Vergangenheit die Alben der Formation Mardi Gras.bb immer irgendwie übersehen, so fiel mir das neueste Werk Von Humboldt Picnic einfach so in den Schoß und mehr noch mein Blick immer öfter auf das stylisch-edle CD-Cover. Ich hänge ja der These nach, dass gute Musik auch schlechte Cover tragen kann, aber schlechte Scheiben nie gute Booklets haben. Im vorliegendem Beispiel ergänzt die illustre Verpackung exzeptionelle Lieder. Von Humboldt Picnic trägt einen signifikanten Sound zu Markte, abwechslungsreich, exotisch, voller Kniffe, ein Wonneproppen für denjenigen Connaisseur, der anstatt Magermusik das gewisse pralle Etwas sucht.

Der Kerngedanke der Platte manifestiert sich im Versuch einer Kontinente umspannenden Entdeckungsreise, weshalb man Alexander von Humboldt nacheifert – also nicht irgendeinem dahergelaufenen Abenteurer, vielmehr dem großen Universalgelehrten mit ausgeprägtem Forscherdrang. Bereits die Songtitel umrunden den Erdball, man schreckt weder Asien noch Amerika. Und so vielgestalt wie die Einflüsse, so kompakt erweist zugleich sich die gesamte Scheibe. Nachdem das erbauliche Dehli Morning Raga den Sonnenaufgang zelebrierend in indische Gefilde lockt, gerät der Übergang zu einem beschwingten lärmig-jazzigen Brass-Sound bei Still In Love With Montreal fließend und ohne Brüche. Und just wenn man das Ende des von Bläsern herrlich umgesetzten chansonesque Element bei Blvd. de Clichy mit einem Quel dommage! beseufzen möchte, torkeln die Verlockungen des Orients in Form von Benim Ismim Mahmut Altunay entgegen, flötet eine Extravaganza daher, die nach weit mehr als biederer Aufbereitung eines oftmals abgetakeltem World-Music-Stils klingt. Hinter der Sprunghaftigkeit im Durchforsten verschiedenster Folklore steckt ein Konzept, das vermeintliche Kuddelmuddel führt in geballter Konsequenz zu einem kosmopolitischen Flair, das Moderne und Tradition gleichermaßen umgarnt. Die ineinander greifenden Lieder treiben die Vermengung noch weiter auf die Spitze. Irina Smiles tarnt sich anfangs als eine allen Moskowitern zugedachte schallende Ohrfeige, ehe das Lächeln eines Mädchens die Szenerie aufhellt. Heart Of Darkness mutet wie eine von Tom Waits beknarzte, bedeutungsschwere Tour durch den Kongo an und Monk Punk gerät zum ausgelassenen, tibetanischen Schunkeltanz. Ob die herrlich in Lo-Fi schwimmende Gesangsspur bei Americanos und dem darin geäußerten Verlangen nach Coke oder Lotterie des Lebens mit hervorragend eingefangenem, kernig altmodischem, teutonisch-frivolem Blaskapellenambiente, man spürt mit jeder Faser den Einfallsreichtum der mit dem dazu nötigen handwerklichen Können einhergeht. Bowler Hat und Container No. 905 forcieren den Elan dieser Scheibe nochmals, dazwischen nistet sich ein in jeder Hinsicht melodramatischer Song namens Oscar Murón, der den Heimweg zur Liebsten durch einen Bombenanschlag der ETA beendet weiß. Welch Kunstgriff!

Was nun bekränzt Von Humboldt Picnic – abgesehen von der qualitativen Hochwertigkeit? Wohl auch der Umstand, dass Mardi Gras.bb aus Deutschland kommen, das gesamte Ensemble um Mastermind Doc Wenz aber mit der Finesse kosmopolitischer Musik-Koryphäen agiert. So darf diese Expedition in aller Herren und Frauen Länder als hochgradig gelungen erachtet werden. Wie spielerisch und gewitzt sich Brass mit Sampling und sogar einer Prise Turntablism vermengt, das bezeugt Stil wie Findigkeit. Da bleibt das Artwork nur Tüpfelchen auf einem fein ziselierten i.

Tour-Termine:

16.04.10 Dortmund – FZW
17.04.10 Halle – Objekt 5
24.04.10 Reutlingen – Franz.K
27.04.10 Oldenburg – Staatstheater
29.04.10 Heidelberg – Karlstorbahnhof
30.04.10 St.Gallen (CH) – Festival
01.05.10 Innsbruck (A) – Treibhaus
06.05.10 Krefeld – Kulturrampe
07.05.10 Emlichheim – Haus Ringerbrüggen
12.05.10 Karlsruhe – Tollhaus
14.05.10 Jena – Kassablanka
15.05.10 Dresden – Groovestation

Links:

MySpace-Auftritt

Band-Seite auf Hazelwood (nicht aktuell)

SomeVapourTrails

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