Für Schluckspechte und Quartalssäufer – White Hinterland

Schluckspechte, die sich jedwede musikalische Neuveröffentlichung gierig hinter die Binde kippen, dabei oftmals auch billigen Indie-Fusel bechern, haben nun die seltene Gelegenheit die Kehle mit einem edlen Tropfen zu erfreuen. Wer nach allem greift, was so in zwielichtigem Dämmer über den Tresen geschoben wird, der erhascht zu oft minderwertiges Zeugs. Wenn nun dieser Tage die Veröffentlichung von White Hinterland in aller Munde ist, dann bedeutet dies den raren Fall, in welchem tatsächlich erstklassiger Wein dekantiert wird. Und jeder noch nicht mit dem üblichen, stark gepanschten Indie-Gesöff verbrannte Gaumen darf sich daran ergötzen, so wie das Näschen das Bouquet lieben wird.

Mein alkoholgetränkter Vergleich soll verdeutlichen, dass das neue Album Kairos sowohl den Quartalssäufer als auch den in täglicher Verkostung geeichten Feinschmecker unter den Musikfans zu begeistern vermag. Es ist im besten Sinne eine Platte, die nicht mit Anspruch geizt, doch stets süffig bleibt. Sängerin Casey Dienel wandelt zusammen mit ihrem Partner Shawn Creeden sicher durch eine traumtrunkene Klanglandschaft, deren erfrischend-betörende Kühle jedweden glasigen Blick schärft. Bereits der Opener Icarus lässt die Sektkorken knallen. Ätherisch Gejohle lockt sirenenhaft, untermalt von einer sachten Brise, welche das Entschweben zu einer Leichtigkeit werden lässt. In der Folge beschert das schwerelos-spacige Moon Jam einen wunderbaren Electronica-Augenaufschlag. Man merkt bereits zu Beginn, dass hier geschüttelt und nicht gerührt wird. Über weite Strecken gemahnt Kairos eher an hochprozentige Kost aus verzauberten europäischen Gefilden denn an das übliche amerikanische Gebräu.  Es mundet eher wie Absinth, nie wie Bud Light. Der Track Amsterdam zählt zu den hervorragendsten Stücken, wenn  einem sterilen Gehämmer die Magie Dienels gegenübersteht und dieser Kontrast harmonisch ineinander greift. Die elfische Aura des Gesangs winselt auch auf dem von monotonen Beats geprägtem Thunderbird nie fragil, spannt sich vielmehr mit selbstbewusst in die Hüfte gestemmten Armen vor den Karren. Doch wäre es falsch zu meinen, dass Dienel die Zeche für irrlichterndes Ambient zahlt, gerade der düstere, elektronisch-reduzierte, mit einem Hauch von Poppigkeit gestaltene Sound erlaubt ihrer Stimme das Atmen, die volle Entfaltung. Cataract offeriert eine Erlesenheit, die kaum eine Winzerin unter all den Singer-Songwriterinnen in derart delektabler Manier zu kredenzen vermag. Wie gesanglich flexibel die Protagonistin agiert, unterstreicht das Tribal geprägte Bow & Arrow, wenn Dienel im Refrain R&B entfleucht.

In vielerlei Hinsicht sprechen White Hinterland mit Kairos den Typus Trunkenbold an, der auch bei einer Björk gerne einmal zu tief ins Glas guckt. Das Vorzeigealbum im Genre Dream Pop ist derart unangepasst und gegen den Strich gebürstet, dass es gerade deshalb einlädt, Schluck für Schluck genussvoll konsumiert zu werden. Die herbe klangliche Note wird vom ohne Süße servierten stimmlichen Liebreiz wundervoll kontrastiert. Da kann ich nur lauthals Prost rufen und jedermann raten, sich eine Buddel zu sichern.

Tour:

07.06.10 Hamburg – Übel & Gefährlich
08.06.10 Berlin – NBI

Links:

Offizielle Webseite

Label-Seite von Dead Oceans mit kostenlosen Downloads

SomeVapourTrails

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